Winter 2017/-18 Rückblick auf einen Winter der Extreme

 

Einen Winterrückblick für das Allgäu zu schreiben, bevor der Kratzer mit dem zeigen seiner Rippen das Ende des Tourenwinters signalisiert macht wenig Sinn. Doch nun ist es es weit. Der zurückliegende Winter war ein extremer Winter. Der kälteste November seit über zehn Jahren. Reichlich viel Neuschnee und Kälte im Dezember, ein milder Januar,, eisige Kälte im Februar, ein eher durchschnittlicher März und schließlich zum Ende hin ein gerade zu hochsommerlicher April, der die bis dahin so mächtige Schneedecke rascher dahinschmelzen ließ, als man das für möglich gehalten hätte. Das Besondere am vergangen Winter: Nicht nur in einer Region, sondern nahezu in den gesamten Alpen und am Balkan zeigte sich Frau Holle außerordentlich großzügig.

Der kälteste November seit zehn Jahren liegt hinter uns. Zudem noch ein November mit überdurchschnittlichen Niederschlagsmengen. Eine feuchtkalte Nordwestströmung folgte der nächsten. Dieser frühwinterliche Pulvertraum hielt bis Ende Dezember an.

Aufstieg Tiefenbacher Eck Hindelang
Anfang Dezember 2017. Wir waren auf Skitouren unterwegs, die nur selten gehen. Südexponiert unter 1.000 m. (Bad Hindelang)
Wetterwerte Oberstdorf No dez 2017
Die Wetterdaten des DWD aus Oberstdorf. November und Dezember waren zu kalt und zu nass. Einen besseren Winterstart kann man sich nicht wünschen. In blau jeweils ist IST-Werte, rot die langjährigen Mittelwerte
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Ein „optimaler Tourentag“ bereits im November am Kleinen Seekopf im Allgäu. Pulverschnee von oben bis unten, unverspurt, kein Bodenkontakt
Naturfreundehaus
Am Naturfreundehaus bei Immenstadt
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Mitte Dezember 2017. Mühsame Spurarbeit am Toreck (Allgäu)
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24.12.2017. Das Christkind brachte Pulverschnee. Schneck- Allgäuer Alpen
Schneefahnen Entschen Sonnenkopf Nebelhorn
29.12.2017. Der vorerst letzte Pulvertag. Blick vom Sonnenkopf zum Nebelhorn. Bereits am Abend dieses Tages stieg die Schneefallgrenze auf über 2.000 m.
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Auch in tiefen Lagen (750 m) bedrohen Gleitschneelawinen die Verkehrswege.

Feuchtmilde Luftmassen ließen besonders am Alpenrand die Schneefallgrenze rasch ansteigen, während ein Stück tiefer drin im Gebirge Kaltluft und Schnee gut halten konnte.

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Sylvester auf dem Pfronter Breitenberg. Regen und Westwind haben den Schnee im Alpenvorland weggefegt, während die Schneedecke in den Bergen kaum angegriffen wurde.

Auffällig war, dass es Anfang Januar gleich zwei mal bis auf 2.300 m hinauf in den Allgäuer Bergen regnete. Bereits im Lechtal lag die Schneefallgrenze tiefer. Siehe dazu: Das inneralpine Schneewunder. In den folgenden klaren Nächten fror die durchnässte Schneedecke zu einem rillenzerfurchten Eispanzer. Selbst an relativ flachen Bergen ging ohne Harsch- oder Steigeisen gar nichts mehr.

Harscheisen Hahnenköpfle 10.1.2018
10.1.2018. Auf dem Hahnenköpfle im Ifengebiet. Nach Regen bis über die Gipfelregion und anschließendem Frost hat sich die Schneedecke in einen rillenzerfurchten Eispanzer verwandelt.

Insgesamt brachte der Januar fast dem gesamten Alpenraum viel Niederschlag bei überwiegend milden Temperaturen, was dann zu rekordverdächtigten Schneehöhen im Gebirge führte, während tiefe Lagen oft schneefrei blieben.

Große Neuschneemengen führen häufig auch zu kritischen Lawinenlagen, wobei diese, ganz im Gegensatz zu den zentralalpinen Altschneeproblemen der vergangenen Jahre selten lange anhalten. So wurde im  Wallis, im Aostatal und in Teilen Tirol Mitte Januar die Gefahrenstufe 5 ausgerufen.

