Im Lande des Schwimmschnee

Schwimmschnee ist ein Typus Schnee, den man als Endprodukt der „aufbauenden Umwandlung“ bezeichnen kann. Typisch sind die so genannten Becherkristalle. Also grobkörnige (bis 1 cm Durchmesser),  hohle Schneekristalle, die keine Bindung untereinander und zu anderen Schneeschichten aufweisen. Früher  wurde der Schwimmschnee auch „Tiefenreif“ genannt. Als solcher wird er auch im Englischen bezeichnet  (depth hoar). Die Russen bezeichnen ihn schlicht  als Zucker, was  bis auf die kleineren Kristallformen des Zuckers auch recht zutreffend ist.

Am Alpennordrand sind flächige Schwimmschneefundamente selten. Das Vorkommen beschränkt sich häufig auf schattseitige Expositionen mit dünner Schneeauflage und zwischen Steinen und Vegetation wie Alpenrosen- und Latschengebüsch.

Häufiger kommt er schon in den inneralpinen Bereichen vor. Man spricht auch von einem „zentralalpinen Schneedeckenaufbau“.

Kritisch ist Schwimmschnee dann zu beurteilen, wenn er von „gebundenen“ Schneeschicht (en) überdeckt ist. Dann bildet er als Kugellager die ideale Basis für die Entstehung von Schneebrettern.

Schwimmschnee k4
Eine gebunde Schicht an der Oberfläche. Darunter rieselte der „Zucker“ heraus

Wir erinnern und an die KO-Kriterien

  • Die kritische Schicht ist weniger als ein Meter tief
  • Die überlagernde Schicht ist weich
  • Die überlagernde Schicht ist gebunden
  • Die kritische Schicht ist dünn
  • Die Kristalle der kritischen Schicht sind groß

Wenn nicht im Lawinenlagebericht genannt, geben ein Schneeprofil, ein Stocktest und ein Blick ins Gelände und die Schneegeschichte des Winters Auskunft, ob ein solches Schwimmschneefundament vorhanden ist oder vorhanden sein könnte. Ebenso deuten Setzungsgeräusche auf ein Schwimmschneefundament hin. In der modernen Lawinenkunde wird das auch als „Problem im Altschnee“ bezeichnet. Da natürlich auch die Vorstufe, kantig  aufgebaute Kristalle, schon eine kritische Schwachschicht darstellen kann. Siehe hier: http://www.alpenverein.de/chameleon/public/c2d4671b-2c0e-663b-d2bf-136416550308/Flyer-Achtung-Lawine_19290.pdf

Noch nie in meiner rund 30-jährigen Skitourenkariere habe ich einen dermaßen kritischen Schneedeckenaufbau mit Schwimmschneefundament erlebt, wie im März 2015 in Kirgistan.

Schon nach wenigen Schritten Setzungsgeräusche die durch Mark und Bein gehen. Risse in der Schneedecke im Bereich von 100 Meter Umkreis und mehr. Das Ganze sollte besser werden, sobald man die Ebene verlässt, da durch die Hangabwärtsbewegungen in der Schneedecke ja schon eine gewisse Entspannung statt gefunden haben sollte.

Schwimmschnee K5
Bruchfortpflanzung über mehr als 100 Meter in der Ebene. (Tien Shan März 2015)

Doch falsch gedacht. Die Schneedecke geriet durch Fernauslösung in Bewegung, wenn man sich einem Hang nur näherte. Also Skitouren auf Gelände unter 30, besser unter 25 Grad Neigung beschränken? Bleibt kaum was anderes übrig.

Schwimmschnee K 1
Fernauslösung bei fast noch tragendem Harsch

Selbst am Morgen, als sich nach klarer Nacht eine tragfähige Harschdecke gebildet hatte, das selbe Phänomen.  Wir erinnerun uns an die KO Kriterien. Zwar ist eine gefrorene Harschschicht gebunden, aber nicht weich, dort wo sie jedoch beginnt zu brechen, löst man schnell den „Bruch“ in der Schneedecke aus.

Schwimmschnee k3
Fernauslösung durch Sturz (Tien Shan März 2015)
Schwimmschnee K2
Da bleibt nur noch der Rückzug

Da auch das Wetter zunehmend zu Wünschen übrig ließ, wurden aus hochragenden Zielen bald keine Touren in den Vorbergen des Tien Shan  oder im Suusamyr Tal.

Schwimmschnee K6
In den Vorbergen des Tien Shan, nahe der Grenze zu China. Solche Touren konnte man auch bei kritischen Verhältnissen unternehmen. Die Berge im Hintergrund sind zwischen 3000 und 4000 m hoch

Kirgistans Skitourenberge würden für 1000e Bergsteigerleben reichen, wenn die Schneedecke stabil wäre. Offenbar ist ein derartig kritisches „Zentralasiatisches Schwimmschneefundament“ das wir ZAS genannt haben eher die Regel als die Ausnahme.

Um zu verstehen, warum dem so ist, muss man wissen, wie Schwimmschnee entsteht.

Es bedarf beim ersten Schneefall einen nicht gefrorenen Boden, sodann Schneefall und anschließend schönes, kaltes Winterwetter. Bei einer großem Temperaturgradienten in der Schneedecke lagert sich der im Schnee  vom Boden aufsteigende Wasserdampf an den Kristallen an. Es entstehen kantige Kristalle und in Folge davon Schwimmschnee (Aufbauende Umwandlung).  Also einfach ausgedrückt braucht es einen nicht gefrorenen, feuchten Boden und große Kälte an der Schneeoberfläche.  Würde es, wie im Januar 2015 im Allgäu geschehen, bis über 2000 m hineinregnen und sämtlichen Schnee zusammenkleben um wieder zu gefrieren, dann wäre Schwimmschnee kein Thema mehr. Im kontinentalen Klima Kirgistans beginnt es im Herbst nach einem warmen Sommer zu schneien. Es fällt immer wieder kalter Schnee auf kalten Schnee. Durch die anhaltende Kälte kann sich die aufbauende Umwandlung ungehindert fortsetzen.

Besonders kritisch wird es dann , wenn Neuschnee mit Wind den Schwimmschnee überlagert oder im Frühjahr.  Wer also eine Skireise nach Kirgistan plant, sollte sich mit dieser Tatsache auseinander setzten und auch eigenständig die Lawinengefahr ohne Lagebricht beurteilen können.

Mehr zu diesem faszinierendem Land in Kürze.

Powder KirgistanSS Kirgistan

Es gab auch feinen Powder in Kirgistan. Die Regel war es jedoch nicht. Auch diese Traumabfahrt endete im weichen Schwimmschneesumpf.

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Ein Kommentar zu “Im Lande des Schwimmschnee”

  1. War mit Karl Schott mal im Sommer in Kirgisien unterwegs.
    Karl hat im Winter die gleichen Erfahrungen mit Schwimmschnee gemacht. Ich glaube es gibt dazu einen Bericht in einem älteren DAV Jahrbuch.

    Andreas

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