Hütte geschlossen, Winterraum überfüllt – Wann sollte eine Hütte bewirtschaftet werden?

Allerheiligen Anfang der 90ger Jahre. Wir waren zu viert zur Hermann-von Barthütte aufgestiegen um dort ein Kletterwochenende zu verbringen. Nach einem grau-trüben Oktober schien es, als würde der Sommer nochmal ein Stelldichein halten. Plus 20 Grad sind angesagt. Wir erreichen die Hütte, die erwartungsgemäß verschlossen ist und belegen im Winterraum vier Plätze. Dann wenden wir uns der Wolfebnerspitze zu. Im sonnenwarmen Fels ist es herrlich zu klettern. Vom Gipfel aus beobachten wir, dass um die Hütte reichlich Betrieb herrscht. Wollen die alle dort übernachten? Im Winterraum mit gerade mal 12 Plätzen. Werden wohl nur Tageswanderer sein. Wir Klettern noch eine zweite Route. Beim Abstieg wird es langsam dämmrig. Rund um die Hütte stehen noch mehr Leute und immer noch sind welche dorthin unterwegs. Wie viele werden es sein. 20? 40? Oder gar 60?
An der Hütte Chaos. Meine auf dem Lager deponierte Ausrüstung ist kaum zu finden. Meine Wasserflaschen sind leer. Alles drängt sich um den Ofen um zu Kochen. Wir haben wenigsten einen Gaskocher dabei. Sollen wir jetzt noch absteigen und nach Hause fahren? Oder eine Decke Schnappen und biwakieren? So richtig spaßig ist beides nicht. Wo im Gedränge und unter den Bergen von Rucksäcken sind überhaupt die am Morgen deponierten Sachen? Da plötzlich eine „erlösende“ Meldung. Das Haupthaus ist offen. Durch das Küchenfenster kann man ins Innere steigen. Jetzt findet jeder einen Platz.
Hoffentlich lässt dich das Fenster wieder schließen, so dass im Winter kein Schnee ins Innere gelangt. Nach einer Weile haben wir auch unsere Sachen wieder gefunden und sogar der ursprünglich belegte Platz im Winterraum ist wieder frei. Alles gut? Eigentlich nicht. Warum sind die Hütten an so einem Traumwochenende und bei diesem Andrang eigentlich geschlossen?Im Prinzip ist es ein Unding, dass bei bestem Wander- und Tourenwetter und entsprechdem Andrang eine Hütte geschlossen ist und sich alles im Winterraum drängt. Mit Sicherheit wird bei so einem Gedränge das Inventar nicht sorgsam behandelt. Unnötig viel Holz wird zum Kochen verfeuert, dass dann, wenn es wirklich gebraucht wird, nämlich im Winter nicht mehr zur Verfügung steht. Leider werden die Winterräume zunehmend vom typischen „Bergromatiker“ belegt, der vom Hüttenabend am Holzfeuer träumt und wenig bergsteigerisches Interesse hat. Für eine Tasse Kaffee am Morgen wandern schnell mal 20 Scheite Holz durch den Kamin. Die Anwesenheit des Wirtes könnte das Ganze ein bisschen in geordnete Bahnen lenken.  Warum aber, schließen die Hütten oft schon Ende September nach den ersten Schneefällen?

Luitpoldhaus geschlossen
Allerheiligen 2015. Beste Bedinungen zum Wandern und Klettern. Verhältnisse, die man sich im Sommer oft vergebens wünscht. Das Prinz-Luitpold-Haus ist allerdings geschlossen.

Aus Sicht des Wirtes

Bei aller Verschiedenheit im Verlauf eines Bergsommers gibt es doch gewisse Regelmäßigkeiten. Jedes mal wenn Ende September, Anfang Oktober die Schneefallgrenze sich dem Tal nähert, sind die Berge mit einem Schlag leergefegt. Der Hüttenwirt harrt noch ein paar Tage aus, bevor er zum vorgesehenen Termin die Hütte dicht macht und mit seiner Mannschaft ins Tal absteigt.
Was sollte er auch anderes tun. In den letzten Tagen, wenn es draußen regnet und schneit entstehen für ihn nur Kosten. Er muss das Personal bezahlen oft ohne einen einzigen Euro zu verdienen. Er muss Lebensmittel bereitstellen, die möglicherweise irgendwann weggeworfen werden müssen. Da ist es nur zu verständlich, dass er dort oben das Feld räumt. Für die Wenigen die jetzt noch kommen, gibt es ja mehr oder weniger gut eingerichtete Winterräume.