Das neue Jahr startete extrem niederschlagsreich und mild, es wurde der wärmste Januar seit Beginn der Messungen von MeteoSchweiz im Jahre 1864. In hohen Lagen fielen innerhalb von 25 Tagen verbreitet 2.5 bis 5 m Schnee, wobei die grössten Mengen im sonst eher trockenen Wallis registriert wurden. An gewissen Stationen ist das so viel, wie nur alle 75 Jahre zu erwarten. Am intensivsten waren die Schneefälle am Schluss dieser Periode mit 2 bis 3 m innert einer Woche. Auch diese Mengen sind selten, sie werden nur alle 15 bis 30 Jahre gemessen. Am Ende der Niederschläge, am 22. Januar, stieg die Schneefallgrenze auf etwa 2000 m. Trotz des günstigen Schneedeckenaufbaus musste grossflächig die höchste Gefahrenstufe (5, sehr gross) ausgegeben werden, zum ersten Mal seit dem Lawinenwinter 1999

Dazu der lesenswerte Rückblick vom SLF

 

Kritisch wurde es vor allem in sonst schneearmen Regionen, wie dem Wallis und dem Vinschgau. Trotz, bezogen auf die Meereshöhe gar nicht so großen Schneemassen, gab es dort massive Probleme und auch Gebäudeschäden.

Grauner Alm
3.2.2018. Die von einer Lawine zerstörte Grauner Alm (ca 2000 m) im Vinschgau. Trotz, gerinerer Neuschneemengen als in anderen Alprenregionen (gleiche Höhe und Exposition) gab es in dieser Region viele Schäden. Ich sehe hier die Ursache am Baustil und Wahl des Bauplatzes oft viel zu nah an steilen Hängen
Ochsenalpe 12.5.2018
Zum Vergleich die Ochsenalpe 1720 m am 12.5.2018. Giebel mit dem Hang und bergseitig durch einen Erdwall geschützt. Der Kamin wurde im Herbst abgebaut. So vermeidet man Schäden in potentiell gefährdeten Regionen.
Aufstieg Vertainspitze 10.2.2018
10.2.2018. Sonniges Wetter und unverspurter Pulverschnee beim Aufstieg zur Vertainspitze im Vinschgau. Meist gehen solche Touren erst später im Jahr. (Im Hintergrund Königspitze, Zebru und Ortler)
Saurüssel Vinschgau 1
Das inneralpine Schneewunder blieb im Vinschgau ein „Einmaleffekt“ Immerhin lag doch soviel Schnee, dass man bereits im Hochwinter schöne Touren unternehmen konnte. Somit Kurioserweise gab es gerade in dieser Region zahlreiche Schadlawinen. Anfang Februar 2018 auf dem Saurüssel
Saurüssel Vinschgau
Weniger Schnee als nach den sensationsgeilen Pressemeldungen zu erwarten war. Anfang Februar 2018 an der Oberen Laaser Alm im Vinschgau

 

(K)-ein Lawinenwinter?

Große Neuschneefälle bedeuten in der Regel große Lawinengefahr. Allerdings geht alleine schon durch die rasche Setzung und den flacheren Temperaturgradienten bei großen Schneehöhen die Gefahr rasch zurück, so dass sich nur wenig und örtlich begrenzte langlebige Schwachsichten ausbilden können. So gab fast im gesamten Alpenraum einen günstigen Schneedeckenaufbau. Altschneeprobleme waren selten. Die kurzzeitigen Gefahrenspitzen waren durch Neuschneefälle und Wind verursacht.

Gleitschnee war allerdings im Winter 2017/-18 fast allgegenwärtig. Nicht nur in den typischen Gleitschneeregionen, wie Allgäu, Lechtal und Bregenzer Wald, sondern auch zentralalpin.

Laufbichler kirche gleitschnee
Gleitschneemäuler und durch das Fließen entstandene Faltung am Laufbichler Kirche 26.12.2018
Gleitschnee Laufbacher Eck
Allgegenwärtig Gleitschnee im Winter 2017/-18
Habartkamm Lechtaler Alpen
April 2018. Blick von der Schlenkerspitze auf den Habartkamm. Nahezu die gesamte Südflanke ist abgeglitten. Im schneearmen Winer 2016/17 bot diese Flanke eine schöne Firnabfahrt.

