Föhn und Westwind. Wohin bei Problemwetterlagen?

Jeder Skibergsteiger hat es schon mal erlebt. Im Föhnsturm knapp unterm Gipfel umgedreht, bei der Abfahrt mit Presspulver und Pappschnee gekämpft, an dünn überschneiten Steinen die Skier ruiniert, während ein Tal weiter von Windstille, Pulverschnee und stabiler Unterlage berichtet wird. Zufall? Pech? Eher nicht. Eher eine Frage der Tourenplanung. Meine Beobachtungen zeigen, dass selbst alten Hasen das Gespür für die lokalen Besonderheiten im Wettergeschehen fehlt. An was liegt es?

Etwa daran, dass die Wetterberichte auf die lokalen Besonderheiten nicht eingehen? Daran, dass selbst Wetterdienste wie Meteoblue entgegen ihren eigenen Ansprüchen oft an diesem Thema scheitern?

meteoblue berechnet eigene hochauflösende Wettervorhersagemodelle. Räumliche Auflösung beschreibt die Anzahl der Gitterzellen in einem Prognose-Modell, wie der Abstand zwischen zwei Gitterzellen im Modell definiert. Durch hohe räumliche Auflösung, d.h. geringer Abstand zwischen Gitterzellen, kann eine besser lokalisierte Wettervorhersage z.B. die Auswirkungen von lokalen Luftströmungen, der Topographie und der Bodenbedeckung zeigen. Die dadurch erzeugten Vorhersagen zeigen lokale Wetter Unterschiede in präziser Weise. Beispiele für die Möglichkeiten der Anwendung numerischer Prognosen mit hoher Auflösung sind:

  • Unterscheidung zwischen Tal-, Hang- und Gipfel-Temperaturen in Berggebieten.

  • Erkennung von Wetterbarrieren (z.B. Alpen, Anden, Appalachen) und Unterscheidung der daraus resultierenden Thermal-, Wind– und Niederschlagsmuster.

  • Darstellung von lokalen Thermikverhältnissen wie zum Beispiel Winde (Föhn, Bise, Bora, Chinook), Gewittertätigkeit, etc.

Quelle: Nachstehender Link. http://content.meteoblue.com/de/forschung-und-entwicklung/datenquellen/nmm-modellierung/aufloesung

Letztlich hilft nur langjährige Erfahrung, der Abgleich mit Freunden( Wo warst du und wie war´s?) und logisches Denken den berühmten „Griff ins Klo“ zu vermeiden. Ein bisschen Zufall und Glück gehört auch dazu. Aber eben nur ein bisschen. Die ZAMG ist einer der wenigen Wetterdienste, die hin und wieder Formulierungen, wie „ in den typischen Föhnschneisen“ verwendet. Die Interpretation dieses Satzes, wo und mit was zu rechnen ist, überlässt die dem Leser, was auch logisch ist, da eine genauer Bericht für jedes Alpental den Rahmen sprengen würde. Es folgt die Erkenntnis: Du musst zwischen den Zeilen lesen.

Ein sonniger Wintertag mit frischen Pulverschnee Anfang der 90er Jahren. Als Ziel haben wir die Pleissspitze in den nördlichen Lechtaler Alpen gewählt. Das Wetter ist wolkenlos. Oberhalb der Bichbacher Alm empfängt uns kräftiger Sturm. Bald schon wird dieser lästig. Den Gipfel erreichen wir nur mit großer Anstrengung. Von Abfahrtsgenuss konnte entlang des inzwischen freigewehten Rücken keine Rede sein. Tiefer unten im Wald gabs dann nur noch schweren, nassen Pappschnee. Abends erfahre ich, dass zwei meiner Freunde vom Nebelhorn aus den Schochen bestiegen haben. Sie schwärmten von Sonne, Pulverschnee und windstillem Wetter. Wir hatten also mit der Wahl unseres Zieles etwas falsch gemacht. Aber wie hätte man diese Situation erkennen können?

Während der Wind in der Höhe mehr oder weniger gleichmäßig weht, wird er an der gebirgigen Landoberfläche von der Topographie beeinflusst. Es entstehen Staueffekte, Leewirkungen, Düseneffekte, Verwirbelungen, horizontal und vertikal verlaufende Wellen.

Gleichartige Windverhältnisse (z.B. Föhn) erzeugen demnach auch gleichartige oder ähnliche lokale Verhältnisse. Sprich das Lee, die Föhnwelle, die Düse treten in der Regel an der selben Stelle auf.

Für den Bergsteiger gilt es nun, aus dem allgemeinen Wettergesehen, der aktuellen Wettervorhersage und deren wagen Angaben (z.B. in den typischen Föhnschneisen) eine erweiterte Prognose für genau sein Ziel zu erstellen.

Dazu ist es nötig, die immer wiederkehrenden Windverhältnisse in seinem Tätigkeitsgebiet zu kennen.

Westwind:

Bschießer Ponten nach Westwind
Bschießer und Ponten Anfang Januar 2015. Der Weststurm hat ganze Arbeit geleistet. Gute Verhältnisse sind hier erst zu erwarten, wenn eine windarme Nordstaulage ausreichend Neuschnee bringt.

Die typische, milde, stürmische Westströmung fegt am Alpenrand entlang. Gepaart mit leichten Stau- und Düseneffekten sind besonders die West-Ost-Täler am Alpenrand betroffen. Als die Windschneise schlechthin kann bei Westwind dass Tannheimer Tal und das Oberjoch bezeichnet werden. Verstärkt wird diese Situation noch durch die Abdrift des Sturmes an der Nebelhorn-Daumen-Kette, die diesen dann direkt auf den Stuibensattel und anschließend als Fallwind ins Tannheimer Tal lenkt.

