Schalfkogel: Einsamer Ötztaler Gletschergipfel

Zugegeben, ich war noch nie ein  Fan der Ötztaler Gletscherwelt. Bestenfalls der Kaunergrat, Taschachhaus und die Reschengegend haben es mir angetan. Und doch gibt es fast jedes Jahr,  meist im Frühjahr eine kurze Zeit, in der gerade diese Ötztaler Gletscherwelt das ideale Ziel für eine ausgefüllte Skitour darstellt.  Eben an jenen Tagen, an denen man im Allgäu und Lechtal kaum noch irgendwo ins Tal abfahren kann und man einen hoch gelegenen Ausgangspunkt benötigt, um noch vom Auto weg mit den Skiern starten zu können. Es sollte schon eine Wärmeperiode vorausgegangen sein, damit die typisch zentralalpine Schneedecke endlich zu stabilen Firn verschmolzen ist. Anderseits  sollte noch ein sonniger und nicht zu warmer Tag zu erwarten sein. Genau an so einem Tag brachen wir früh um 7.00 Uhr in Vent zur Überschreitung des Schalfkogel auf. Schalfkogel Viel Schnee hatte es nicht. Gerade noch ausreichend um auf schmalen Schneezungen los zu marschieren. Dafür war es knackig kalt und die spärliche Schneedecke war bestens durchgefroren.  Da unser Ziel zudem noch westseitig ausgerichtet ist, waren das die idealen Voraussetzung dafür, dass die Tour nicht zu einem Wettlauf mit der tageszeitlichen Erwärmung ausarten sollte.  Was auch gut so war, denn ein gefühlt endlos langer Talhatscher zu Beginn nagte deutlich am Zeitbudget.  Ohne nennenswerte Steigung folgten wir dem gerade noch schneebedecktem Weg taleinwärts. Stets dem Similaun entgegen.

Similaun
Talhatscher – stets dem Similaun entgegen

Durchaus ein schöner Gipfel, aber nicht mit diesem Zustieg. Ich glaube man kann ein erfülltes Bergsteigerleben hinter sich bringen, ohne dort jemals oben gestanden zu sein.  Sollen die Massen ruhig dort hin pilgern, dass bewahrt den wirklich interessanten Zielen ihre Ursprünglichkeit. Diese liegen rechts und links vom Weg.  Talleitspitze, Ramolkogel, Spiegelkogel Zustieg zur Martin-Busch-Hütte zu verlassen und weiter im schluchtartigen Talgrund taleinwärts zu schlappen, was trotz bereits offener Wasserlöcher erstaunlich gut ging. Das Tal biegt nach Osten ab und schließlich geht es sogar merklich bergauf .  Steile, zum Teil schon ausgeaperte Moränenhänge verteidigen den Übergang zum Nördlichen Schalfferner. Überraschend leicht und flach lässt sich sein Gletscherbecken jedoch in 3000 m Höhe von Südwest nach Nordost ansteigend erreichen. Wir hielten inne und beratschlagten über den Weiterweg.

Schalfkogel von West
Der Schalfkogel von Westen. Am Beginn des Nörd. Schalfferners. Rechts das Schalfkogeljoch, mittig die Westflanke

Zwei Möglichkeiten bieten sich an. Zum einen über die direkte Westflanke in der ein steiler, kleiner Gletscher eingebettet ist, zum anderen über das Schalfkogeljoch und den Südgrat. Wir entschieden uns für das Schalfkogeljoch. Über den flachen Ferner ging es dem Joch entgegen. Die letzte Flanke zum Joch steilt deutlich auf. Wir tauschten die Skier gegen Steigeisen und folgten den teils sichtbaren Eisenstangen zum Joch. Bei schlechten Verhältnissen könnte man an diesen Stangen gut sichern. Am Joch trafen wir erstmalig an diesem Tag auf andere Menschen. Wir waren also doch nicht die einzigen am Berg. Meist wird dieserstand uns nun, da die Skier wieder an den Füßen waren, eine bequeme Aufstiegsspur für die letzten 150 Höhenmeter zur Verfügung. Die Meisten lassen die Skier wenige Meter vor dem Gipfel zurück. Einige tragen sie über einen leichten, aber exponierten Grat auf den Gipfel hinweg um über die etwas steilere Nordostflanke abzufahren. Wir taten es ihnen gleich, jedoch nicht mit dem Ziel Nordostflanke und Obergurgl, sondern  um über den Diemferner nach Vent abzufahren. Diese Route ist noch jungfräulich. Zuerst aber stand nach dem doch recht langen Aufstieg die Gipfelrast an. Zum Gipfelpanorama lassen wir einfach die Bilder sprechen

Blick in die Texelgruppe und die Dolomiten
Blick über die Texelgruppe in die Dolomiten

Schalf Gipfel

Die Abfahrt: Recht verlockend sahen die Spuren in der direkten Abfahrt nach Nordosten zum Gurgler Ferner aus. Nur leider stand das Auto in Vent. Unsere geplante Route über den Diemferner war hingegen noch unverspurt. Nach wenigen Metern zu Fuß konnten wir die Skier anschnallen.

