Das inneralpine Schneewunder

Eingelagert in eine kräftige, großräumige Westströmung staute sich am 4.1.2018 feuchtmilde Luft von Norden an den Alpen. Die Schneefallgrenze stieg im Allgäu rasch auf ca. 2.300 m. Im Alpenvorland und an windexponierten Alpenrandbergen konnte man den Schnee regelrecht dahinschwinden sehen. In den oberallgäuer Tälern hielten sich die Schmelzverluste in Grenzen. Im Inntal schneite es am gleichen Tag noch relativ lange  auf unter 1.000 m hinab und selbst im nur 250 m hoch gelegenen Bozen fiel Schnee bis ganz herunter ins Tal.

Verkehrte Welt: Regen bei nördlicher Anströmung  im naßkalten Allgäu auf den Nebelhorngipfel, während im sonnigen Südtirol die  Weinstöcke unter der Neuschneelast ächzen?

Wie kommt so etwas zu Stande?

Die Ursache dafür ist die Starkniederschlagsabkühlung in abgeschlossenen Tälern. Strömt milde und feuchte Luft von Westen oder Nordwesten an die Alpen. (oder generell aus beliebiger Richtung an ein Gebirge) so führt dies in der Regel im Bereich der ersten hohen Berge durch Hebung und Staueffekte zu starken Niederschlägen. Das Schmelzen des fallenden Schnees entzieht dabei der umliegenden Luft Wärme. Folge: Es wird kälter und die Schneefallgrenze sinkt. Streift die Luft bei einer milden Westströmung am Alpenrand entlang oder staut sie sich von Nordwesten kommend an den Alpen, verpufft diese Abkühlung am Alpenrand wirkungslos, da immer wieder milde Luft nachströmt.

Ist die Strömung entsprechend kräftig, so dass sie die ersten Bergkämme überspringt, so bekommen die inneralpinen Regionen auch vom Stauniederschlag etwas ab. Liegt dabei die Schneefallgrenze tiefer als die eine Talschaft flankierenden Bergkämme, so kann die Starkniederschlagsabkühlung uneingeschränkt wirken. Die Luft ist in einem abgeschlossenen Tal mehr oder weniger gefangen. Es fehlt der Nachschub an milder Luft. Durch das Schmelzen wird der „gefangenen Luft“ immer mehr Wärme entzogen. Die Schneefallgrenze sinkt. Oder die Schneefallgrenze bleibt einfach tief unten, wenn das Tal noch mit Kaltluft gefüllt ist. Beides in Kombination konnte man am 4.1.2018 in den Ostalpen gut beobachten.

Starkniederschlagsabkühlung ZAMG
Graphik der ZAMG: Die Schneefallgrenze liegt unter dem Kammniveau. Die Luft ist bei quer zur Talachse verlaufender Anströmung gefangen, der Zustrom milder Frischluft bleibt aus. Durch das Schmelzen wird der gefangenen Luft Wärme entzogen, die Schneefallgrenze sinkt. Diese Situation hatten wir am 4.1.2018 relativ lange im Inntal und bis zum Ende der Niederschläge im Vinschgau.

 

Schneefallgrenze 2
Die Situation im Allgäu am 4.1.2018. Die Schneefallgrenze lag schon zu Beginn höher als zumindest einer der flankierenden Bergkämme. Es gab zwar starken Niederschlag, die daraus resultierende Abkühlung verpuffte wirkungslos, da immer wieder Nachschub an milder Luft folgte. Die Luft am Alpenrand ist nicht in einem Tal „eingesperrt“
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4.1.2018 im Ultental (Südtirol). Zur selben Zeit regnete es am Alpennordrand bereits über 2.300 m hinauf. Foto: Bruno Bayer
Screenshot-2018-1-9 Heini-Klopfer-Skiflugschanze - Oberstdorf - Blick nach Nordosten - Foto-Webcam eu
Screenshot von Foto-Webcam.eu. vom 5.1.2018.  Bei Oberstdorf/Allgäu.Hier fielen am Tag zuvor über 80mm Regen. Die Schneefallgrenze lag in etwa auf Höhe des etwas rechts der Bildmitte sichtbaren Nebelhorns (2224m.)

 

Screenshot Webcam Fernpass
4.1. 2018. 13.00Uhr in Nassereith, 800 m.. Auf der Nordseite des Fernpasses regenete es bereits seit dem Vormittag.

Ähnlich die Situation am 8.1.2017 bei einer Südstaulage. Die Niederschlagszone hat die Walliser Alpen von Süden übersprungen. Im sonst so trockenen Wallis führte die Starkniederschlagsabkühlung zu einem Absinken der Schneefallgrenze und einem gefährlichen Schneewunder. Gefährlich deshalb, weil mit Stufe 5 nicht zu spaßen ist. Hoffen wir das es 2018 nicht ein „Galtür 2.0“ gibt.

Links zum Thema:

https://freieberge.wordpress.com/2016/01/13/wenn-die-staulage-kraeftig-wird/

https://freieberge.wordpress.com/2015/01/12/schneehohen-das-lechtal-holt-auf/

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