Durch die große Schlucht

Ein Traumhang lächelt das kundige Auge des Skitourengängers im Oberallgäu tagein tagaus an. Nicht zu flach, nicht zu steil, gleichmäßige 32 bis 35 Grad auf fast 600 Höhenmeter, fast im gesamten Landkreis bis hinab nach Kempten sichtbar.

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Am Eingang des Sperrbachtobels. Trettach und Mädelegabel im Morgenlicht

Eine Skitour par Excellence? Eine Modetour, die man pro Tag mit Hunderten Gleichgesinnten teilt? Doch Spuren sieht man in diesem Traumhang selten bis nie. Folgt dem Wunsch dort oben mal seine Bögen im Pulverschnee zu hinterlassen eine reale Planung, so stellt man rasch fest, dass die Alpenfaltung diesem Traumhang nicht nur ein langes Tal, sondern auch eine nahezu ständig von Lawinen, Stein- und Eisschlag bedrohte Schlucht vorgelagert hat. Die Schlucht trägt den Namen „Sperrbachtobel“.

Über diesen Anstieg als Skitour schreibt der längst vergriffene Alpenvereinsführer Allgäuer Alpen“

Der Sperrbachtobel ist auf seiner gesamten Länge extrem lawinengefährdet und einigermaßen sicher nur bei Nacht begehbar.

Nun, in klaren kalten Nächten nimmt zwar die Gefahr des Eischlags und der Nassschneelawinen ab, automatisch sicher ist der Anstieg deshalb noch lange nicht. Gleichwohl gibt es immer wieder die hochwinterlichen Schönwetterperioden mit kräftiger, nächtlicher Abstrahlung und Lawinenwarnstufe 1. Dann sollte es doch auch tagsüber passen? Meist jedoch passt es nicht, da die Hinterlassenschaften der vorangegangen Lawinentätigkeiten jeden Abfahrtsgenuss vereiteln. Blank gefegte Rinnen und haushoch aufgetürmte Lawinenkegel gestallten den Anstieg mühsam, heikel und wenig materialschonend.

Hin und wieder, selten zwar, nicht mal jedes Jahr passt es dann doch. Dann ist die Zeit da, für eine der eindrucksvollsten Skitouren des Allgäus.

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Selten, sehr selten, kommt man hier gut durch. Dann ist es fast eine normal Skitour

 

Die Nacht ist tiefer als am Tag geglaubt. Dieses Nietzsche Zitat ergibt zwar keinen wirklich Sinn, beschreibt aber doch meinen Gemütszustand als ich noch bei Dunkelheit die Häuser der Spielmannsau passiere. Bald endet die gemütliche Langlaufloipe. Dort wo sich das breite Trogtal zu einem scharf eingeschnittenen Tobel verengt ist  es dann hell genug, um ohne Lampe zu steigen. Die Route ist gespurt. Ein paar Skispuren im griffigen Altpulver, keine lästigen Lawinenkegel, keine Bollen. Ich komme rasch voran. Kurz noch zögere ich. Auf Touren, bei denen man alleine unterwegs ist, entwickelt man ein intensives Gefahrenbewusstsein. Passt wirklich alles? Ja es passt. Vor dem Aufbruch habe ich noch die Messstationen des Lawinenwarndienstes gecheckt. Lufttemperatur ca. null Grad, Oberflächentemperatur minus 20. Das spricht für eine kräftige Abstrahlung und eine gut durchgefrorene Schneedecke in den steilen Grasflanken oberhalb der Schlucht. Bald schon teilt sich das Tal. Ich biege links ab in den Sperrbartobel. Ab jetzt muss ich spuren. Meine Vorgänger hatten offensichtlich die Trettachrinne befahren. Ich folge dem im Sommer von 1000en Wanderern begangenem Weg in ein paar engen Kehren und erreiche bald die kleine Kapelle „Maria Knie“ die auf einem kleinen Köpfchen, wie auf einer lawinensicheren Insel am Beginn des Tobels steht.

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Maria Knie

 

Also hinein. Der Anstieg ist überraschend komfortabel. Die Lawinenkegel sind alt und geglättet. Kamen wohl als Pulverschnee herunter. Darüber liegen noch ein paar cm abgesetzter Pulverschnee. Hin und wieder liegt ein Eisbrocken von einem eingestürzten Wasserfall herum. Eigentlich wäre der Tobel auch ein Paradies für Eiskletterer, wenn der Zustieg nicht wäre. Bald wird der Schnee hart. Abfließende  Kaltluft hat den Pulverschnee nach und nach hart gepresst.IMG_4365

In 1700 m öffnet sich der Tobel, sanfte jungfräuliche Pulverschneehänge, umgeben von wilden Felsgipfeln bestimmen das Landschaftsbild. Ich statte dem gut eingerichteten Winterraum der Kemptner Hütte einen Besuch ab. Als ich wieder vor die Türe trete blinzelt die Sonne über den Grat.