Schalfkogel Gipfel von Nord
Wenige Meter unterm Gipfel kann man die Skier wieder anschnallen

Dann eine sensationelle Abfahrt: Wenige cm frischer Pulver auf einem glatten harten Untergrund. Also ein schneller Schnee. So störte es auch nicht, dass der Diemferner in weiten Teilen recht flach ist. Trotzdem blieb die Tour spannend. Am Ende des Ferners, dort wo sich das sanfte Tal scharf einschneidet, galt es genau nach Karte und Höhenmesser zu fahren. Die Flanken wurden zunehmend steiler. Doch fanden wir problemlos die Route, die wir uns beim morgendlichen Aufstieg gut eingeprägt hatten. Die nur noch sehr spärliche Schneedecke ermöglichte noch eine fast durchgängige Abfahrt bis zur Niedertaler Ache hinab. Die exzellente Schneequalität  glich die geringe Menge mehr als aus.

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Manche bezeichnen so etwas als FGP-area

Vom Ende des Diemfernes hält man  sich auf der in Abfahrtsrichtung linken Talseite (Örtlichkeit gem. AV Karte „Firmisan“) und folgt in etwa dem Sommerweg.  Bevor man den Talgrund erreicht, muss man rund einen halben Kilometer oberhalb der Schlucht taleinwärts queren um selbige auf einer kleinen Brücke zu überwinden.  Diese Passage stellt die Schlüsselstelle der Tour dar. Man tut gut daran, sich bereits im Aufstieg das Gelände einzuprägen.

Schluchtquerung 1
Die Abfahrt vom Ende des Diemferners bis zur Niedertaler Ache stellt die Schlüsselstelle der Tour dar

Mühsam und lästig war das Suchen nach der Brücke und der jenseitige Gegenanstieg zum Verbindungsweg Martin-Busch-Hütte-Vent.

Schlucht
Die Niedertaler Ache. Wer die kleine Brücke nicht findet, hat unter Umständen ein Problem

Karte: Alpenvereinskarte  Ötztaler Alpen Gurgl 30/1

Führer: Es gibt Skitourenführer über die Ötztaler Alpen von mehreren Autoren. Mir ist nicht bekannt, ob einer unsere  Route  beschreibt. Wir haben sie anhand der oben genannten Karte geplant.

Hütten: Wer sich für diese Tour zwei Tage Zeit nehmen möchte, für denen bietet sich die Martin-Busch-Hütte an. Die Hütte liegt wenig abseits der hier beschriebenen Route und dient als Ausgangspuntk für weitere Touren in den Ötztaler Alpen. Sie ist in der Skitourenzeit in der Regel bewirtschaftet. http://www.dav-berlin.de/index.php/arbeitsgebiet-oetztal/martin-busch-huette

Ausrüstung: Normale Skitourenausrüstung, zusätzlich können Steigeisen und Pickel bei harten Verhältnissen hilfreich sein. Die begangenen Gletscher erschienen mir im April 2015 so spaltenarm, dass ich ein Seil bei guter Sicht entbehrlich halte.

Schwierigkeit/Charakter: Überwiegend leichte und flache Skihochtour mit wenigen steilen Passagen. Der westseitige Aufstieg zum Schlafjoch ist über 40 Grad steil und wird meist zu Fuß mit Steigeisen zurückgelegt. Skitechnisch überwiegend leicht und flach. Die Passage vom Ende des Diemferners bis zur Niedertaler Ache ist teils über 35 Grad steil, von oben kommend nicht leicht zu finden und lawinentechnisch häufig kritisch (nord bis nordwestseitig, Hangkanten, Hang nach unten nicht abgestützt). In diesem Bereich sollte man nicht stürzen.  Wenn irgendwo im Lawinenlagebericht etwas von Altschneeproblemen die Rede ist, sollte man diese Tour meiden. Nach der SAC Skitourenskala müsste man „ZS“ wegen der besagten Passage vergeben.

Höhenunterschied: ca 1800 m

Geeignet für wen? Erfahrene, konditionsstarke  Skibergsteiger, die sich auch im unverspurten Hochgebirge zurechtfinden und Hänge über 35 Grad Neigung sicher befahren können. Die Route lässt zahlreiche Varianten zu. Persönliche, farblich abgestufte Risikoeinschätzung bei Lawinenwarnstufe:              1             2             3             4             5

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