Vorsicht mit IGC Karten

Der innere, italienische Alpenbogen vom Matterhorn, über Montblanc, Gran Paradiso bis hinab zu den Seealpen zählt zu den attraktivsten und vielseitigsten  Skitourengebieten der Alpen, wenn nicht sogar weltweit. Das verfügbare Kartenmaterial, sprich die IGC Karten erreichen mit ihrer Geländezeichnung, Lagegenauigkeit und ihrer Aktualität  kaum das Niveau eines Kartenwerkes aus einem asiatischen Drittweltland oder einer südamerikanischen Bananenrepublik. Lehrbuchmäßige Tourenplanung ist mit diesen Karten kaum möglich. Nachfolgend ein paar Beispiele und ein paar Gedanken, wie man damit umgehen kann.

Gemeingefährliche Fehlinformationen.

 

So lange es nur die Lagegenauigkeit von Wegen und Hütten ist, die nicht stimmt, so mag dies lästig sein, aber nicht sonderlich relevant, wenn aber die Kartenzeichnung einen freien Hang darstellt, der in Wirklichkeit von Felsabbrüchen unterbrochen wird, kann dies zu fatalen Fehleinschätzungen führen.Ein paar Beispiele.

Der Trajo-Gletscher in der Gran Paradiso Gruppe. Das Kartenbild zeigt einen mäßig geneigten Gletscher. In Wahrheit Felsabbrüche. Immerhin ist die Skiroute richtig eingezeichnet.

Karte Bec Aigle

Bec de Aigle ostgrat (002)

Das Kartenbild am Tete Plate Longe  täuscht einen mit Ski befahrbaren Rücken vor. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

 

Karte nebius

Seealpen 2.4.2018 2Seealpen 2.4.2018 1

Super! Nutzen wir den schneereichen Winter 2018 und fahren sogleich von p. 1370 über Lentre zum Parkplatz nähe dem F des Wortes Forte Neghino ab.  Wald gibst nur in einem kleinen Bereich ganz unten. War wohl nichts. In Wahrheit sind die Hänge dicht bewaldet. Teils mit Buchen und Eichen mit einem Stammdurchmesser von einem Meter. Diese Bäume standen schon bei Drucklegung der Karten.

Alternativen

Schweizer Landeskarte

Wessen Ziel im Valpelline oder in der Mont Blanc Gruppe liegt, kann dort auf die weit über die schweizer Landesgrenzen nach Süden ragenden Landeskarten der Schweiz zurückgreifen. Eh das beste Kartenwerk, dass es gibt und selbst in der 1 :  50.000 er Version den IGC Karten um Lichtjahre überlegen.

Französische IGN Karten

Diese ragen oft über die Grenze nach Italien hinein. Allerdings ist das Kartenbild nur auf französichem Gebiet brauchbar.

Online Karten

Gibt es unter anderem  von Open Topo map, outdooractive . Sind ganz brauchbar, um sich von zu Hause eine grobe Übersicht zu verschaffen. Im Gelände leider nur mangelhaft.

Karte Outdooractive

Chamberyon

Leider keine brauchbaren Alternative. Lt. Karte Onlinekarte von Alpenverein Active kann man die Skitour von der Pointe de Aval über einen Breiten Rücken zur Aig. Chambeyron fortsetzen. In Wahrheit führt dieser Übergang über einen Grat mit Kletterstellen bis IV. (vom linken Bildrand bis zur Bildmitte)

 

Wie gehen wir damit um?

Eine lehrbuchgemäße Tourenplanung ist mit diesen Karten kaum möglich. Mangels Alternative wird man doch auf diese zurückgreifen müssen. Es gibt jede Menge italienischer Skitourenführer, die meisten gut bebildert, so dass man auch ohne weitreichende italienischer Sprachkenntnisse damit halbwegs planen kann.

Ich rate zu einer Herangehensweise wie im Kaukasus, am Balkan oder sonst wo in Zentralasien. Sich einfach vor Ort ein Bild von der Situation machen und bei den ersten Touren etwas defensiv unterwegs zu sein. Im Gegensatz zum Kaukasus gibt es hier einen Lawinenlagebericht, wenn auch nicht täglich.

Tourenforen wie Gulliver.it (entspricht etwa gipfelbuch.ch oder tourentipp.de) können bei der Planung durchaus hilfreich sein. Ein bisschen Italienisch ist dafür allerdings nötig.

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4 Kommentare zu „Vorsicht mit IGC Karten“

  1. hallo Gemeinde,
    der Kristian hat die IGC Karten unter die Lupe genommen. Diese Karten haben nach seiner Erfahrung einige Defizite.
    Die amtliche Kartographe für Italien ist jedoch eine andere als die IGC: Zuständig für die Kartografiein Italien ist das Istituto Geografico Militare in Florenz, abgekürzt IGM. M steht für militare. Im Gegensatz dazu steht C wohl für comerciale.

