Kleinräumige Gefahrenstellen

Bekannter Weise erfassen die meisten Leser des Lawinenlageberichtes nur die Gefahrenstufe. Die wichtigsten  Informationen im Text werden häufig ausgeblendet und überlesen. Was aber, wenn bei im Groben sicheren Verhältnissen, sich kleine lokale Gefahrenstellen erhalten haben? Die Gefahrenstufe betrachtet eine ganze Region z.B. Allgäu, Außerfern, Oberengadin). Weil  es nur wenige Gefahrenstellen gibt, wird dann meist Stufe 2 oder gar 1 vergeben. Da kann man doch alles fahren??! Wirklich???

Am 26.2.2017 haben wir eine Skitour auf den Sattelkopf im Hintersteiner Tal unternommen. Eine selten durchgeführte Tour, die gute Ortskenntnis erfordert und bei der auch einige Passagen um die 40 Grad zurückgelegt werden müssen.

Der Gipfel  fällt mit einer zu Beginn sanft geneigten, dann immer steiler werdenden Fläche nach Nordnordwesten ab. Diese schräge Fläche ist den verschiedenen Wettereinflüssen stark ausgesetzt und nach unten nicht abgestützt.  Die Im Lagebericht häufig genannten Attribute „kammnah“Übergangsbereich zwischen viel und wenig Schnee“, HangkantenExposition Nord treffen hier zu.

Eine Profilaufnahme an diesem Ort ergab  einen  Block, der beim Ausstechen von selbst oder nach leichtem Druck mit der Schaufel  brach.

Sattelkopf Profil 1.jpg
Blocktest: Höhe: 2050 m, Expososition: nordwest. Datum 26.2.2017, Örtlichkeit: Sattelkopf, Gemeinde Bad Hindelang, Hintersteiner Tal.
sattelkopf-profil-3
Schon beim Ausstechen ein glatter Bruch

Als negativ konnte man die leichte Auslösbarkeit feststellen

Als positiv konnte man feststellen, dass die Kristalle relativ klein waren und dass der Bruch AUF und nicht unter einer noch feststellbaren, 14 Tage alten Eislamelle erfolgte. Also eher eine Schichtgrenze.

Die Bereitschaft zur Bruchfortpflanzung war nicht besonders hoch.

Zitat aus dem Lagebericht vom 28.2.2017

Lagebericht vom 28.2.2017

Schneedecke:
Der bayerische Alpenraum blieb seit gestern weitgehend niederschlagsfrei. Der stürmische Südföhn hat der Schneedecke stark zugesetzt. Tiefe Lagen und Südseiten bis ca. 1700m beginnen zunehmend auszuapern. Bis in eine Höhenlage von ca. 1800m hat sich auch schattseitig an der Schneeoberfläche ein Schmelzharschdeckel gebildet. Darunter ist die feuchte Schneedecke weitgehend stabil. Die Hochlagen sind vom Wind stark geprägt. Kämme und Grate sind abgeblasen, in windabgewandten Rinnen und Mulden ist viel Schnee abgelagert. Der windbeeinflusste Schnee ist meist gepresst und kompakt und liegt auf einer stabilen Altschneedecke. Örtlich sind störanfällige Zwischenschichten eingelagert
. Nur noch vereinzelt ist eine pulverige Schneeoberfläche anzutreffen. Durch den stürmischen Wind sind neue kleinräumige Triebschneeansammlungen entstanden, die leicht zu stören sind.

Am Skibergsteiger liegt es nun , nicht nur die Gefahrenstufe zu erfassen (an diesem Tag, wie auch in den folgenden Tagen 2), sondern auch die wenigen  ÖRTLICHEN und KLEINRÄUMIGEN Gefahrenstellen im Gelände zu erkennen und zu vermeiden.

Das Vermeiden der genannten Gefahrenstellen war im Fall dieser Tour gut möglich, da der nicht abgestützte Gipfelhang leicht zu vermeiden gewesen war (Schade um den schönen Powder) und in den steilen Rinnen völlig andere Verhältnisse herrschten.

zwischenablage01

Die örtlichen Zwischenschichten sind wahrlich nicht leicht zu erkennen. Am besten hilft es noch in so einer Situation Bereiche mit Absturzgefahr oder typische Geländefallen zu vermeiden.  Die kleinräumigen Triebschneeansammlungen lassen sich mit etwas Erfahrung leicht vermeiden.  Niemand kann sich letztlich darauf berufen, dass die Abfahrt nach Munter, Snowcard, Stop-or-go im grünen Bereich gewesen wäre, wenn so eine örtliche Zwischenschicht zu einer Lawine führt.