Winterraum Luitpoldhaus
Der Winterraum des Prinz-Luitpold-Haus. Er dürfte am Allerheiligenwochenende 2015 gerade so ausreichend Platz geboten haben.

Nach dem Regen scheint auch wieder die Sonne

Fast genau so regelmäßig wie der erste Wintereinbruch Ende September/Anfang Oktober gibt es um Allerheiligen rum ein stabiles Hoch mit milden Temperaturen. Den sogenannten „St. Martin Sommer“. Kurz vor dem Winter stürmen die Menschen nochmal in die Berge. Hier wäre alleine aus dem Servicegedanken heraus oder auch um bei entsprechenden Andrang eine gewisse Ordnung aufrecht zu erhalten, eine Hüttenbewirtschaftung wünschenswert.

Die Wochenendbewirtschaftung

Ganz klar, ein Hüttenwirt hat einen anstrengenden Job und möchte damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Warum aber ist eine Bewirtschaftung nicht spontan, bei entsprechendem Wetter und Nachfrage möglich? Nachgefragt bei einer allgäuer Sektion erhielt ich die Antwort, dass dies wegen der notwendigen Infrastruktur, der Wasserversorgung und dem Aufwand die Hütte zu öffnen und wieder zu schließen nicht möglich sei.

Vorbild Schweiz

Mai 2001. Traumhaftes und nicht zu warmes Wetter im gesamten Alpenraum. Der ideale Zeitpunkt für anspruchsvolle Skihochtouren. Wir haben uns für das Doldenhorn im Berner Oberland entscheiden. Auf die Nachfrage, ob den die Hütte geöffnet sei und wie die Verhältnisse sei, sagte man mir, dass das Morgen (am Donnerstag) für das Wochenende entschieden wird, wenn sich genügend anmelden. Ich meldete zwei Personen an und sollte mich am nächsten Tag nochmal melden. Die Tour war ein Erfolg. Die Hütte war voll aber nicht überfüllt und der Wirt packte am Sonntag Mittag wieder seine Sachen und ließ sich mit dem Leergut und dem Personal mit dem Heli abholen. Genau so, wie er am Freitag Nachmittag gekommen war. Eingekauft hatte er nur Lebensmittel entsprechend den Anmeldungen für das Wochenende. Fließend Wasser gab es nicht. Es wurde Schnee geschmolzen. Folglich stand auch nur ein Donnerbalken anstatt eines WC´s zur Verfügung. Aber egal. Diese Wochenendbewirtschaftung mit eingeschränkter Infrastruktur und Speisekarte brachte eine Win-win Situation. Für den Bergsteiger, den Wirt und die hüttenbesitzende Sektion. Ohne Bewirtung wäre es sicher chaotisch zugegangen.

Das Argument, dass es wegen der Hütteninfrastruktur nicht ginge, widerlegt die Praxis in der Schweiz. Hoffen wir, dass die neuen DAV-Hütten , wie das Waltenberger Haus oder die Höllentalangerhütte so geplant wurden, dass künftig eine Spontanbewirtschaftung ohne größeren Aufwand möglich ist.

Genau so gerne wie in einer bewirtschafteten Hütte übernachte ich persönlich in einem Winterraum. Dann allerdings, wenn es nicht voll und chaotisch zu geht. Selbstverständlich habe ich auch einen Kocher dabei, damit ich am Morgen für eine Tasse Tee nicht nochmal 20 Scheite Holz verbrauchen muss.

Wer damals an der Hermann-von Barth-Hütte das Küchenfenster aufgebrochen hatte, ist mir nicht bekannt.

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3 Kommentare zu “Hütte geschlossen, Winterraum überfüllt – Wann sollte eine Hütte bewirtschaftet werden?”

  1. Dass die Winterräume und sommers auch die Selbstversorgerhütten inzwischen zumeist stets voll oder gar hoffnungslos überbelegt sind ist mittlerweile schon die Regel. Ein offener Belegungsplan für eine grobe Einschätzung der zu erwartenden Auslastung wäre da vielleicht eine Möglichkeit, aber wohl schwerlich umsetzbar.

