Gesperrt – Lawinengefahr!

Starke Neuschneefälle begleitet von Wind und Temperaturschwankungen führen regelmäßig zu Gefahrensituationen, die auch besiedelte Bereiche, Verkehrswege, Pisten und Siedlungsnahe Wanderwege betreffen. In solchen Situation werden von den Behörden häufig Sperrungen wegen Lawinengefahr ausgesprochen.

Vielfach fragt man sich, warum mancher Weg wegen eines überschaubaren Lawinenstriches gesperrt ist, während es für andere Wege mit einem viel höheren Gefahrenpotential keine Sperrungen oder Sicherheitsmaßnahmen gibt.

Ist das ganze logisch? Wie schaut das Risikomanagement aus? Wie ist die rechtliche Situation?

Grundsätzlich gilt in Wald, Weide, Ödland und Fels das „Freie Betretungsrecht“, auch dann, wenn dort eine Gefahr besteht. Anderseits gibt es Straßen, Wege und Pisten, bei denen der Betreiber, z.B. der Staat oder eine Gemeinde die Verkehrssicherungspflicht hat.  Auf solchen wegen kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich nicht mit alpinen Gefahren wie Lawinen beschäftigen muss.

Solche Strecken werden, entsprechendes Gelände vorausgesetzt von der Lawinenkommission beurteilt.

Die Lawinenkommission

Die Lawinenkommission besteht aus mehreren  fachkundigen Personen, die von der jeweiligen Gemeinde bestellt werden. Sie sind Mitglieder des Lawinenwarndienstes, ohne das ein Arbeitsverhältnis besteht. Die Lawinenkommission hat eine beratende Funktion. Sie darf keine Straßen, Wege oder Pisten sperren. Sie gibt eine Empfehlung an die zuständige Gemeinde. Diese kann dann eine Sperrung verhängen. Sie ist aber keineswegs dazu verpflichtet. In nahezu allen Fällen wird die Gemeinde entsprechend der Empfehlung die Sperrung aussprechen. Kein Gemeindeangestellter auf den Ordnungsamt, der ja nicht zwingend Fachmann in Lawinenfragen sein muss, wird das Risiko auf sich nehmen, entgegen der Empfehlung der Fachleute zu handeln.  Ist nachts oder am Wochenende kein Gemeindemitarbeiter oder kein Bürgermeister zu erreichen kann die Sperre auch durch die Polizei erfolgen. Die Lawinenkommission arbeitet im Auftrag der jeweiligen Gemeinde ehrenamtlich mit hoher Fachkenntnis für die Sicherheit der Bevölkerung und Wintersportler.

Rechtliche Bindung

Die Anordnung ist auf den entsprechenden Strecken für alle Verkehrsteilnehmer (Autofahrer, Skifahrer, Fußgänger, usw.) bindend. Eine Missachtung stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, ähnlich der Missachtung einer roten Ampel.

Welche Wege, Straßen und Pisten werden beurteilt?

Bei den Straßen kann man von JEDER Straße ausgehen, die man mit dem Auto befahren darf oder auf der ein Linienbus verkehrt. Ebenso ist es bei den markierten und präparierten Pisten eines Skigebietes. Bei den Wegen nur solche, die in der Winterzeit von einer größeren Menge Fußgängern begangen werden, die geräumt, gestreut oder als Rodelbahn präpariert werden.

Die Frage, ob nun ein bestimmter Weg in den Zuständigkeitsbereich der Lawinenkommission aufgenommen wird, oder nicht sorgt regelmäßig für Diskussionen. Verständlich, denn der Zeitaufwand für die Beurteilung kann erheblich sein.

Eigenverantwortung

Normale alpine Wanderwege, freies Gelände, übliche und unübliche Ski- Kletter- Eiskletterrouten werden nicht beurteilt. Hier muss der Bergsteiger gemäß Gelände, Lawinenlagebericht, eigener Erfahrung und letztlich auch persönlicher Risikobereitschaft selbst eine Entscheidung treffen.

