Schrecksee – das Ausnahmeverbrechen und der böse Wolf

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Ein Ausnahmeverbrechen ist eine Straftat, die so bedeutend ist, dass sie über Jahre hinweg immer wieder in den Medien präsent ist. Ein Mord, sofern er keinen muslimischen oder rechtsextremen Hintergrund hat, ist, gemessen an der Medienpräsenz kein Ausnahmeverbrechen. Die verbrannten Zaunpfähle am Schrecksee aber sehr wohl.

Dann war da in diesem Sommer noch ein Wolf, der zwischen zwei schlafenden Biwakieren einen Rucksack geklaut hat, um an die daran befindlichen Lebensmittel zu gelangen. Das sich ein Wolf so nahe an den Menschen annähert ist durchaus ungewöhnlich. Aber es zeigt, dass die Natur sich selbst, ohne Polizei, Schilder und Verbote gegen zu viel Biwakierer dort oben hilft.

 

Das „crimen exceptum“ – Das Ausnahmeverbrechen

Ohne das Verbrennen der gestohlenen Zaunpfähle in irgend einer Form gut zu heißen, so muss man die Tat doch richtig einordnen.  Sie  ist in etwa mit einem geringen Ladendiebstahl gleichzusetzten, der  täglich vorkommt und  kaum mehr als ein Dreizeiler in der lokalen Presse wert ist. Die Einschätzung eines Juristen liest sich wie folgt:

Das Verbrennen eines fremden Zaunpfahles kann entweder als Diebstahl einer geringwertigen Sache oder als Sachbeschädigung gesehen werden, ich persönlich würde zu Ersterem tendieren. Bei Ersttätern stellt die Staatsanwaltschaft bei Ladendiebstählen das Verfahren gegen eine kleine Geldauflage ein, hier könnte ich mir wegen der Aussenwirkung ein Strafbefehlsverfahren vorstellen mit einer Geldstrafe von 10 – 15 Tagessätzen. Würde dem Strafbefehl widersprochen, käme es zu einer Hauptverhandlung und damit eben zu der erwünschten Berichterstattung in der Presse.

Ich persönlich würde es hier als angemessen empfinden, wenn der Täter neue Pfähle zu beschaffen hätte, diese die 1.000 Höhenmeter zum See hinauf tragen müsste und dort den Hirten einen Tag lang beim „Hagen“ helfen müsste.

Den Fall nun mehr zwei Jahre lang durch die Medien zu peitschen, wie zuletzt in der Süddeutschen Zeitung, dem DAV Panorama und ähnlichen pseudo-intellektuellen Blättern ist angesichts der geringen Relevanz des Falles schlicht und einfach bloß dämlich.

Die Biwakierer und der böse Wolf

Im Allgäu häufen sich die Wolfssichtungen. In Wertach wurden mehrere Kälber gerissen. Im benachbarten Bregenzer Wald hat ein Wolf mehrere Schafe gerissen. Der Wolf ist da und logischerweise bedient er sich bei der Nahrungssuche dort, wo ihm der Mensch einen gedeckten Tisch in Form von Jungvieh oder Schafen bietet. Auch mit Lebensmittel gefüllte Rucksäcke zählen zum Beuteschema des Wolfes. So blieb es nicht aus, das früher oder später Biwakierer am Schrecksee nächtlichen Besuch von einem Wolf bekommen haben.

Die Allgäuer Zeitung berichtet.

Auch ein Erlebnis zweier Bergwanderer am Schrecksee nimmt der Landrat sehr ernst. Demnach seien beide beim Übernachten am Seeufer von einem „sehr großen Tier“ aufgeschreckt worden, das einen etwa zehn Kilo schweren Rucksack über 100 Meter weit weg schleifte und dann mit den Zähnen aufriss, um die Wurst im Inneren fressen zu können. Die Rucksack-Überreste sollen nun untersucht werden.

Der BR zum selben Thema:

Der Wanderer beschreibt das Tier als schäferhundähnlich, mit buschigem Schwanz. Die Augen haben im Licht der Taschenlampe gelb-orange geleuchtet, so seine Beschreibung. Experten sind sich uneins, ob es sich um einen Wolf gehandelt haben könnte. Während der Präsident des Landesamtes für Umwelt, Claus Kumutat, das Verhalten das Tiers als untypisch für einen Wolf hält, will der Oberammergauer Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky nicht ausschließen, dass es ein Wolf war. Jungtiere seien furchtlos, neugierig und nicht menschenscheu, so der Experte

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wo 1.000 Höhenmeter überm Tal, fernab jeder menschlichen Siedlung nachts ein Schäferhund herkommen soll.