Hauptbetroffen von dieser Situation sind die Berge Iseler, Kühgund, Bschießer, Ponten und Rohnenspitze.

Sollte also eine atlantische Westströmung, Westwetterlage oder etwas ähnliches angekündigt sein, sollte man Oberjoch, Tannheimer Tal  eher meiden. Das selbe gilt für die Nagelfluhkette und den Grünten.

Auffällig ist auch, dass bei diesen Westströmungen am Alpenrand die Schneefallgrenze stark anstiegt, während sie in windberuhigten Nord-Süd-Tälern oft noch im Talgrund verharrt.

Während und nach dieser Wetterlage sind die Aussichten auf günstige Schneeverhältnisse in dem genannten Gebieten so lange gering, bis nach einer windarmen Nordstaulage die Karten neu gemischt wurden.

Güntli
Güntlespitze im Januar 2015. Viel Schnee liegt nicht. Aber immerhin hat hier der Westwind nur den Gipfelhang (im Schatten oben rechts) in Mitleidenschaft gezogen

Was tun?

Walsertal, statt Tannheimer Tal. Eventuell Hintersteiner Tal. Auch die Lechtaler Seitentäler oder die Täler von Oberstdorf zum Allgäuer Hauptkamm sind bei Westwind recht ruhig. Wer dort bei einer derartigen Wetterlage unterwegs ist, sollte aber genau wissen was er tut. Im Gipfelbereich führt auch ein abgeschwächter Westwind zu umfangreichen Verfrachtungen.

Föhn:

Der Föhn Weht von Süd nach Nord über die Alpen und wirkt besonders entlang der tiefsten Passübergänge, Süd-Nord-Tälern und natürlich der Kombination aus beidem. Betroffen sind somit die Berge entlang dieser Örtlichkeiten.

Wetterwerte Tirol 15.1.2015

Wetterwerte Vorarlberg 15.01.2015

Beide Tabellen stammen von der ZAMG vom 15.1.2015.

Vergleicht man die Werte von Tannheim, Holzgau, und Schoppernau auf der einen Seite

und

Mittelberg/kleinwalsertal und Schröcken auf der anderen Seite

so wird rasch klar, wo der Föhn wirkt und wo nicht.

Die Hauptföhnschneisen der Region sind die Linien Arlberg-Flexen-Kleinwalsertal-Illertal bzw. Flexen-Schrofenpass-Rappenalptal-Illertal

hammospitzen
Föhnsturm über Hammer- und Hochgehrenspitze (zwischen Kleinwalsertal und Rappenalptal gelegen.)

Und das untere Lechtal etwa zwischen Elmen und Füssen, sowie der Fernpass.

Markant und regelmäßig zu beobachten ist der Föhn im Kleinwalsertal der vor allem aus dem Gemsteltal kommt, das Walmendinger Horn trifft und über die Süd-Nordachse ins Illertal zieht. Auch im Rappenalptal weht der Föhn markant. Weiter östlich im Spielmannsautal ist der Föhn schon deutlich schwächer. Es gibt Tage, an denen die Messstationen am Felllhorn Sturm anzeigen, während es am Nebelhorn nahezu windstill ist.

SZS1
Pulverschnee und kaum Wind bei leichtem Föhn auf der Sulzspitze im Tannheimer Tal

Was tun?

Als nahezu föhnsicher gilt Hinterhornbach. Auch das Lechtal etwa von Elmen bist Steeg bekommt nicht viel davon ab. Gute Chancen auf wenig Wind und Pulverschnee hat man auch am Oberjoch und im Tannheimer Tal. Ebenso das Hintersteiner Tal. Wer  bei Föhnlage unterwegs ist, sollte jedoch bedenken, dass auch ein abgeschwächter Föhn im Gipfelbereich noch für Verfrachtungen sorgen kann. Das Kleinwalsertal sollte man bei Föhn eher meiden

Sonderfall Zwischentoren-Fernpass-Pleissspitze

Nach der Lektüre obiger Zeilen, müsste man meinen, das West-Ost- ausgerichtete Zwischentoren, insbesondere die Pleissspitze, die sich zudem noch im Windschatten der Gartnerwand befindet, müssten weitgehend föhnsicher sein.

Das Gegenteil ist der Fall. Schuld sind die sogenannten Föhnwellen und die Tatsache das der „Reschenföhn“ auf dem kürzesten Weg die Alpen verlassen will. Er überspringt somit die östlichen Lechtaler Alpen um  bei Füssen das Flachland zu erreichen. Den Umweg über den Fernpass spart er sich.

Wenn also irgendwo von Südströmung, typischen Föhnschneisen usw. die Rede ist. sollte man diese Region, insbesondere Pleissspitze und Roter Stein besser meiden.

Nachstehend noch zwei ausführliche Links zu den Föhnwellen.

http://www.mountain-wave-project.com/pilotreports/pilotreport_12_10_2010.html

http://www.mittelgebirgsleewelle.de/theorie_short.htm

Februar 2010. Ich steige am Nachmittag noch auf den Iseler und fahre nach Norden durchs Kar ab. Am Gipfel nur leichter Südwind , im Kar der feinster Pulver. Im Osten sehe ich mit bloßen Auge die Schneefahren um die „Fernpassberge“

Dieses mal also alles richtig gemacht.

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Ein Kommentar zu “Föhn und Westwind. Wohin bei Problemwetterlagen?”

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