    Einen Betrieb bzw. Wochenendbetrieb über den Oktober hinaus halte ich für eher überflüssig. Maximal eine Art „Hüttendienst“, der auf der Hütte anwesend ist und im Bedarfsfall auch das Haupthaus öffnen kann um auf ausreichend Schlafgelegenheiten zurückgreifen zu können, hielte ich für sinnvoller.

    Dass der Hüttenabend in der Schweiz auch für den Wirt eine Win-Situation darstellte, nachdem er mit dem Heli herbeigebracht und von diesem auch wieder abgeholt wurde, erscheint mir auch eher unwahrscheinlich und unökonomisch.

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  2. Den Gedanken von „gipfelblicke“ kann ich mich nur anschließen. Ich kann mir ebenfalls nicht vorstellen, dass der Helieinsatz für nur ein Wochenende aus ökonomischer Sicht Sinn machte.

    Ein großes Thema im Zusammenhang mit Winterräumen scheint mir zunehmend die Frage der Ehrlichkeit beim Bezahlen und der Umgang mit dem vorgefundenen Inventar und Vorräten zu sein:

    In einschlägigen Portalen mehren sich die frustrierten Meldungen ehrlicher Bergsteiger, die feststellen müssen, dass sich wohl eine grosse Zahl von Übernachtungsgästen nicht in die Hüttenbücher einträgt… mutmaßlich um dann kein Übernachtungsgeld zu bezahlen

    Immer wieder hört man von einzelnen Sektionen, die ihre Hütten nach Saisonende ganz zusperren und keinen Winterraum mehr anbieten, weil sie es leid sind, jedes Frühjahr für viele tausend Euro oder Franken Renovierungsarbeiten durchführen zu müssen bei vergleichsweise bescheidenen Erlösen.

    Nicht unproblematisch erscheint mir in diesem Zusammenhang die stark zugenommene Berichterstattung in einschlägigen Outdoormagazinen über den Charme von Winterräumen im Allgemeinen und die gut gemeinten und detaillierten Beschreibungen über den Zustand von Winterräumen auf einschlägigen Tourenportalen im Besonderen.

    Ich betrachte es jedes Mal als ein kleines Geschenk, inmitten einer unwirtlichen und kalten Bergwelt die Geborgenheit eines noch so bescheidenen Winterraumes genießen zu dürfen. 10 oder 15 Euro erscheinen mir für diese Leistung äußerst preiswert. Gemessen an den übrigen Kosten eines Bergwochenendes (Anfahrt, Ausrüstung, etc.) geradezu ein Witz.

    Wie können wir erreichen, dass diese üble Zechprellerei auf Kosten der Sektionen und der ehrlichen Bergsteiger eingedämmt wird? Nur auf die Ehrlichkeit der Protagonisten allein dürfen wir offenbar nicht hoffen.

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  3. Grüss euch,

    ich übernachte pro Jahr ca. 1-2 mal im Winterraum. Da muss ich jetzt nochmal drei Kreuze machen, bei dem was ich hier gelesen habe, dass es bei immer noch GERADE SO mit der Besucheranzahl geklappt hat. Zu den Preisen: 1000€s für Outdoorklamotten und Ausrüstung sind anscheinend kein Problem, die Läden brummen, 5-13€ für einen Winterraum schon? Verkehrte Welt, degeneriertes Bergsteigerpack, mehr kann ich dazu nicht sagen.

    „Nicht unproblematisch erscheint mir in diesem Zusammenhang die stark zugenommene Berichterstattung in einschlägigen Outdoormagazinen über den Charme von Winterräumen im Allgemeinen und die gut gemeinten und detaillierten Beschreibungen über den Zustand von Winterräumen auf einschlägigen Tourenportalen im Besonderen.“

    Auf jeden Fall, seh‘ ich auch so

    Hier mein Blogbeitrag zu dem Thema, ist schon etwas älter
    http://abseits-aufwaerts.blogspot.de/2015/03/damit-die-winterraum-biwakschachtel.html:

    Ich glaub jetzt eher nicht das es etwas bringen würde die Hütten noch länger zu bewirtschaften. Viele sind einfach fast den ganzen Tag im Schatten im Spätherbst,da wollen keine Tagesgäste mehr hin…

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