Restrisiko – hätten wir es erkennen können (wollen)?

Am 30.12.2013 ereignete sich am Laufbacher Eck, Gemeinde Bad Hindelang (Bayern) ein Lawinenvorfall mit Personenbeteiligung, bei dem es nur durch viel Glück zu keinen Personen oder Sachschäden kam.

Zwei Skibergsteiger waren von der Lacherscharte mit Steigeisen über den Westgrat auf das Laufbacher Eck aufgestiegen und fuhren anschließend über die steile Ostflanke ins Bärgündletal ab. Dabei löste der zweite ein bis zu 50 m breites Schneebrett aus, das rund 200 Höhenmeter ins Tal rauschte. Die Höhe der Anrisskante betrug zwischen 5 cm und einem Meter.

Mich erreichte folgende Email (Auszug)

 Ich war heute mit einem Spezl zuerst aufm Großen Seekopf danach Kleiner Seekopf und dann hinüber zum Laufbachereck. Bis dahin waren wir der Meinung die Verhältnisse waren sehr gut und sicher. Vom Laufbacher Eck sind wir dann ins Bärgündle Tal abgefahren. Ich bin als erster hinein (Einfahrt ca.50Hm unterhalb des Gipfels) und als ich aus der steilsten Passage (Engstelle Felsen) draußen war fuhr mein Spezl rein. Dabei löste sich ein doch beachtliches Schneebrett. Die Anrissstelle war direkt unterhalb des Grates/Kamm. Mein Spezl wurde nicht mitgerissen und konnte oben stehen bleiben, ich konnte gerade unten noch reagieren und nach rechts wegfahren. Uns ist also nichts passiert.

War diese Gefahr zu erkennen? War Leichtsinn im Spiel oder war es schlicht und einfach das sprichwörtliche Restrisiko? Das Laufbacher Eck ist 2177 m hoch. Es handelt sich um einen 30 bis 40 Grad steilen Hang mit Ausrichtung Südost bis Nordost .Gefahrenstufe lt. Lagebricht:2 (mäßig)

Nachstehend der Lawinenlagebericht vom 30.12.2013.

Beurteilung der Lawinengefahr: Es besteht in den Allgäuer Alpen und im Werdenfelser Land oberhalb 1800m eine mäßige Lawinengefahr. In tieferen Lagen und im übrigen bayerischen Alpenraum ist die Lawinengefahr gering. Kleinräumige Gefahrenstellen liegen oberhalb 1800m in eingewehten Bereichen vor allem im schattseitigen kammnahen Steilgelände der Hangrichtungen Nordwest über Nord bis Nordost sowie in steilen Rinnen und Mulden. Hier ist eine Auslösung von kleinen Schneebrettlawinen insbesondere bei großer Zusatzbelastung, z.B durch eine Skifahrergruppe ohne Abstände oder durch einen Bergsteiger zu Fuß möglich, jedoch ist die Gefahr mitgerissen zu werden und abzustürzen höher einzuschätzen als die Gefahr verschüttet zu werden. Aufgrund gesunkener Lufttemperaturen ist die Gefahr der Selbstauslösung von Gleitschneelawinen zurückgegangen. Schneedecke: Der bayerische Alpenraum erhielt seit gestern nur noch geringen Neuschneezuwachs. Der Neuschnee der letzten Tage liegt in höheren Lagen schattseitig auf einer noch pulverigen, sonnseitig und in tieferen Lagen auf einer leicht verharschten Altschneedecke. Kammnah sind kleinräumige Triebschneeansammlungen anzutreffen in denen störanfällige Zwischenschichten eingelagert sind. Zusätzlich sind oberhalb 1800m noch immer ältere Triebschneeansammlungen zu beachten, die schattseitig auf aufbauend umgewandelten und kantigen Kristallen liegen. Insgesamt liegt im bayerischen Alpenraum nur wenig Schnee. Skitouren ins Tal abseits einer Skipiste sind trotz des Neuschnees kaum möglich. Nur im Westen der Allgäuer Alpen haben sich in den höheren Lagen nach dem letzten Neuschneefall die Skitourenverhältnisse etwas verbessert.

Das Hintere Ostrachtal war an diesem Tag einer der wenigen Gebiete gesamten Bayerischen Alpenraum mit ausreichend Schnee und überwiegend guten Skitourenbedingungen. Es wurden im Bereich Seekopf, Nebelhorn Schochen bereits sehr viele Steilhänge befahren, ohne dass es zu irgendwelchen Vorkommnissen kam.