Links zu ähnlichen Themen:

Restrisiko

Restrisiko II

 

Advertisements

6 Kommentare zu “Kleinräumige Gefahrenstellen”

  1. Letztlich wissen wir aber auch nicht, ob es vielleicht im nicht abgestützten Hangbereich vielleicht günstiger war, als auf dem Gipfeldach? Dazu hätte man natürlich in den Hang müssen. Doch dieses Risiko war der Gruppe zu groß. Könnte man aber aus der engen Rinne schließen, wie es in den freien Flächen darüber aussieht? War es in der Rinne ähnlich wie auf dem Gipfeldach? Dann wäre in meinen Augen aber auch die Rinne sehr gefährlich. Spült einen hier ein Schneebrett gegen die Felsen ist das auch nicht unbedingt gut, wenngleich man wohl nicht von einer riesigen Lawine verschüttet wird. Oder umgekehrt: Wenn die Rinne sicher war, hätten es dann auch die darüberliegenden Hangbereiche sein können? Woran erkenne ich den Unterschied? Ist das die langjährige Erfahrung in diesem Gebiet, an diesem Gipfel?

    Gefällt mir

  2. Servus Kristian,

    ich war am Sonntag ebenfalls im Hintersteiner Tal unterwegs und bin auf die Heubatspitze. Dabei hab ich so ziemlich jede Schneeart angetroffen die man sich so vorstellen kann: von nordseitigem Pulverschnee im Karbereich, über Nassschnee unterhalb der Alpe Eck, bis hin zu Bruchharsch und südseitigem Firn im Gipfelbereich …

    Ich tu mich oft noch sehr schwer bei derart unterschiedlichen Bedingungen die aktuelle LWS zu interpretieren und ggf. auch entsprechend zu reagieren / die Route anzupassen. Somit stellt für mich die „einfache Stufe“ 2 schon ein grobe Orientierung dar wie ich mich in etwa verhalten sollte.

    Ich würde mich hier in etwa meinem Vorredner Kauk anschliessen: Woran erkenne ich den Unterschied? Ist eine bestimmte Abfahrtsvariante prinzipiell auszuschliessen aufgrund der gegebenen LWS? Oder kann aufgrund von Erfahrung und individueller Vor-Ort-Analyse eine andere Entscheidung getroffen werden als sie der LL Bericht u.U. empfiehlt? Und für mich persönlich stellt sich letztlich immer die wichtigste Frage: Habe ich ausreichend Wissen und Erfahrung die jeweilige Lage richtig einzuschätzen oder sollte ich mich lieber strikt an den LL Bericht halten?

    Gefällt mir

  3. Wir gewinnen unsere Informationen aus
    – Lawinenlagebericht
    – mit Schneedeckenbericht
    – Gefahrenmustern
    – dem Risikopotenzial des Geländes
    – gemachten Beobachtungen vorher
    – vor Ort oder in vergleichbarem Gelände
    – Augenschein der Schneedecke, Stocktest

    Wir integrieren diese Informationen zu einem plausiblen, konsistenten Gesamtbild. In der Natur der Sache liegt, dass wir die Risiken vorsichtig bewerten, und auch punktuell erwartbare Schadwirkungen grob quantifizieren und einpreisen.

    „Letztlich wissen wir aber auch nicht, ob es vielleicht im nicht abgestützten Hangbereich vielleicht günstiger war, als auf dem Gipfeldach?“

    Die lokal begrenzte Aussagefähigkeit eines Schneeprofils nötigt uns weit in die Vorsichtigkeit hinein. Ich kann als Laie davon ausgehen, dass die Umgebung im Schneeprofil schlechter ist, als im Schneeprofil. Wenn ich es mir plausibel begründen kann, dann kann ich annehmen, dass eine vergleichbare Situation wie im Schneeprofil nebenan vorliegt.

    Aber hier kommt ja das Geländemerkmal des konvexen Hanges dazu. Offensichtlich ist im Steilhang ein bruch- und gleitwilliges Schneebrett obenauf. Das wird brechen und die Schneedecke im noch steileren Hang darunter mit seinem Gewicht belasten. Zu allem Überfluss brauche ich mir, wenn ich bei der Abfahrt mit dem Schneebrett was ich wohl auslösen werde folgerichtig runtergedrückt werde und abstürze, keine Sorgen mehr über eine notwendige Ausgrabung zu machen, weil ich eh nur noch ein paar Zuckungen mache.