 

Mitte Februar war im Allgäu  eine besonders lawinenintensive Zeit. Siehe dazu hier.

 

Leiterspitze 24.2.2018
Hohe Schneelage und gesetzter Pulverschnee. Zeit für die Lechtaler Alpen. Leiterspitze, 24.2.2018

Schnee und Kälte in ganz Europa

In Erinnerung bleiben werden sicher auch noch die beiden Kältewellen Ende Februar und im März, wobei der im Februar markanter war.

Wie schon gesagt, das ungewöhnliche am vergangenen Winter war, dass es sowohl in den Nordalpen, als auch in den Südalpen gleichermaßen reichlich Schnee gab. Auch die meist trockenen Zentralalpen wurden reichlich mit Schnee bedacht.

Aber auch in Spanien, der Türkei und auf dem Balken war Frau Holle großzügig.

Skitour Kolasin 2
Tief verschneit auch der Balkan. Eingeschneite Hütten bei Kolasin (Montenegro) Ende Februar 2018
Abfahrt Montenegro
Waldpowderabfahrt bei eisiger Kälte in Montenegro Ende Febr. 2018
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Zabljak (Montenegro) versinkt im Schnee

Schneesturm zabliak

Viel Schnee auch im Südwesten

Der meiste Schnee im Alpenraum fiel im Südwesten, genauer gesagt in den Seealpen und hier im Argentera Massiv. So kam es, dass Ende März 2018 selbst auf 600 m noch eine geschlossene Schneedecke lag. Tourenträume wurde war oder auch nicht, da viele Ausgangspunkte auf Grund nicht geräumter Straßen gar nicht erreichbar waren.

Seealpen Palme
25.3.2018 Palmen im Schnee auf rund 600 m bei Cuneo
Hütte Seealpen
26.3.2018. Rast vor einer eingeschneiten Alphütte unter der Testa della Costabella – Seealpen
Stazione Limonte Piemontese
Noch fleißiger war Frau Holle in den Seealpen: Die Abnahme der Schneehöhe ab dem 2.12. bedeutet kein Tauwetter, sonder die typische Setzung nach starken Schneefällen durch das Eigengewicht.
Seealpen 20
Hier in Neraissa Inferiore wohnt im Winter niemand mehr. Wegen nicht gräumter Straßen ein unerwartet langer Aufstieg zum Monte Savi. Anfang April 2018

Seealpen 2.4.2018 1

Seealpen 18
Wilder Süden. 30.3.2018. La Meyna vom Aufstieg zum Monte Sautron. (Cottische Alpen)
Seealpen 17
Blick vom Bec de Aigle zum Oronaye (Seealpen)
Abfahrt Tete de Fer
Powder der Provance
Abfahrt Bec de Aigle
Pulvertraum über dem Mittelmeer. Bec de Aigle- Seealpen

 

 

 

 

Rasches Winterende und Saharastaub.

DWD Oberstdorf April 2018
Die Wetterdaten von Oberstdorf im April 2018. 5,6 Grad zu warm!

Schneller als bei den bis dahin überdurchschnittlichen Schneemengen geglaubt deutete sich im April das Ende des Winters an. Fast der gesamte Monat war frühsommerlich warm und ließ die bis dahin so mächtige Schneedecke rascher dahin schmelzen, als man dies für möglich gehalten hatte. Während des gesamten Monats war eine Südströmung Wetterbestimmend. Weitere Bilder aus dem April 201 gibt es hier.

Saharastaubmorgen 2
Saharastaub in der Luft sorgt für ein eindrucksvolles Farbenspiel. Tagesanbruch im Ifengebiet mit Blick zum Hochvogel.
Spitzkehre Iseler
Feierabendtour auf den Iseler im April 2018
Sommerskitour Iseler
19.4.2018. Skitour bei sommerlichen Temperaturen von Oberjoch auf den Iseler
Malmurainza April 2018
Traumhafte Firnbedingungen. Piz Malmurainza – Samnaungruppe 21.4.2018
Krokusblüte Vinschgau
Krokusblüte im Vinschgau 21.4.2018
Messstation Fellhorn 2017 18
Saisongrafik der Messstation Fellhorn 1650 m. Allgäu. Während des gesamten Winters gab es überdurchschnittliche Schneehöhen, bis zur Rekordschmelze im sommerlichen April
Schneehöhen Weißfluhjoch
Die Stationsgrafik vom Weißfluhjoch (Graubünden) zeigt einen ähnlichen Verlauf. Die Apriltemperatur bewegte sich auf der Alpennordseite sowie in Nord- und Mittelabünden 3.6 bis 5.2 Grad über der Norm 1981‒2010. Im Wallis, auf der Alpensüdseite und im Engadin stiegen die Werte 2.0 bis 4.0 Grad über die Norm. Im landersweiten Mittel übertraf der April die Norm um 3.9 Grad. Es war schweizweit der zweitwärmste April seit Messbeginn 1864.

