Bergsteiger zwischen Naturschutz und Kommerz am Beispiel Riedberger Horn

Es soll nicht Thema dieses Artikels sein, die schon vielfach vorgetragen Argumente für und gegen die Skigebietsverbindung Balderschwang-Grasgehren vorzutragen. Vielmehr möchte ich am Beispiel Riedberger Horn  aufzeigen, wie das eigenständige, individuelle Bergsteigen zwischen Kommerz und Naturschutz zerrieben wird. Die eine Seite erschließt den Berg, die andere fordert dafür Ausgleichsflächen.  Genau diese Forderung nach Ausgleichsflächen säht Zwietracht zwischen der Bergsteigerseite und den Einheimischen rund um Balderschwang, weil sie dazu zwingt, dagegen zu sein.

Was bisher geschah in Kürze

Die Betreiber der Skigebiete Grasgehren und Balderschwang möchten ihre Skigebiete mit zwei Bahnen und und zwei neuen Pisten (eine ganz kurze und eine lange) verbinden. Die dazu nötige Bahn als auch die Piste verläuft zum Teil in der „Schutzzone C“ des Alpenplan. Naturschutzverbände laufen gegen diese Pläne Sturm, da sie dadurch den Bestand der hier lebenden Rauhfußhühner (vorwiegend Birkhühner) bedroht sehen. Außerdem würde eine seilbahntechnische Erschließung in Zone C den Alpenplan wertlos machen, weil das zu Begehrlichkeiten an anderer Stelle führen könnte. Die Bahnbetreiber legen einen geänderten Plan vor, der nicht mehr über den Gipfel führt. Dieser wurde ebenfalls abgelehnt. Die Bevölkerung der Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein haben in einer Volksabstimmung für das Bauvorhaben gestimmt. Mittels Zielabweichungsverfahren wäre es rechtlich möglich, Flächen von Zone C in Zone A oder B (Erschließung möglich) umzuwidmen und dafür eine andere Fläche unter den strengen Schutz von Zone C zu stellen. Das Gebiet um das Riedberger Horn ist ein. Quellgebiet für Birkhühner. Das heißt, dort werden mehr Hühner ausgebrütet, als das Gebiet bewohnen können. Die Tiere wandern also ab und besiedeln Gebiete in denen sie bereits ausgestorben waren. Die Bahnbetreiber und die Gemeinden betonen die wirtschaftliche Notwendigkeit.

Hunderte Artikel wurden dazu bereits verfasst. Man kann sagen, dass die Fronten verhärtet sind. Einen Artikel möchte ich allerdings hervorheben. Ausgerechnet eine Zeitung aus Hamburg schafft es, das ganze wirklich objektiv darzustellen, als wenn man im Hamburg eine Ahnung über die Befindlichkeiten im Oberallgäu hätte. Aber vielleicht gerade deswegen.

Vorwiegend (nicht nur) aus diesem Artikel möchte ich einige Passagen kommentieren.

http://www.zeit.de/2016/02/allgaeu-balderschwang-obermaiselstein-birkhahn

Jede Spur im Schnee wird zu den eigenen Gunsten gedeutet.

(Die Zeit)

Genau so ist es. Glauben kann man hier beiden Seiten schon lange nichts mehr.

Warum die Befürworter nicht unsere Partner und Freunde sein können.

In den Augen vieler Befürworter aus dem Raum Balderschwang sind wir Bergsteiger und Tourengeher, die jenigen, die von Auswärts kommen, Verkehr verursachen und alles zuparken, kein Geld ausgeben, dafür Dreck  hinterlassen und wieder gehen und zudem überall, selbst durch die sensibelsten Gebiete fahren. Wir kommen also, bringen der Bevölkerung nicht und wir reden überall mit und sind gegen alles.

Die Skitourengeher kommen von frühmorgens bis spätabends, manchmal auch nachts, mit Stirnlampen. Die fahren mitten in die Ruhezonen der Birkhühner

(Ein Skigebietsbetreiber in der „Zeit“)

.. die querfeldein durch Gelände laufen und abfahren. Durch Pisten werden die Wintersportler in die richtigen Bahnen gelenkt.

