Besucherklassen im Gebirge

Wie sieht der Alpenbewohner seine Mitmenschen  die ihm auf einer Bergtour begegnen? Nicht jeder hat den gleichen Stellenwert.

Kategorie 1

 Einheimischer: Ist im Talort des gerade bestiegenen Berges/Felsens  geboren und wohnhaft. Er darf sich frei bewegen, Meinungen zu Wegen, Markierungen,  Schildern, Bohrhaken und Skirouten vertreten. Seine Aktivitäten werden geduldet, auch wenn sie Jägern, Weidegenossenschaften, Forstgemeinschaften, der Gemeinde nicht immer gefallen. Bewegt sich in der Regel geschickt und zielorientiert.

Kategorie 2

 Nachbar:  Er stammt aus den Nachbarorten oder dem selben Tal  (maximal eine halbe Autostunde entfernt) und spricht den selben oder einen artverwandten Dialekt. Er darf sich frei bewegen.  Seine Anwesenheit wird akzeptiert. Eine Meinung zu den bei Klasse 1 genannten Dingen sollte er  nicht vertreten, es sei denn es ist die  richtige. Der Nachbar kann je nach geographischer Lage, Sprache und geäußerten Ansichten in Klasse 1 aufsteigen oder in Klasse 4 herabgestuft werden. Die Abgrenzung zu Klasse 4 ist fließend


Kategogie 3

 Urlauber: Macht wie gesagt Urlaub im Talort. Er ist von seinem Gastwirt und den Touristikern  hoch geschätzt und genießt eine gewisse Narrenfreiheit, was stauverursachendes langsam fahren, zu Fuß gehen auf der Langlaufloipe, unkontrollierte Fahrmanöver auf der Piste und lächerliches Auftreten allgemein betrifft. Die Verwendung eins gelben Nummerschildes verschafft bei der Anreise zum Berg noch weitere Narrenfreiheiten.  Er bewegt sich im Gebirge in der Regel tollpatschig und stümperhaft. Ernsthafte Alpinisten unter ihnen sind selten und meist nur in den Westalpen und Dolomiten anzutreffen.  Man erwartet vom ihm Umsatz und dass er die Freizeitangebote so nutzt, wie sie im Ortsprospekt oder der offiziellen Webseite  beschrieben sind. Eigenständiges planen  mit Karte, Führer,  Kompass und GPS ist nicht erwünscht.  Sollte er  Lust auf steilen Fels und alpine Abenteuer verspüren, so hat er  sich in der Obhut eines Bergführers  auf einen Klettersteig oder in den Hochseilgarten begeben. Er bezahlt in Freizeiteinrichtungen die günstigen Preise.

Touri

 

Kategorie 4

Tagesausflügler:  (im bayrischen Oberland auch als „Schadmünchner“ bezeichnet.Er gilt als mehr oder weniger unerwünscht und kann es irgendwie niemanden  recht machen. Bewegt er sich tollpatschig wie Kategorie 3 ergattert er verächtliche Blicke, ist er geschickt  oder gar geschickter als Kategorie 1 unterwegs und gelingen ihm alpine Erfolge, so wird sein Treiben argwöhnisch betrachtet. Je nach Integrationsbereitschaft führen  Erfolge zu Neid und Missgunst oder aber zu Anerkennung. In diesem Fall ist ein sozialer Aufstieg in Kategorie 2 möglich.  Sein Verbrechen ist  es  sich auszukennen  und immun zu sein gegen touristische Angebote, sowie anders zu sprechen als Klasse 1 und 2.  Zudem wird ihm vorgeworfen  zu wenig  Umsatz zu generieren. In Freizeiteinrichtungen bezahlt er mit Abstand die höchsten Preise und ist daher hin und wieder sogar willkommen, was aber im Gebirgsallgäu, Tirol  und Vorarlberg niemals zugegeben wird, da man lokalpolitisch korrekt angibt,  den Tagesausflügler nicht zu benötigen.

 Charly_100

Kategorie 5

Outlaw oder Pirat:  Diese Gruppe hat einen längeren Anreise zu ihrem Ziel. Der Outlaw übernachtet dezent im geparkten Auto, im VW-Bus oder biwakiert in der Nähe des Parkplatzes.  Er ist in der Regel Selbstversorger. Es gibt zwei Untergruppen der Outlaws. Zum einen sind es junge Sportkletterer, die aus Mangel an finanziellen Mitteln diese Art des Reisen wählen zum anderen sind es ernsthafte Alpinisten, die kurzfristig bei passenden Verhältnissen in den Talort ihres Berges  anreisen und mangels  für  Bergsteiger geeigneter Übernachtungsmöglichkeiten diese Kultur des Parkplatzbiwaks pflegen. Des weiteren werden Bergsteiger zum Outlaw, wenn sie das eigene Leichtzelt dem vollen Lager auf den Alpenvereinshütten vorziehen.  Der Outlaw gilt in Gebieten, wo er häufig anzutreffen ist (Gardasee, Wallis,  Tessin, Dolomiten, Oberstdorf, Tannheimer Tal,  Kleinwalsertal ) als politisch verfolgt. Daher hat er gelernt sich so unauffällig zu bewegen, dass er von den Ordnungshütern aus Kategorie 1 gar nicht bemerkt wird. Mit zunehmenden Alter, dickerem Geldbeutel und schwächerem Kreuz mutiert der Outlaw beginnend in kalten Winternächten zu Kategorie 3.

Biwak

Schlussbemerkung:

Der Verfasser dieser Zeilen war in den letzten drei Monaten in allen fünf Klassen im Gebirge unterwegs.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s