Nigg Effekt – Ein heimtückisches Problem

Der so genannte Nigg Effekt ist ein heimtückisches Problem in der Lawinenkunde, dass  mit den probabilistischen Methoden zur Einschätzung der Lawinengefahr (Snowcard, Munter, Stop-or Go“) kaum einzuschätzen ist. Mit einer analytischen Herangehensweise würde die  Beurteilung besser funktionieren,  vorausgesetzt wir wissen genau, wie es in der letzten Zeit um den zu beurteilenden Hang ausgesehen hat. Was aber nur selten der Fall ein dürfte.

Dieser Artikel geht davon aus, dass dem Leser klar ist, dass überschneiter Oberflächenreif meist eine gefährliche Schwachschicht, also die Grundlage für ein Schneebrett, bildet.

Beim so genannten Nigg-Effekt handelt es sich um ein eher kleinräumiges, heimtückisches Phänomen, bei dem sich während sonniger  Wetterperioden  in kammnahen, meist hohen und hochalpinen, schattigen Bereichen Oberflächenreif bildet. Häufig tritt dieses Phänomen im Frühwinter und im Frühjahr auf, wenn tiefer gelegene Hänge noch oder schon schneefrei  sind und sich eine leichte Thermik ausbilden kann.

An einem sonnigem Tag  erwärmt sich die Sonne die Luft an einem Südhang. Der Schnee dort verdunstet (sublimiert) an der der Oberfläche. Die warme feuchte Luft steig auf und kondensiert dort, wo es wieder kälter wird. Es kann sich dort Nebel ausbilden oder die feuchte, „warme“ Luft gibt beim Erreichen des Grates auf der kalten Nordseite die Feuchtigkeit in Form von Oberflächenreif ab.

Nigg 1
Ein sonniger Frühjahrstag in Imst/Tirol. Am Tag zuvor gab es Neuschnee bis etwa 1.200 m. hinab. Die Sonne wärmt den Talboden auf, warme, feuchte Luft steigt auf. Oberhalb der Waldgrenze kondensiert die Luftfeuchtigkeit. Es bilden sich Hangwolken und auf der Schneeoberfläche Reif. Steigt die Hangwolke zum Grat hinauf, bildet sich dort der Reif auch auf der Schattenseite und bleibt dort als langlebige Gefahr bestehen. Nur vor Ort zu erfassen. An der Heiterwand (rechts) gab es keine Hangwolken. Vermutlich auch keine Thermik und auf der Schattenseite in Folge keinen Nigg-Effekt.
Nigg 2
Hangwolken erreichen den Grat an der Platteinspitze/Tirol

Es entsteht knapp unter der Grathöhe ein mehrere Meter breiter Streifen mit Oberflächenreif. Wenn nun Neuschnee folgt ist der eingeschneite Reif nicht mehr zu sehen und auch nicht durch eine Schneeprofil feststellbar, dass man weiter unten, z.B. am Beginn des Hanges gräbt.

Anraum am Schänzlekopf
Oberflächenreif nordseitig knapp unter der Grathöhe auf dem Schänzlekopf/Allgäu
Oberflächenreif Iseler
Oberflächenreif durch Nigg-Effekt in der Nordflanke des Iselers/Allgäu

 

Letztlich führt der Nigg-Effekt zu kleinräumigen, aber recht brisanten Gefahrenstellen, die nur schwer zu erkennen sind.

niggeffekt am Ponten
Am Ponten (Allgäu) an einem kalten Frühjahrstag nach Neuschnee. Südseitig erwärmte die Sonne den Wald. Der Schnee auf den Bäumen schmolz und verdunstete. Warme Luft stieg auf. Dort wo diese sich abkühlte, bildeten sich Wolken. Auf der kalten Nordseite hat sich an diesem Tag massiv Oberflächenreif gebildet.

Besonders betroffen sind schattseitige Hänge knapp unter der Grathöhe, bei denen sich auf der anderen Seite größere Sonnenhänge  befinden.

Nigg 3
Ein Praxisbeispiel. Die durch den Nigg-Effekt entstandene Schwachschicht reicht nur wenige Meter von der Grathöhe talwärts.

Das oben stehende Bild verdeutlicht das Problem den Nigg Effekt bei der Einzelhangbeurteilung zu erfassen.

Annahme: Ziel ist es eine der beiden Scharten zu erreichen. Gehen wir von Gefahrenstufe 2 aus mit der fast schon inflationär benutzten Formulierung im Text „ Gefahrenstellen befinden sich im kammnahen Steilgelände der Expositionen Nordwest bist Nordost.“ Die probabilistischen Methoden zur Einschätzung der Lawinengefahr (Snowcard, Munter, Stop-or Go“) liegen irgendwo im gelben Bereich. Also Achtung! Einzelhangbegehung , kleine Gruppe, Sicherheitsabstände!

Wir wollen nun analytisch vorgehen und schauen in die Schneedecke. (Kleiner Blocktest, ETC). Wir graben an den mit X markierten Punkten und finden keine Schwachschicht. Also steigen wir den Hang hinauf. Kurz vor dem Grat plötzlich ein Wumm -Geräusch. Wir zucken zusammen. Wir spüren, wie sich die Schneedecke gesetzt hat. Wenige Meter noch zum Grat. Wir steigen weiter. Der Hang hält. Vermutlich nur deshalb, weil die Schwachschicht nur örtlich begrenzt vorhanden war und sich der Bruch nicht über den ganzen Hang hatte ausbreiten können. Das hätte auch anders ausgehen können, so wie in diesem Beispiel.

Die Erklärung, woher nun diese Schwachsicht kommt, die wir trotz sorgfältiger Arbeit beim Blocktest/ETC am Hangfuß  nicht feststellen konnten ist der Nigg-Effekt.

Hier ein Beispiel, bei dem die Beteiligten weniger Glück hatten.

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