(Allgäuer Zeitung 15.9.2016)

Das in die Bahnen lenken, kann nur funktionieren, wenn außerhalb der Pisten alles amtlich unter Strafandrohung gesperrt wird.

Für die Herausnahme des 1787 Meter hohen streng geschützten Gipfels aus der Zone C des Alpenplans, in der Pisten und Bergbahnen tabu sind, wollen sie den Wannenkopf in diese Schutzzone hineinnehmen. Außerdem ist der Berg – wie das Riedberger Horn – ein wichtiger Lebensraum für die streng geschützten Birkhühner. Aber das heißt nicht, dass ein verstärkter Schutz für den Wannenkopf die Naturzerstörungen durch die geplante Skischaukel am Riedberger Horn ausgleichen könnte.

(Süddeutsche Zeitung 17.6.2016)

Außerdem bewirke der Pistenskilauf eine Lenkung der Touristen und damit die Schonung der Umgebung.

Aha. Eine Piste nur für die Hühner in der Umgebung.

Er ist im Bewusstsein aufgewachsen, dass man miteinander auskommen muss, weil es unmöglich ist, sich aus dem Weg zu gehen. Man darf die Tür nie zuschlagen, sagt er, nur anlehnen. Eine Dorfdiplomatie, die nicht jeder beherrsche. Je weiter weg die Leute wohnen, sagt XXXX, desto negativer sehen sie das Projekt. Die Auswärtigen knallten die Türen. Was er in der Auseinandersetzung am meisten vermisst, sagt XXXX, ist der Respekt vor den Leuten in den Gemeinden.

(Die Zeit)

In Bezug auf die Allgäuer Kletterer haben der Bürgermeister von Balderschwang  & Co. bereits die Türen zugeknallt, als eine Gruppe Allgäuer Kletter versuchte unter Berücksichtigung der Belange des Naturschutz Kletterrouten an den Gauchenwänden einzurichten. Da war plötzlich der Lebensraum für die Birkhühner ganz, ganz wichtig.

„Und dann kommen so Deppen wie ihr daher und gehen einfach ohne zu fragen da oben Klettern“

(Ein Bürgermeister zu einem guten Allgäuer Sportkletterer und Verleger).

Gemeint war das Piesenkopfgebiet (also auch das Gebiet um die Gauchenwände), von dem er irgendwas phantasiert hat, dass sie überlegen, das für den normalen Publikumsverkehr zu sperren und nur noch geführte Touren da rein zu lassen.

Wo man so über uns Bergsteiger, Skitourengeher, Kletterer, Wanderer usw redet, sollte  man auf jeglichen Kosum (Einkehr nach der Tour) verzichten.

 

Warum die Naturschützer nicht unsere Partner und Freunde sein können

Unterhalb des Gipfels, wo es keine Pisten gibt, kreuzen die Furchen der Skitourengeher die Spuren der Birkhühner.XXXXXXX, der Vogelschützer, sagt: Die kommen sich nicht in die Quere. Die Tourengeher fahren tagsüber, die Birkhühner verlassen ihre Verstecke erst in der Dämmerung

(Ein allgäuer Vogelschützer in „der Zeit“)

So etwas höre ich gerne und jedem Bergsteiger wird klar, auf welche Seite er sich zu stellen hat, aber!!

Warum musste dann das sein?(siehe untenstehendes Bild). Ich verstehe einfach nicht, warum beides von ein und der selben Person stammt. Das passt doch niemals zusammen! Oder will sich die Naturschutzseite nur die Tourengeher als Verbündete warm halten, so lange bis eine Entscheidung getroffen wurde?

anzeige-polizei-skitour
Am Riedberger Horn heißt es, die Tourengeher stören das Birkwild nicht, wo anders werden sie angezeigt. Damit verspielen die Naturschützer zum einen ihre Glaubwürdigkeit, zum anderen wird klar, wie sie handeln und argumentieren, wenn man die Skitourengänger nicht mehr als potentielle Verbündete gegen die Skiegebietserweiterung braucht.  Auf diese Anzeige folgte ein Bußgeldbescheid in Höhe von 500,– €, der erfolgreich vor Gericht angefochten wurde. Die Akteure in dieser Angelegenheit sind dem Autor bekannt. Hinweis: Es handelt sich hier um ein amtliches Sperrgebiet mit Betretungsverbot im Winter.