Der Lawinenlagebericht hat die Gefahrenstellen bezüglich Exposition, Ursache, Höhenlage, vermuteter Häufigkeit richtig beurteilt und gemäß der international gültigen „bayerischen Matrix“ die Stufe 2 vergeben. Einzig mit der Größe der Lawine und der für die Auslösung nötigen Zusatzbelastung lag er daneben, Wobei man darüber streiten kann, ob scharfes Abschwingen nicht auch schon eine „große Zusatzbelastung darstellt“ Doch würde diese Erkenntnis nichts an der Gefahrenstufe 2 ändern.

Lawine Laufbacher Eck 30.12.2013
Die Lawine am Laufbacher Eck. Der Bruch erfolgte un ter einer kaum wahrnehmbaren Eislamelle, die die dünne Schwimmschneedecke am Boden überdeckte

0001_Bayrische Matrix

Wäre dieser Vorfall zu erkennen und zu vermeiden gewesen?

Mit lehrbuchmäßigem „Munterrechnen“ oder „Snowcardhinhalten“ lässt sich diese Frage nicht beantworten. Viel mehr ist es nötig, die Angaben im Lagebericht zu lesen, zu verstehen und in das Gelände zu übertragen. Das heißt bei Stufe zwei, die wenigen vorhandenen, aber dennoch existenten Gefahrenstellen zu erkennen und zu umfahren.

Dazu hilft das Denken in Prozessen weiter, wie Schwachsichten entstehen und welche kritischen Kombinationen es gibt.

Die vier k.o.-Kriterien

Die überlagernde Schicht ist weich

Die überlagernde Schicht ist gebunden (1)

Die kritische Schicht ist dünn (2)

Die kritische Schicht ist weniger als ein Meter tief

Alle diese Kriterien waren an diesem Tag an dieser Stelle gegeben. Eine Auslösung war somit hier unvermeidbar.

Es stellt sich nun die Frage der Erkennbarkeit. Im nach hinein lässt sich so etwas immer leicht analysieren und klug daher schwätzen.

Es ist menschlich nur zu verständlich, dass man nach dem relativ anspruchsvollen Aufstieg mit Steigeisen auf das Laufbacher Eck einfach dort hinunter fährt, wo der Schnee gut ist, anstatt die Ski wieder über die gefrorene, steilgrasige Westflanke hinab zu tragen. Führt die geplante Route in eine im Lagebericht genannte Gefahrenzone, so sollte man grundsätzlich die Lage auf die möglichen Punkte untersuchen. Ein detailliertes Schneeprofil ist dazu nicht nötig.

  • Gebundenen Schnee erkennt man, das der Steg zwischen den Spuren stehen bleibt und nicht wie Zucker zerfällt, oder das Ausstechen eines Blocks möglich ist.
  • Dünne Schwachschichten können weniger Kräfte aufnehmen und der Bruch kann sich besser Fortpflanzen. Der grießelige Schwimmschnee, der mit jedem Meter in Richtung Süden von einer stärkeren, gebundenen Neuschneeschicht überlagert war, hätte man vom oben kommend im Bereich der Einfahrt bemerken können.

Die Frage ist nur, wäre man, wäre ich bereit gewesen, im von oben gesehen linken Hangbereich im nicht oder kaum überdeckten Schwimmschnee mit ständigen Bodenkontakt abzufahren, oder wären wir doch lieber dort abgefahren, wo einfach reichlich und guter Schnee lag.

IMG_0675
Tiefblick vom Laufbacher Eck am 31.12.2013

..

Kurz nach dem Lawinenabgang: Foto M. Haidl
Kurz nach dem Lawinenabgang: Foto M. Haidl

Der positive Gesamteindruck dieses Tages mit Sonne,  Pulverschnee und nirgends Spuren von Lawinenabgäng en führt  dazu, dass das die potentielle Gefahr im Kopf ausge blendet wird (Kleiner Seekopf am 31.12.2013)
Der positive Gesamteindruck dieses Tages mit Sonne,
Pulverschnee und nirgends Spuren von Lawinenabgäng
en führt
dazu, dass das die potentielle Gefahr im Kopf ausge
blendet wird (Kleiner Seekopf am 31.12.2013)
Fazit:
Die Erkennbarkeit war gegeben, wenn auch schwierig
. Vermutlich hätten aber die Allermeisten von uns „erfahrenen Skibergsteigern“ nach den positiven Erfahrungen dieses Tages (steilste Hänge rundum wurden befahren, keine Spuren von Lawinenabgängen, Sonne und Pulverschnee) diese Gefahr mehr oder weniger ausgeblendet.
Ein klassischer Fall von Restrisiko
Wir haben es hier mit der im Allgäu untypischen
ALTSCHNEESITUATION zu tun. Vergleiche „Schweizer Gefahrenmuster“

Kristian Rath im Januar 2014

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Ein Kommentar zu “Restrisiko – hätten wir es erkennen können (wollen)?”

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