Naturschutz gegen Naturschutz am Beispiel des Hindelanger Bürgerkraftwerkes

„Der Naturschutz“ hat sich in unserer Gesellschaft zu einer übergeordneten Instanz etabliert, auf die sich jeder beruft, gleich welche Richtung er vertritt und die nicht in Frage gestellt werden darf. Vergleichbar in etwa mit „der Kirche“ im Mittelalter. Machtspiele, Selbstverwirklichung, wirtschaftliche Interessen, Profilierungssucht, Schutz von Klima, Schutz von Arten und der Landschaft. All das wird „dem Naturschutz“ unterstellt. Bevor wir allerdings diesen Begriff bemühen, der sich in Begleitung seiner Heiligen, wie dem Klimaschutz und der Nachhaltigkeit und seinem Gegenspieler, dem bösen Klimawandel zu einer Art Ersatzreligion  der Atheisten entwickelt hat, müssen wir uns im Klaren sein, was wir schützen wollen und wie wir das Ziel erreichen wollen. Zunehmend liefern sich die verschiedenen Richtung „des Naturschutzes“ verbale Gefechte um die wahre Lehre. Auch das hat er mit „der Kirche“ im Mittelalter gemeinsam. Betrachten wir dazu das geplante Bürgerkraftwerk Älpele im Hintersteiner Tal.

Um was geht es hier? In der Allgäuer Gemeinde Bad Hindelang wurde eine Gesellschaft gegründet mit dem Ziel ein Wasserkraftwerk im Hintersteiner Tal zu planen und zu errichten. Eine Beteiligung der Bürger ist gewünscht. Daher der Name „Bürgerkraftwerk Älpele“ Der Gemeinderat hat sich mehrheitlich für den Bau dieses Kraftwerks ausgesprochen. Das Landratsamt Oberallgäu hat „öffentliches Interesse“ für den Bau des Kraftwerkes bekundet. Nach Angaben der Planungsgesellschaft soll die erzeugte Strommenge für 2700 Haushalte reichen. Die Gemeinde Bad Hindelang  könnte dann ihren Strombedarf zu 100% im Schnitt aus erneuerbaren Quellen decken. Das geplante Kraftwerk liegt im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Die Ostrach ist im Oberlauf einer der wenigen naturnahen Alpenflüsse  in Bayern.  Zwischen der geplanten Wasserfassung und der Turbine fließt die Ostrach durch eine von menschlichen Einflüssen weitgehend unberührte Schlucht, die „Eisenbreche“ , die Lebensraum für eine Reihe seltener Tiere und Pflanzen ist.  Die Gegner fürchten ein Artensterben und eine Zerstörung der Schlucht und der alpinen Landschaft. Ferner fürchten die Gegner einen Präzedenzfall. Das heißt, jeder der irgendein „öffentliches Interesse“ könne künftig Naturschutzbestimmungen beliebig umgehen.

Beide Seiten gegen an, dass ihre Sichtweise „dem Naturschutz“ diene. Um dem Leser zu ermöglichen, sich eine Meinung zu bilden habe ich die Webseiten der Befürworter und der Gegner verlinkt.

Zitat aus dem Webauftritt der Befürworter:

Mit der Realisierung des Wasserkraftwerkprojektes möchten wir einen positiven Beitrag zur lokalen Energiewende leisten und für uns, sowie die nächsten Generation im Ostrachtal eine saubere Energieerzeugung realsieren.
…………
Uns liegt ebenfalls der Naturschutz sehr am Herzen. Wir Gesellschafter sind seit Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten verantwortungsvolle Bewahrer und Bewirtschafter des Ostrachtals. Trotzdem glauben wir, dass eine Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien auch in einem Naturschutzgebiet umweltverträglich möglich ist

Zitat aus dem Webauftritt der Gegner:

Nun bedroht aufs Neue ein geplantes Wasserkraftwerk das Naturdenkmal von nationaler Bedeutung im Naturschutz- und FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) Allgäuer Hochalpen. Aus naturschutzrechtlichen Gründen ist so eine Anlage nicht genehmigungsfähig

Für den Laien sind die angeführten Argumente beider Seiten schwer nachzuvollziehen.  Deshalb möchte ich nur auf wenige Punkte eingehen, die leicht zu bestätigen oder zu widerlegen sind.