Auch der Bund Naturschutz und die lokalen Grünen brechen eine Lanze für den Skitourengänger. An anderen Stellen, wo bereits Bahnen gebaut wurden oder niemals welche gebaut werden sollen, da argumentiert die Naturschutzseite ganz anders. Da sind wir Bergsteiger in deren Augen die Störquelle in der Natur.

 

 

Abwägung

Würden Skigebietsbetreiber und Naturschützer die Fronten überwinden und zusammenarbeiten, könnten sie über den Verlauf der neuen Pisten verhandeln, über eine Kanalisierung des Verkehrs in der Ruhezone der Birkhühner, und über Ausgleichsflächen, die vielleicht um ein Vielfaches größer und wilder wären als das längst nicht mehr unberührte Schutzgebiet am Riedberger Horn.

(Die Zeit)

 

Wen dass so kommt, ist es mit dem eigenständigen, individuellen Bergsteigen, Wandern, Pilze suchen, Klettern zwischen Ifen und Hochgrat vorbei. Auf der neue Alpenvereinskarte BY 2 wurden schon rund 40 % der Fläche als Schutz- und Sperrgebiete unterschiedlichsten Rechtsstatus eingezeichnet. Das bedeutet noch mehr Sperrungen, Lenkungen usw. Das von der Bayr. Verfassung garantierte „freie Betretungsrecht“ zur Natur wird dann die Ausnahme sein und nicht mehr die Regel.

ich teile Ihren Eindruck, dass die Alpinisten oft zwischen Tourismuswirtschaft und Naturschutz stehen.

(Prof. Werner Bätzing in einem an mich gerichtetem E-Mail)

Die Raufußhühner

Damit sind in diesem Gebiet meist die Birkhühner, seltener Auerhühner gemeint. Um die dreht sich ja alles. Eine Pist kanalisiert und stellt den Bereich daneben ruhig (Betretungsverbot) sagen die einen. Eine Piste zerstört ihren Lebensraum, besonders wenn sie nachts präpaiert und beschneit wird, sagen die anderen. Das Problem dieser Arten  ist, dass ihnen die intensive Land- und Forstwirtschaft, (auch die Energiewende) , die Zersiedlung der Landschaft aber auch die Aufgabe von bewirtschafteten Bergweiden den Lebensraum genommen hat. Weder eine neue Piste, noch ein paar Skitourengänger bringen die Hühner in Bedrängnis. Siehe dazu: Rauhfußhühner gar nicht so selten.

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Baumgrenzlandschaft am Riedbergpass. Solche Geländestrukturen sind der bevorzugte Lebensraum der Birkhühner

Wir Bergsteiger

tun gut daran, uns hier weder auf die eine noch auf die andere Seite zu schlagen. Wir müssen uns selbst für unsere Belange,  wie das freie Betretungsrecht, den Erhalt und die Anlage von Wanderwegen und Klettergärten, den Unterhalt von Hütten und Biwakschachteln einsetzen. Die Solidarität unter den Bergsteigern ist schwach. Meist treten nur dann ein paar Wenige auf den Plan, wenn ihre Lieblingsabfahrt,  – kletterroute, -bikestrecke gesperrt wird. Die anderen zucken so lange mit den Schultern, bis ihre Tour zur Disposition steht.  Der Alpenverein wäre hier gefragt. Doch dieser schlägt sich gemäß seinem  von linksgrünen, alpenfernen Bergromantikern geprägten Weltbild zu schnell auf die Seite der Naturschützer und macht damit den heimischen Bergsteigern das Leben schwer, wenn sie mal über einen Wanderweg, Klettergarten oder Hüttenparkplatz  mit der  Bevölkerung vor Ort verhandeln müssen.