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Die Kemptner Hütte

 

Was für ein Skitourengelände. Rundherum und keine Menschenseele unterwegs. Immerhin, ab jetzt ist wieder gespurt. Eine Gruppe war ein paar Tage zu vor vom Lechtal heraufgekommen. Auch kein bequemer Zustieg, aber immerhin leichter und sicherer als  durch die große Schlucht. Ich umrunde den Kratzer südlich. Meist im sanften Skigelände.

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Hochfrott, Mädelegabel und Trettach tauchen auf
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Aufstieg über sanfte Pulverhänge. Der Krottenkopf im Hintergrund

 

Nur die steile Rinne in die Gipfelscharte fordert nochmals ambitionierte Spitzkehrentechnik. Die Sonne brennt gewaltig, doch der Schnee firnt nur langsam oberflächlich auf. Ideale Bedingungen auch auf der Südseite. Die letzten 20 Höhenmeter zum Gipfelkreuz steige ich zu Fuß auf.

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Blick in die Trettachrinne, im Bild links
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Ausblick nach Norden
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Die Gipfelrinne

 

Einige Gipfel in der Umgebung sind bereits eingespurt, So die Mädelegabel, der Steinschartenkopf, die Trettachrinne und sogar die Hochfrottspitze. Aber meist nur zwei drei Spuren pro Gipfel. Am Kratzer bin ich in diesem Jahr der zweite. Soviel zum „Massenphänomen Skitour“. Zurück an den Skiern entscheide ich mich direkt nach Norden abzufahren. Schon nach wenigen Metern gehe ich wieder zu Fuß und stapfe eine enge, steile und felsige Rinne hinab. Nach 50 Höhenmetern ist sie breit genug und vor allem der Schnee ist tief genug. Vorerst noch hart gepresst und wenig genussvoll. Bald aber öffnet sich die Rinne. Vor mir liegt das Kratzerfeld. Jener Traumhang, der so markant das Landschaftsbild des südlichen Oberallgäus prägt.

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In linken Teil des Kratzerfeldes

 

Feiner,  gesetzter Altpulver. Jetzt bloß sauber fahren, keine Spurpatzer. Die Powderline sieht das halbe Allgäu. Auf halber Strecke halte ich doch an, quere nach rechts hinüber um direkt zur Kemptner Hütte abzufahren. Bald nach der Hütte endet der Pulvertraum. Die große Schlucht beginnt. Doch selbst hier macht die Abfahrt Spass. Kein Traumpulver mehr, aber gut fahrbar. Ein kurzweiliger Slalom zwischen Eisbrocken und kleineren Lawinenkegeln. Trotzdem schnell durch. Es ist bereits 10,30 Uhr und die Sonne brennt in die steilen Flanken oberhalb der Schlucht. Nach wenigen Minuten habe ich den kleinen Gegenanstieg zur Kapelle „Maria Knie“ erreicht.muttler

Ab jetzt wird die Abfahrt mühsam. Ich folge zwischen dichtem Gebüsch meinen Spitzkehren von heute Morgen. Bald darauf geht’s wieder zügig weiter. Ich nutze dabei die Spuren, die aus der Trettachrinne kommen.

Auf der leicht abschüssigen, noch harten Loipe lasse ich es schließlich das Tal hinauslaufen. Immer wieder bleibe ich stehen und blicke zurück auf meinen Traumhang.

Spielmannsau
in der Spielmannsau

 

Fazit:  Heute, am 20.2.2015 nur eine mittelschwere Tour mit ca. 1500 Höhenmeter Aufstieg. Landschaftlich außerordentlich eindrucksvoll. Der Sperrbachtobel weist selten brauchbare Bedingungen auf. Meist muss von seiner Begehung dringend  abgeraten werden. Bei einer anderen Gefahrenstufe als 1 spielt man in diesem Gelände eh Russisches Roulett.

Vom Lechtal aus, ist das Gebiet leichter und meist sicherer zu erreichen. Aber auch dieser Zustieg erfordert stabile Verhältnisse und den erfahrenen Skibergsteiger.

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Drei Jahre zuvor im Kratzerfeld. Wir waren zu zweit vom Lechtal aufgestiegen.

 

Ausführliche Beschreibungen zu den Skitouren in diesem Gebiet gibt es hier:

http://www.panico.de/skitourenfuehrer-allgaeu.html

Noch einen Hinweis zur Trettachrinne: Diese zählt zu den extremen Allgäutouren. Konnte man früher meist komplett mit Ski abfahren, so ist nun durch das Abschmelzen des Eises im Schluchtgrund ein Abbruch herausgeapert, der in schneearmen Wintern oft in heikler Kletterei überwunden werden muss. Im Abstieg je nachdem mittels kühnem Sprung, Abseilen oder heiklem Abklettern.  Potentielle Anwärter dieser Tour sollten das berücksichtigen.

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