Altschnee bleibt ein Thema

Langsam, ganz zögerlich haben die Lawinenwarndienste der Schweiz, Tirols und Südtirols die Gefahrenstufe in den zentralalpinen Gebieten reduziert. Die Schneedecke setzt sich langsam, die Verbindung der Schichten wird besser und vor allem die Bereitschaft zur Bruchfortpflanzung nimmt ab. Dennoch: Das Schwimmschneefundament vom Frühwinter kann sich nicht einfach in Luft auflösen. Es bleibt bleibt vorhanden und stellt nach wie vor eine tückische Gefahr dar. Wenn auch die Gefahrenstellen zunehmend seltener werden.

Lawine Südtirol 12.3.2016
Der Südtiroler Lagebericht  vom 12.3.2016.

Windgeschütze Stellen oberhalb der Waldgrenze
Heimtückisch bleibt vor allem felsdurchsetztes Steilgelände oberhalb der Waldgrenze. Örtlichkeiten, die zuvor weniger dem Wind ausgesetzt waren, berurteile ich sogar kritischer, da hier noch weiche Schneebretter möglich sind, die leicht auszulösen sind.  Im Gegensatz zum akutellen Lawinenlagebericht war hier wohl eine Auslösung bei geringer Zusatzbelastung möglich.

Lawine Tiergartenspitze 12.3.2016
Weiches Schneebrett an der Tiergartenspitze in den Ötztaler Alpen am 12.3.2016. Hier reichte im Gegensatz zur Aussage im Lagebericht eine „geringe Zusatzbelastung“. Wer es ausgelöst hat, ist nicht bekannt.

 

Sonderfall: Der nichtfirnige Harschdeckel

Zu diesem Fall verweise ich auf einen Bericht in der Zeitschrift „Berg und Steigen“

Triebschneesituationen führen nicht nur zu weichen oder kompakten
Schneebrettern, sondern manchmal – vor allem bei Verfrachtung
von Altschnee – zu ausgedehnten brettharten Platten, besonders in
Steilhängen. In der Literatur wird dieses Phänomen dürr abgehandelt,
mehr als ein paar kurze Hinweise finden sich selten.
In der Regel kommen diese harten Platten auf einer ungünstigen Unterlage
zu liegen oder täuschen eine abgewehte, bis auf den nahen
Boden durchgefrorene Schneedecke vor. Der Bruch einer solchen
Flanke erfolgt meist am Übergang von viel zu wenig Schnee oder bei
Festigkeitswechsel. Bei geringer Hangneigung bleiben die Schollen
nach dem Bruch gelegentlich auch stehen, wie ein aufgebrochenes
Eismeer. Der harte Triebschneedeckel im Hochwinter – ausdrücklich
nicht durch Firnbildung entstanden – ist eine giftige Chimäre:
trügerisch, nicht häufig und gefährlich!

Vollständiger Bericht in „Berg und Steigen“ 2015/4

Vielfach hatten wir den in den Hochlagen der Zentralalpen Anfang/Mitte März 2016 mit solch einem Harschdeckel zu tun

Auch das neuerliche, tragische Unglück in Südtirol geht vermutlich auf solch einen Harschdeckel zurück.

Wie geht man nun mit solch einem Problem um? Im den meisten Fallen wirkt so ein Harschdeckel sicher und stabil. Man denkt gar nicht daran, dass  tief darunter eine gefährliche Schwachschicht lagern könnte.

Wie kaum in einer anderen Situation reduzieren hier Entlastungsabstände und Einzelhangbefahrung das Risiko erheblich.

Schwierig wird es nur dann, wenn mehrere Gruppen zeitgleich unterwegs sind.

Meldung von Lawinenvorfällen in Italien.

Im Normalfall sollte man glimpflich ausgegangene Lawinenvorfälle an den zuständigen Lawinenwarndienst melden.  Wegen der unglücksseeligen Rechtslage in Italien sollte man davon Abstand nehmen, bzw.  das nur tun, wenn man notfalls belegen kann, dass man die betreffende Lawine nicht ausgelöst hat.

 

Siehe zu diesem Thema auch: Altschnee- gefährlich bis zum Schluss

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Altschnee bleibt ein Thema”

  1. Ein sehr guter Beitrag, vielen Dank! Diese „Betonschneeplatten“ sind eine Situation, die ich sowohl in den Alpen als auch insbesondere in den Skitourenbergen Nord-Norwegens viele Male erlebt habe und die wirklich sehr trügerisch sein kann.

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