    Welcher Teufel würde mich jetzt dazu verleiten, spielen zu wollen, ob nicht etwa die Schneedecke im steilsten Hangbereich einfach stabiler sein könnte, als im genommenen Schneeprofil, so dass das Schneebrett was oben abbricht, gehalten wird, und schon nicht zusammen mit mir herunterfallen wird?

    Ich war auch einen Tag vorher etwas weiter südlich unterwegs und wurde Zeuge starker kammnaher Verfrachtung in meine projektierte Scharte und sah Triebschneepakete. Die nordseitige Scharte touchiert an der Route Bereiche von 40°. Ich war aufgrund vorhergehender Beobachtungen überzeugt, dass wenn, nur oberflächliche Triebschneepakete abgehen. Und das mehrere Spuren den Einzugsbereich notdürftig im Untergrund verfestigt haben.

    Zum Lagebericht, zum Wissen und zum Bauchgefühl gehört auch ein Risikomanagement (3×3), dazu gehört noch eine Reduktionsmethode.

    Meine Route war halb verspurt anzusehen (Reduktionsfaktor 2) und fast schon unter 39° 20 m neben der Spur(RF 2). Ich hab beides halb gegeben, also Reduktionsfaktor 2 zusammen.

    Alleine ist kleine Gruppe mit Entlastungsabständen RF 3.

    Nach Munter kann ich reduzieren 2 x 3 = 6.

    Gefahrenpotenzial: Route ist voll nordseitig, voll im Gefahrenbereich (Stufe 2), aber nicht nur das, hundert m hoch und daneben ist in Tirol ein dreier. Durch den fetten Triebschnee bin ich selber schon gelaufen. Eine Riss- und Schollenbildung kammfern bei 35° hab ich selber schon ausgelöst. Ich weiss, dass kleine Härteübergänge und in der Scharte eine harte Altschneeoberfläche kleine Rutsche erlauben, wenn es steil genug wird.

    Also Gefahrenpotenzial oberster Zweier 7 (schon bald 2 – 3).

    Dazu kommt das Gelände, wenn ich von einer Scholle aus dem Stand gerissen werde, kann ich 100 m abrutschen, auch noch über einen kleinen Absatz. Wenn ich mit gebrochenem Bein daliege, oder 50 cm verschüttet werde, dann war es meine letzte Tour.

    Mein Gefahrenpotenzial wird durch die reale Verletzungsgefahr und Abwesenheit von Kameraden subjektiv noch erhöht. Ich schiebe es auf 8.

    8/6 = 1,33 < 1. Das verbietet sich. Ich glaube zwar, dass ich durchkomme, aber ich habe Angst bei dem Gedanken. Auch Angst bei dem Gedanken mir solche unqualifizierten Spielereien anzugewöhnen.

    Schade ich hab keinen Gipfel erreicht. Ich mache frühzeitig eine tolle Abfahrt im kalten Powder bis zum Talweg. Die Gemsen schauen mir beim Powdern zu.

    Wenn man schon mal gucken geht, und der Lawinenlagebericht ist im Grenzbereich, und Augenschein verschärft alle Warnglocken, dann macht man über so einem Abbruch keine Experimente. Ich denke das spürt man über so einem konvexem Abbruch aber im Bauch, dass da alle Lampen grün Blinken und laut träten müssen, bis man einen Fuß dahin setzt.

    Gefällt mir

  4. Noch zwei Ergänzungen: Wenn ich erkannt habe, dass hier ein oberer Zweier vorliegt (und noch über 15 cm Neuschnee drastisch verfrachtet werden), dann komme ich logischerweise immer näher an den Dreier. Beim Dreier muss wieder die Steilheit des gesamten Hanges miteinkalkuliert werden, also bestimmte weiter entfernte Steilheiten gefährden mich, die mich bei 1 – 2 gar nicht oder kaum gefährden.

    Und bei Gefahrenpotenzial Lawinenwarnstufe drei würde dann gelten: Nordseitig, nicht befahren, Stellen ab 40°: Das ist off Limits, komplett verboten.

    Den erweiterten Handlungsspielraum bei heiklen Verhältnissen begründet nur haarkleines detailliertes Wissen, dass mühsamst zusammengeklaubt wird. Wenn das nicht generiert werden kann, dann bleibt alles verboten und man muss sich in ungefährlichere Gefilde zurückziehen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s