Mögen sonst Hirten, Jäger über den Wolf schimpfen. In diesem Fall wird er möglicher Weise dazu beitragen, die Zahl der Schreckseebiwaks auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Nicht jeder empfindet es als angenehm, wenn nachts ein Wolf auf Futtersuche um den Schlafsack schleicht.

Fazit:

Probleme gehören zum Leben, sonst wäre es vermutlich nicht so interessant. Eine entwickelte Zivilisation sollte sich dadurch auszeichnen, dass sie demokratisch, konstruktiv, sachlich und wissenschaftlich nach der möglichst brauchbarsten Lösung für das Problem sucht.

 

In beiden Fällen, Biwakieren und Wolf, lohnt es sich, mal über den Tellerrand des geistig eingeengten Allgäus hinaus zu schauen.

Wenn sich eine große Anzahl der Menschen nicht an eine Vorschrift hält, so ist nicht das Verhalten der Menschen falsch, sondern die Vorschrift. Das betrifft auch das Zelten am Schrecksee. Ein Blick in die US-Nationalparks zeigt, wie man dort den Naturschutz und das Bedürfnis der Menschen nach ursprünglichen Naturabendteuer unter einen Hut bringen kann. Man weist an einer Stelle einen Platz aus, wo man sein Zelt gegen eine Gebühr aufstellen kann. Dazu gibt es eine Toilette und eine Feuerstelle ( was ich für entbehrlich halte). Dort, wo häufig Bären und Wölfe umherstreichen, gibt es Metallboxen, wo man seinen Rucksack, etwas abseits verstauen kann um gefährliche, nächtliche Besuche zu vermeiden. Andere Flächen, besonders solche, die empfindlich gegenüber Trittschäden sind, sind kleinräumig abgesperrt und von jeder Nutzung ausgenommen. Es funktioniert. Ich habe es selbst gesehen.

Beim Thema Wolf ist das Problem komplexer. Einerseits hat der Wolf schon lange vor dem Menschen den Alpenraum besiedelt und gehört somit hierher. Anderseits kommt es immer wieder zu Konflikten mit der Landwirtschaft, da es natürlich einfacher ist Schafe und Kälber zu reißen, anstatt mühsam einer Gams nachzustellen. Der Ärger der Bauern ist verständlich. Im Allgäu hat die Alpwirtschaft eine lange Tradition, sie ist prägend für unsere Landschaft und die Quelle hochwertiger, regionaler Lebensmittel und somit erhaltenswert.

Auch hier lohnt sich über den Tellerrand hinaus. Fündig werden wir hier vor allem auf dem Balkan und in den Seealpen. Also Gebiete mit ähnlicher alpwirtschaftlicher Tradition, wo aber der Wolf niemals ausgerottet war. Die Viehherden werden mit Hütehunden geschützt.

Die Balkani Wildlife Society hat landesweit überlebende Tiere gesammelt und züchtet jetzt Karakatschans, um sie kostenlos an Hirten abzugeben. So soll die verbreitete ablehnende Haltung gegen Raubtiere in Bulgarien einer Akzeptanz weichen. Mit der zunehmenden Verbreitung von wildlebenden Bären und Wölfen durch Auswilderung oder Wiederansiedlung nimmt nämlich die Zahl der gerissenen Herdentiere wieder zu und deshalb brauchen die Schafshirten Schutz für ihre Herden. Der Verlust an Haustieren durch Beutegreifer führt häufig zu Feindseligkeit in der Bevölkerung gegen die ausgewilderten Tiere. Mit der Verbreitung der Karakatschans soll erreicht werden, diese Tendenz zu stoppen.

Quelle: Wikipedia: Hunderasse Karakatschan

Das wäre auch ein Ansatz für das Allgäu. Allemal besser als gleich nach dem Totalabschuss zu schreien.