 

Fazit

Wenn die Skiverbindung Balderschwang-Grasgehren  gebaut wird, so wird sich die Naturschutzseite nur dann irgendwann zu Frieden geben, wenn dafür umfangreiche Ausgleichsflächen mit Betretungsverboten ausgewiesen werden.  Betroffen sein könnten: Die Skitouren und im Ostertal, die Klettergärten  am Besler und das gesamte Gebiet zwischen Riedbergpass und Hohen Ifen.  Dann wird die Luft für uns dünn. Sollte nicht gebaut werden, so wird uns der Naturschutz  nicht mehr als potentiellen Verbündeten brauchen. Auch dann kann es eng werden.  Das beste für uns ist es, wenn sich beide Seiten noch lange streiten und wir uns nicht auf die eine oder die andere Seite stellen.

Wenn wir nicht aufpassen werden wir zwischen Kommerz und Naturschutz zerrieben.

 

 

 

 

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5 Kommentare zu „Bergsteiger zwischen Naturschutz und Kommerz am Beispiel Riedberger Horn“

  1. Hi Kristian, deine Artikel haben Hand und Fuß. Das bedeutet sie sehen die Sache komplett. Das Allgäu wird vermarktet und touristisch ausgeschlachtet in den diversen Fachzeitungen und im Internet. Ich war die letzten zwei Wochenenden mit dem Fahrrad von SF nach Hinterstein um E-Werk und dann auf den Älpelekopf. Dort sind noch wenige außer röhrende Hirsche in der Brunftzeit. Im Winter gehe ich gerne auf den Girenkopf. Noch habe ich da meine Ruhe. Bleib wie Du bist. Alpines Bergsteigen ist die ursprüngliche Form. Alles andere sind Spielarten. Am Schrecksee habe ich im Gras Spuren von MTB Reifen gesehen. Die spinnen die Römer um mit Asterix zu sprechen. Lg Ralf

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    1. So ja… Mountainbikereifen … ganz ganz ganz schlimm.
      Wieder ein Beispiel wie einer „seine“ Outdoor-Niesche verteidigt.
      So wird das nix werden mit dem „Miteinander“ … schade.
      Gruß Markus

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    2. Ich habe gesehen, wie sie Hunderte Tonnen Plastikmüll ins Meer werfen. Ich habe gesehen, wie sie Atommüll im Meer entsorgen. Ich habe gesehen, wie sie Millionen Tonnen Elektroschrot fachgerecht in Indien und Afrika entsorgen. Ich habe gesehen, wie Millionen Tonnen gewässerverseuchendes, krebserregendes Ackergift fein säuberlich auf der ganzen Welt in Mais-Monokulturen versprüht werden, damit ich sich in den Gehirnen ungeborener Kinder wiederfinden lassen. Und ich und die nach uns werden noch sehen, was Überbevölkerung, Klimakatastrophe, Regenwald-Brandrohungen und die Gier nach immer mehr Geld mit dieser Welt noch anrichten werden. Aber ja – schon schlimm, dieser MTB Reifen!

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  2. „Die Bevölkerung der Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein haben in einer Volksabstimmung für das Bauvorhaben gestimmt.“
    Na ja, eine Volksabstimmung war es ja nicht, da dies ja gar nicht möglich ist. Siehe https://www.stmi.bayern.de/assets/stmi/suk/wahlen/vb_und_ve_gesetzl_voraussetzungen_und_verfahren_allg_informationen.pdf

    Vielmehr handelt es sich mit dieser Volksbefragung nur um ein politisches Spielchen der Player Seehofer und den betroffenen Bürgermeister. Armes Bayern…

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    1. Eine Volksabstimmung in einem Bergdörfchen als Legitimation für das Brechen einer 45 Jahre bestehenden internationale Vereinbarung wie den Alpenplan – das sind politische Methoden wie man sie eher von Gestalten wie Putin, Erdogan oder Kabila erwartet… – so weit ist die CSU da moralisch nicht weg: wenns ums Versorgen ihrer Parteifreunde geht ist jedes Mittel recht.

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