Der Vorwurf der Gegner, dass gerade dann kein Strom erzeugt werden kann, wenn er in der Region am nötigsten gebraucht wird, kann man bestätigen. Im Winter lässt die aus Naturschutzgründen zu Recht geforderte Restwassermenge kaum noch Wasser für die Stromerzeugung übrig.

Landschaftszerstörung

Nach Abschluss der Bauarbeiten wird das Kraftwerk kaum sichtbar sein. Von einer massiven Landschaftszerstörung, wie etwa  durch die Windkraftanlagen in den deutschen Mittelgebirgen kann keine Rede sein. Auch im Fall der Windkraft argumentieren Naturschützer gegen Naturschützer.  Die Gemeinde Bad Hindelang ist sich dem Wert ihrer Landschaft durchaus bewusst.

Trotzdem schreibt die  „Bildzeitung für Akademiker:“

In dieses Naturjuwel wollen die Gemeinde Bad Hindelang, das örtliche Elektrizitätswerk und zwei Alpgenossenschaften nun ein Wasserkraftwerk hineinbetonieren.

stausee
Ein Pumpspeicherkraftwerk in den schweizer Alpen. Hier wird der Strom genau dann erzeugt, wenn er benötigt wird. Der Preis dafür: Zerstörung von Landschaft und Lebensräumen. Ein solches Kraftwerke wäre auch im Hintersteiner Tal möglich. Die Energieausbeute wäre höher. Zum Glück stand ein solches landschaftszerstörerisches Projekt nie zur Debatte.

Von einem zubetonieren der „Eisenbreche“ war niemals die Rede. Die Schlucht wird durch die Baumaßnahmen überhaupt nicht berührt. Es wird lediglich bei garantierter Restwassermenge weniger Wasser durch die Schlucht fließen. Diese Restwassermange soll den dort lebenden Tieren und Pflanzen ihren Lebensraum erhalten und den Wildflußcharakter der Ostrach bewahren. An die Redaktion der SZ: Qualitätsjournalismus sieht anders aus,  als der oben verlinkte Artikel.

Immer neue Arten müssen als Begründung herhalten

Der angeblich so seltene Alpensalamander ist gar nicht so selten. Wenn man bei Regen rund um meine Heimatgemeinde  Bad Hindelang zum Joggen geht, muss man aufpassen, dass man diese Tiere nicht ständig zertritt.

Die Wasseramsel kommt seit jeher an der Ostrach häufig vor und zwar auch in jenen ortsnahen Bereichen, wo schon seit dem Mittelalter !! Wasser zur Energiegewinnung entnommen wird. (Mühlen und Schmieden)

Der Alpenbock besiedelt den Bergmischwald rechts und links des Tales. Wie selten er ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist, dass das geplante Kraftwerk und sein Lebensraum sich nicht nennenswert in die Quere kommen.

Das gekielte Zweiblattmoos ist so selten, dass die Pflanze kaum erforscht ist. Ferner ist eine gentechnische Analyse notwendig, um es eindeutig zu bestimmen, sprich um es von anderen Moosen zu unterscheiden. Wer macht so etwas. Höchstwarscheinlich ist es weitaus häufiger, wurde jedoch an vielen Standorten noch gar nicht bestimmt. Für sein Überleben ist der Erhalt des luftfeuchten Schluchtklimas wichtig. Dafür gibt es die Restwassermenge. Natürliches Hochwasser oder Tockenperioden gefährden den Standort weitaus mehr, als eine gezielte Wasserentnahme.

Der Präzedenzfall

Wenn die Eisenbreche fällt, fällt auch in gewisser Weise das gesamte Bayerische, Deutsche und Europäische Naturschutzrecht. Wenn ein lokales Renditeprojekt glasklar formulierte Verbote in den Schutzgebietsverordnungen als vorrangiges öffentliches Interesse aushebeln kann, werden Dämme brechen. Es droht eine Lawine von Großplanungen mit der gleichen Argumentation nicht nur von Seiten der Energiewirtschaft sondern auch der Tourismusindustrie, die die noch geschützten Zonen des letzten halbwegs zusammenhängenden Naturraumes Mitteleuropas entwerten.

Diese Argumentation der Gegner ist nicht ganz unbegründet. Hier gilt es eben jeden Einzelfall abzuwägen und genau zu prüfen, was zu genehmingen ist.