Im Mai 2018 verblieben für den allgäuer Skibergsteiger nur noch die Klassiker Großer Wilder, Hoher Ifen, Heilbronner Weg und Riedberger Horn, sofern man die Skier nicht spazieren tragen wollte.

Ifen 7.5.2018
7.5.2018. Hoher Ifen.Dank Kunstschneestreifen ist die Abfahrt noch bis ins Tal möglich
Sommerschnee IFEN
7.5.2018. Sommerschnee am Ifengipfel
Höfats Enzian 12.5.2018
12.5.2018. Die Höfats gesehen vom Schneck
Trettachrinne 2
13.5.2018. Die Trettachrinne. Das gab es in den letzten Jahren nicht mehr. Seit das permanente Eis zurückgegangen ist, kam ab etwa 2000 ein zunehmend problematischer Felsriegel hervor, der heikle Kletterei bzw. Abseilen erforderte. Allerdings füllten auch die letzten, vergleichweise schneearmen Winter die Rinne gut auf. Die häufigen Föhnlagen wirkten sich in diesem Fall günstig aus. Foto: L Guggemos
Trettachrinne Tobias Bailer
In den letzten Jahren war an der Trettachrinne eine schwierige Stufe zu überwinden. Im Abstieg mit Abseilen. Allerings hatte ich schon im Vorjahr eine Tendez zu mehr Schnee gezeigt. Foto: T. Bailer
Wilder 12.5.2018
Großer Wilder: 12.5.2018. An diesem Tag war die Abfahrt noch bis 1380 m. möglich

 

Ein Mittelmeerwinter

Fazit: Es war ein „Mittelmeerwinter“, so wie man ihn aus den mediterranen Gebirgsregionen kennt. Viel Niederschlag, große Schneemengen im Gebirge und ein rascher Übergang vom Winter in den Frühsommer. Was auch klar wurde: Nicht der Klimawandel oder dessen Ausbleiben entscheiden wie der Winter wird und ob man künftig in den Alpen noch Ski fahren kann,  sondern die Lage von Hoch- und Tiefdruckgebieten und die daraus resultierenden Strömungsverhältnisse.

 

 

2 Kommentare zu „Winter 2017/-18 Rückblick auf einen Winter der Extreme“

  1. Toller Bericht! Danke dafür. Nur der letzte Satz gefällt mir nicht. Letztlich hat sich doch gerade in diesem Winter der Klimawandel besonders manifestiert: Hohe Schneegradienten zwischen hohen und tiefen Lagen, die Rekordschmelze im April und kein Winter vergeht mehr in dem es nicht mehrfach bis weit über 2000m hinauf regnet. Am 29.12. hatte es bei uns im Tal über 30cm Schnee – keine 48 Stunden später war es komplett weggeschmolzen. Dass so viel Schnee so schnell schmilzt, das habe ich noch nie beobachten können. Im Flachland hat sich wieder mal gar keine über eine Woche sauber beständige Schneedecke gebildet! Dass man am 18.5. nach einem derart schneereichen Winter im Allgäu die Skisaison auch am Großen Wilden schon beendet spricht für sich. Ich sehe gerade an diesem Winter den Klimawandel mit seinem immer schnelleren Fortgang bestätigt. Bei gleicher Schneemenge im Hochwinter hätte die Berge vor 50 oder 100 Jahren Mitte Mai ganz anders ausgesehen. Durch extreme Wetterlagen wird es auch in Zukunft starke Schneefälle geben. Was halt deutlich zugenommen hat und weiterhin zunehmen wird, sind die Schmelzraten.

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