Neulich am Schrecksee: Medienhype und die Folgen

Der „schönste Bergsee der Alpen“ (lt. Bergwelten), oder das „Basiscamp für Umweltsünder“ (lt. Alpin) übt inzwischen eine magische Anziehungskraft auf die Menschen aus. Der Medienhype um das illegale Zelten sorgt für zusätzliche Publicity. Auch Bad Hindelang wirbt immer wieder mit Schreckseebilder. Also ein Ort, an dem man gewesen sein muss. So wie Neuschwanstein, Garmisch, Zermatt? Vielleicht nicht ganz. Auffällig ist jedoch, die Zunahme von Besuchern,  die keinen blassen Schimmer davon haben, dass sich dieses Schmuckstück im Hochgebirge befindet und nur zu Fuß zu erreichen ist. Besucher, die keinen blassen Schimmer von den Bergen  und deren Gefahren haben, die einfach mal drauf los spazieren und mehr oder weniger orientierungslos umherstapfen.

Am 7.10.2017 gab es nach einem nächtlichen Schneefall bis auf 1300 m hinab ein kurzes Zwischenhoch. Selbst am Morgen war es noch trüb. Verhältnisse, bei denen die Berge in der Regel einsam und verlassen sind. Nicht so an diesem „place must to see“.  Der Weg dorthin war am frühen Nachmittag bereits gut gespurt. Ein Pärchen in Jeans und Turnschuhe fragte mich auf halber Strecke, ob es noch weit sei. „wir dachten, da könne man mit dem Auto hinfahren“ . Ok,. Der Schrecksee also als Spaziergang, wie es die Touris machen, die von Tannheim zum Vilsalpsee latschen? Lustig auch mal der Herr, der mit dem Wohnmobil zum Giebelhaus gefahren ist und dort dem Camping am Schrecksee gesucht hat.Schrecksee 2

Schrecksee 3

Bei 30 cm Schnee beginnt dieser auf glattem Steilgras schon in Form kleinerer Lawinen abzurutschen. Keine Riesendinger aber genug um einen aus dem Stand zu reißen und in die Tiefe zu befördern. Aus diesem Grund habe ich die wage geplante Überschreitung vom Kugel- und Rauhorn verworfen und stattdessen Kasten- und Lahnerkopf besteigen. Nach der Lahnerscharte habe ich zwei am Aufstieg zum Kastenkopf eingeholt. Auch die kannten sich nicht recht aus und wollten halt einen Gipfel machen, waren konditionell aber schon recht am Ende. Zurück in der Lahnerscharte kamen mir drei mit ziemlich überdimensionierten Rucksäcken(so E-5-Wandertypen)  entgegen mit dem Ziel Prinz-Luitpold-Haus. „wir wollen noch eben runter auf die Hütte auf der anderen Seite“. Eben mal runter? Das sind bei trocken Wegen schon mindestens zwei Stunden. Jetzt,  bei teils knietiefem Schnee ist mit  vier bis fünf Stunden zu rechnen, wenn man den Weg kennt und ihn unterm Schnee findet.

Gleitschnee Schrecksee
Erste, kleine Lawinen auf steilgrasigem Untergrund gefährden die Höhenwege.

Ich habe von der Tour abgeraten und die Umkehr empfohlen, da es bereits 17.15 Uhr war. Gut ja, der Kastenkopf, ja den kann man noch machen. Aber um diese Uhrzeit? Irgendwie wirkte ich mit meinen Bedenken, dass man im Oktober bei Neuschnee um 17.30  Uhr nicht mehr auf so einen Gipfel steigt, wenig glaubwürdig, da ich selbst auch noch zum Lahnerkopf emporstapfte. Na ja,  moralisierendes Geschwätz ist unangemessen, wenn man selbst oft zu Zeiten unterwegs ist, zu denen „man nicht geht“. Aber wenn man so etwas macht, sollte man auch ortskundig sein und über konditionelle Reserven verfügen.

Aufgefallen ist mir noch die Gruppe, die sich unter dem Vordach der Alphütte zum Kochen niedergelassen hat. Wollten wahrscheinlich dort übernachten. Völlig in Ordnung, sofern es zu keiner Sachbeschädigung kommt und jedes Fitzelchen Müll wieder mit ins Tal genommen wird. Gerade bei solchen Aktionen müsste klar sein, dass  jede noch so kleine Verfehlung irgendwelchen Wichtigtuern am Landratsamt zum Anlass dient, im nächsten Sommer wieder zur Jagd auf alles und jeden aufzurufen, die irgendwo in der Natur draußen übernachten.  Dezentes und unauffälliges Verhalten wäre angebracht. Die Stimmung bei vielen Einheimischen ist eh schon vergiftet.

Hochvogel
Abendstimmung auf dem Kastenkopf, Blick zum Hochvogel nach einem herbstlichen Neuschneefall

 

Auffallend war, wie viele Leute und vor allem wie viele Unerfahrene und Überforderte an so einem Tag mit eher zweifelhaftem Wetter dort oben unterwegs waren.

Für alle, die den Aufstieg zum Schrecksee mit einem Spaziergang verwechseln:

Vom Parkplatz „auf der Höhe“ in Hinterstein sind es 9 Kilometer bei 1.000 Höhenmeter auf einem leichten, aber grobschottrigen und daher mühsam zu begehenden ALPINEN !!! Wanderweg.

Kann sich jeder selbst ausrechnen, wieviel Zeit dafür zu veranschlagen ist.

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4 Kommentare zu „Neulich am Schrecksee: Medienhype und die Folgen“

  1. Ja, Kristian, trefflich beschrieben, ähnliche Erfahrungen haben wir auch auf der Tour auf den Aggenstein am gleichen Tag gemacht. Duschen und WLAN auf der Hütte, Reservierung der Hütten nur noch über Internet, immer mehr Menschen mit Vollkaskomentalität auf den Hütten und Wegen….das sind Tatsachen, die ich in den letzen Jahren immer öfter erlebt habe. An vielen bekannten Bergsteigerorten der Alpen ist der Bergsteiger inzwischen zum Exoten zwischen zahlreichen Luxustouristen geworden. Einen langjährigen Alpinisten lässt das an den Ausverkauf der Berge und des Bergsteigens denken. Das schmerzt in tiefster Seele, aber dagegen machen lässt sich wohl nicht wirklich viel?

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  2. Gleiches erlebt beim ersten Schnee mit drei Damen die vom oytal übers Rauheck zur Kemptner Hütte gingen. Ich habe am Grat umgedreht, sie sind weiter und haben es wohl auch überlebt. So what ;+)

    Im Ernst, richtig ist dass der Ausverkauf vor Ort erfolgt. Den Trend dreht auch erstmal niemand. Im Gegenteil.

    Die Folge sind Verbote, Beschränkungen und höhere Kosten und werden in erster Linie die Leute treffen die in den Bergen leben.

    Die Touristen kennen es dann einfach nicht anders.

    Ich denke an Bußgelder für mangelhafte Ausrüstung wie am Mont Blanc, an Selbstbeteiligung für Bergrettung, an Notlager oder abgewiesen werden wer ohne Reservierung und Reisegruppe auf einer „Schutzhütte“ eintrifft. Betretungsverbote, horrenden Parkgebühren, Kletter- und Tourensperren und am Ende Verlust des Versicherungsschutzes wenn man sich ausserhalb markierter Wege bewegt…

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