Die Rolle des DAV

Als unerträglich empfindet ein großer Teil der lokalen Bevölkerung die Rolle des DAV (Deutscher Alpenverein). Anstatt sich um Bergsteigerangelegenheiten zu kümmern, positioniert sich hier der DAV auf der Seite der Gegner und macht damit den Vertretern der örtlichen Alpenvereinssektionen und den Ortsgruppen das Leben schwer. Zwar sind der DAV Dachverband und die Sektionen rechtlich eigenständig. Doch werden die örtlichen „DAV-ler“ ständig mit den anmaßenden oft auch realtitätsfremden Standpunkten des Dachverbandes aus München in Verbindung gebracht.  Die Außenwirkung dieses Widerspruchs sind für das Ansehen des Vereins vor Ort fatal. Die Einmischung in viele Dinge in unserem Alpental durch den DAV Dachverband  aus München werden von einem Großteil der Bevölkung als unberechtigte Anmaßung empfunden. Die Verküpfung der Themen Bergsteigerdorf Hinterstein mit der Realisierung des Kraftwerks ist schlichtweg unangemessen. Wer so argumentiert,  der dürfte auch keine Hütten mit Kraftwerken betreiben oder Fernreisen organisieren.

Der DAV wäre gut beraten, sich ausschließlich um Bergsteigerangelegenheiten zu kümmern, entsprechende Lobbyarbeit gut zu machen und das Dagegen sein, das oftmals notwendige mahnende ökologische Gewissen anderen, wie dem Bund Naturschutz zu überlassen. Diese machen das alleine schon deshalb besser, weil sie nicht über ihre eigenen Widersprüche stolpern.

http://www.alpenverein.de/presse/bergsteigerdoerfer-hinterstein-ramsau_aid_15232.html

Kraftwerk PLH
Auch der Deutsche Alpenverein betreibt Kraftwerke im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen.
PLH
Das Prinz-Luitpold-Haus der DAV Sektion Allgäu Immenstadt wird überwiegend mit Strom aus dem eigenen, im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen errichteten Wasserkraftwerken versorgt. Das mit Diesel betriebene Notstromaggregat wird nur noch selten benötigt.

Fazit und Abwägung

Unter Abwägung der vielen Gründe für und wider bin ich persönlich für das geplante Bürgerkraftwerk. Man kann zu den Ursachen der Klimaerwärmung stehen wie man will. In einer Welt, in der die Spannung zunehmen und global gesehen die Bevölkerung ständig zunimmt, ist es ein positives Signal, wenn eine Gemeinde die Energie, die sie verbraucht im Durchschnitt vor Ort herstellen kann und möglichst wenig auf Energie und Rohstoffexporte wo möglich aus Krisengebieten angewiesen ist. „Der Naturschutz“ muss sich im klaren sein, was man schützen möchte.

Alternativen

Den nach der Katastrophe von Fukushima überstürzt beschlossene Atomausstieg wäre zu überdenken. Anstatt die bestehenden Reaktoren abzuschalten, müsste man sie so lange Betreiben, bis eine Versorgungssicherheit aus alternativen Energiequellen ohne massive Eingriffe in die Landschaft sichergestellt ist. Die Gewinne der Energieversorger sollten in zweckgebundene Forschung investiert werden. Braunkohle, die schmutzigste Energiequelle überhaupt ist auf Dauer keine Alternative.

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3 Kommentare zu “Naturschutz gegen Naturschutz am Beispiel des Hindelanger Bürgerkraftwerkes”

  1. Hallo Krisitian, guter Artikel. Fachlich nicht richtig ist das mit den Kernkraftwerken. Die Versorgung ist trotz Atomausstieg gesichert, sagt sogar das DIW. Der überschüssige Strom wird derzeit in großen Mengen ins Ausland exportiert….

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    1. Das der Atomaustieg gesichert ist, werden wir erst sehen wenn Gundremmingen abgeschaltet ist. Für diese Atomkarftwerke im Süden (Grundlast) gibt es derzeit nur Ersatz aus dem Verbundnetz im Ausland, möglicherweise wieder Atomkraft. Das es sich bei der sogenannten exportieren Energie teilweise um negative Regelenrgie handelt, sagt niemand. Das heißt, der Strom aus regenerativen Energiequellen wird auch zu Zeiten produziert, wo er nicht benötigt wird. Das absurde ist, für diesen Strom muss der Abehmer entschädigt werden.
      Fazit: Ohne Kohle und Nord-Süd-Trasse keine Atomaustieg in Bayern oder wollen wir Atomenergie aus Tschechien ?.

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