Leserbrief Wolf Allgäu
Schlichtweg nur dumm und egoistisch: Leserbriefe zum Thema Wolf aus der Allgäuer Zeitung im August 2018, Foto aus der Facebookgruppe „Unser Allgäu“

Verbleibt die Frage, ob Herdenschutzhunde eine Gefahr für Wanderer und Mountainbiker darstellen. Darüber gehen die Meinungen auseinander. In vielen Teilen der Alpen gibt es Hinweisschilder an den Wanderparkplätzen, die auf das richtige Verhalten  bei der Begegnung mit einer bewachten Herde hinweisen.

Dazu einige Links:

https://www.schwaebische.de/sueden/baden-wuerttemberg_artikel,-wie-gef%C3%A4hrlich-sind-herdenschutzhunde-wirklich-_arid,10802020.html

https://www.nzz.ch/schweiz/herdenschutzhunde-sollen-aus-dem-urserntal-verbannt-werden-ld.1362950?reduced=true

https://www.nachhaltigleben.ch/natur/herdenschutzhunde-schweiz-wie-sich-ihnen-gegenueber-verhalten-3444

https://www.youtube.com/watch?v=fco3u3Jrqc8

Weitere Beiträge zum „Brennpunkt Schrecksee“

https://freieberge.wordpress.com/2016/09/05/helft-dem-schrecksee/

https://freieberge.wordpress.com/2017/10/09/neulich-am-schrecksee-medienhype-und-die-folgen/

 

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7 Kommentare zu „Schrecksee – das Ausnahmeverbrechen und der böse Wolf“

  1. Mit Herdenschutzhunden funktioniert der Schutz in den Bergen. Der Mensch muß halt lernen sich zurück zu nehmen, … auch Grenzen zu akzeptieren die ihm gesetzt werden. Das ist das eigentliche Problem…

    In der Schweiz funktioniert’s ganz gut mit den Herdenschutzhunden, auch in Frankreich und Italien. Und wenn ein Herdenschutzhund „sagt“: stopp, hier lang nicht, sondern 5 Meter weiter oben lang, oder umkehren…, dann ist es eben so. Muß der Mensch sich fügen, aber das Vieh ist sicher. Darum geht’s.

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  2. Naja, auch wenn vor einigen hundert Jahren der Wolf im Allgäu lebte, so bin ich der Meinung dass er nicht mehr hierher gehört. Ich habe viel mit meinen Kindern draußen übernachtet. Sie hatten Angst vor wilden Tieren, ich habe ihnen immer gesagt dass es hier keine wilden Tiere mehr gibt. Auch ich bin eher ein ängstlicher Mensch. Die Erlebnisse mit meinen Kindern waren großartig, und haben ihnen die Nähe zur Natur gegeben, auch wenn sie im Augenblick sehr viel Zeit im Netz verbringen. Werde ich dasselbe mit meinen Enkeln machen wenn ich weiß das es im Allgäu / Süddeutschland Wölfe gibt? Wölfe sind nicht vom Aussterben bedroht, ich halte es für falsch wenn sie in Mitteleuropa wieder angesiedelt werden.
    Wir nehmen uns mehr, als dass die Wölfe davon haben.
    Unsere Gesellschaft ist so gesättigt das wir uns die Gefahr wieder zurückholen die unsere Großeltern aus Überlebenswillen vertrieben haben. Anstatt uns uns um unser eigenes Überleben zu kümmern (Insektensterben, Erderwärmung, etc.), holen wir uns ein Problem wieder zurück.
    Entweder dumm oder degeneriert.

    Grüße
    Uli

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  3. Ach ja noch was: Vor 2 Jahren habe ich am Ufer des Lechs im Allgäu übernachtet, und wurde im Schlafsack liegend von einem Fuchs gebissen. Wahrscheinlich artfremdes Verhalten! Wäre es auch bei einem Wolfsangriff bei einem Loch im Schlafsack und einem Kratzer am Bein geblieben?

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  4. Wieviele Menschen wurden in Europa in den letzten 10 Jahren vom Wolf verletzt oder getötet?
    Wieviele von Rindern?
    Gebt dem Wolf seine natürlichen Nahrungsquellen zurück und er muss sich nicht mehr im Supermarkt Jungvieh oder Schafsherde bedienen.
    Aber dazu müsste die Jägerschaft auf den gekrümmten Finger verzichten.

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