    Man kann die IGM Karten kaufen, man muss dazu allerdings am einfachsten nach Florenz fahren. Es gab die Karten, es ist viele Jahre her — auch damals ist man schon nach Italien in die Berge gefahren und auch mit Ski — einmal in der Geografischen Buchandlung in München. Die Buchhandlung ist leider eingegangen; ich sag mal wegen dem Massentourismus. Kein Mensch in unseren Landen hat indivduell nach einem Kartenblatt gefragt wie zum Beispiel CENCENIGHE AGORDINO Fo.12 III S.O. ed 1966 für den Fels in der Civetta, oder gefragt nach dem Blatt PEIO, Fo. 9 III S.E. ed.1972 für eine Skitour auf den Monte Vioz.
    Das Kartenwerk heisst mit vollem Namen: Carta d’Italia alla Scala di 1:25000. Fo. steht für Foglio= Blatt Nummer. Ein Blatt kostet ca. 25 Euro.
    Ich habe über das Kartenwerk, soweit es den Alpenbogen betrifft, einmal einen Artikel geschrieben,veröffentlicht in den Nachrichten für alpine Führungskrafte beim Deutschen Alpenverein. Das Datum habe ich gerade nicht zur Hand; mit einer Skizze zum Blattschnitt. Es war eine sehr mühsame Arbeit, damals, einschliesslich einer Reise nach Florenz.
    Gletscherstand und Infrasstruktur sind jedoch immer vom Zeitpunkt der Kartenaufnahme, das kann Jahrzehnte zurückliegen.
    Zum Schluss:
    Es gibt noch mehr auf der Welt als einen Klick auf google.maps.

    Fazit: die richtige Information zum richtigen Ort auf einem Kartenblatt 1:25.000 gibt es; aber nicht auf die Schnelle.
    mfg
    Hermann Reisach
    Bergführer und Geograf
    17.04.2018

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  2. und dann gibt es noch lokale Kartenverlage, die oft eine bessere Arbeit machen …
    Für das Val Maira z.B. die „Fraternali Editore“, mit denen ich recht gut zu Recht gekommen bin. Schitouren werden dort in drei Schwierigkeitsgraden angegeben. Da geht es schon mal eine 3 m breite und 300 Meter lange 50°- Rinne runter.

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  3. Die oben genannten Probleme liegen nicht an den jeweiligen Kartenwerken und Onlineportalen selbst, sondern an den digitalen Höhenmodellen, auf die dort der restliche Karteninhalt (Wege, Hütten, Gipfel, Seen, etc.) „gelegt“ wird. Je genauer das vorliegende Höhenmodell, desto exakter stimmen auch die Höhenlinien mit der Realität überein. In manchen Regionen gibt es frei verfügbare Höhenmodelle flächendeckend nur in mageren 20x20m-Auflösungen. Da werden Felsabbrüche und ähnliche Heterogenitäten im Gelände ganz schnell aus der Karte „raus-interpoliert“. Bei 5x5m-Auflösungen oder noch genaueren Laserscans schaut die Sache schon deutlich realistischer aus. Siehe Laser- & Luftbildatlas Tirol:
    https://portal.tirol.gv.at/LBAWeb/luftbilduebersicht.show#

    Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis flächendeckend hochauflösende Geländemodelle (>5x5m) zur freien Verfügung stehen werden. Wer einen Blick in die Zukunft werfen will, kann auch jetzt schon in google earth schauen. Dort sind inzwischen zusätzlich zu vielen urbanen Räumen auch einige Bergregionen als 3D-Modell zu sehen. U.a. auch das Allgäu in einem Streifen von Fischen bis über das Kleinwalsertal hinaus (zum Schwenken/Neigen einfach linke Maustaste + Strg-Tase gedrückt halten / zum Zoomen einfach scrollen):
    https://www.google.de/maps/@47.2922792,10.26253,448a,35y,214.69h,55.25t/data=!3m1!1e3
    oder auch in den Dolomiten:
    https://www.google.de/maps/@46.4965335,11.7756,1586a,35y,30.56h,59.75t/data=!3m1!1e3

    Man kann sich seinen geplanten GPX-Track auch dort hineinladen (vorher in KMZ-file konvertieren). Das funktioniert teilweise schon ganz gut. Habe ich bspw. zum Intro von diesem Video gemacht:

    Was diese Technologie angeht, freue ich mich auf die Zukunft 🙂

    Kraxl-Gruß,
    Chris

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