 

Fachliche Herangehensweise

Die Lawinenkommission beurteilt immer einen oder mehrere Einzelhänge oder einen Lawinenstrich. Sie berücksichtigt lokale Gegebenheiten.  Dan können manchmal nur wenige Meter sein. Sie erstellt keinen Lagebericht und arbeitet unabhängig der allgemein empfohlenen  statistischen Methoden wie Munter, Snowcard oder „stop-or-go“. Die Kommission erstellt keinen Lagebericht und gibt ihre Empfehlung nach rein lokalen, kleinräumigen Gesichtspunkten heraus. Der Lagebericht hingegen stellt eine Beurteilung der Situation für eine  Region, Talschaft oder einen Gebirgsstock dar. (Mindestgröße 100 km²)

 

Kompetenzüberlagerung

Rechtlich klar, aber von der Risikoabwägung nicht ausgereift ist folgende Situation. Eine fachlich kompetente Person, z.B. ein Bergführer oder ein Lawinenprognostiger planen eine Tour, die z.B. am Beginn auch über einen gesperrten Weg führt. Er kommt nach Einzelhangbeurteilung oder nach üblicher Lehrmeinung zu einem anderen Ergebnis, als die örtliche Lawinenkommission. Er weiß die gefährdeten Bereiche zu erkennen und diese zum umgehen, bzw. er beurteilt das Risiko bei einer Abfahrt als so gering ein, da die Querung eines Lawinenstrichs nur Sekunden dauert. Im Gegensatz zum dümmsten anzunehmenden Tour,  der  genau an dieser Stelle auch noch Brotzeit macht. Aber genau für letztere, von der Natur völlig entfremdete Menschen wird die Gefahrenbeurteilung von anderen übernommen.

 

Fallbeispiel Pfronter Breitenberg

Im Normalfall wäre der Aufstieg von Süden auf den Pfronter Breitenberg eine Idealtour bei kritischen Verhältnissen und hoher Lawinengefahr. Von Norden ist der Berg bis in 1.500 m. Höhe mit einer Seilbahn erschlossen. Nach kurzem Fußmarsch erreicht man eine Forststraße, die in großen Kehren über die Südflanke hinabführt und die als Rodelbahn mit einer Pistenraupe gewalzt wird. Eine Kehre holt weit nach Westen aus und berührt dabei steiles, potentiell lawinengefährdetes Gelände. Da auf dieser Strecke alpin völlig unerfahrene Leute unterwegs sind und die Strecke auch präpariert wird, wurde sie zu Recht von der Lawinenkommission gesperrt.

Eine vertretbare, nach menschlichem ermessen lawinensichere Aufstiegsroute führt weiter östlich über die Südflanke hinauf. Das Gelände ist überwiegend bewaldet, weißt keine großen, ungegliederte Hänge auf, der Boden besteht aus wasseraufnehmenden Hauptdolomit. Zwar erreichen einige kurze Stellen 30 Grad, doch alles in, in Summe gutartigem Gelände. Sprich eine sinnvolle Route.Screenshot_2019-01-08 Karte – OpenSlopeMap.jpg

Beginnend am Parkplatz Staatsgrenze mit roten Pfeilen auf dem Bild markiert. Von der Sicherheit her gut zu verantworten, mögliche Kleinräumige Gefahrenstellen lassen sich leichter erfassen als das in manchen Wintern ständig latent vorhandene Altschneeproblem in den zentralalpinen Gebirgsgruppen. Vom Risikopotential deutlich geringer als z.B. der Hüttenaufstieg auf die Grandes Mulet Hütte.

Allerdings gilt die Sperre ab dem Parkplatz, nicht erst ab Beginn der Gefahrenzone. Rechtlich also nicht zulässig, da der Aufstieg zunächst auf der gesperrten Rodelbahn verläuft.

Zulässig ist es allerdings der Autostraße wenige Meter in Richtung Tirol zu folgen und die sichere Aufstiegsroute unter Umgehung des Rodelbahn von tiroler Seite zu erreichen. Im Bild blau.

Ob das sinnvoll ist, sei dahin gestellt. Derartige Überlegungen sollte man eh nur mit ausreichend Bergerfahrung und  lokaler Ortskenntnis anstellen!!!!!

Eine praktikable Lösung wäre eventuell am Parkplatz ein „ Rodelbahn gesperrt ab Abzweigung alter Fußweg“.

 

Skitouren bei hoher Gefahrenstufe

Neben der recht logischen Empfehlung, Skitouren auf Gelände unter 30 Grad Neigung zu beschränken, gilt es natürlich auch weite Einzugsbereiche und mögliche Sperrungen auf den Zufahrtsstraßen zu berücksichtigen. Wald bietet in der Regel nur dann ausreichend Lawinenschutz, wenn er so dicht ist, dass Skifahren keinen Spaß  macht.

Ein weiterer Punkt in der Risikoabwägung sollte die schlichte Masse an Schnee sein. Es gab schon tragische Todesfälle, dass jemand einfach gestürzt ist und alleine nicht mehr aus dem Schnee kam. Besonders kritisch ist hier junger Wald zu sehen, wenn sich unter zugeschneiten Bäumen Hohlräume bilden. Wer es nicht glaubt, soll mal bei metertiefen Powder kopfüber unter eine junge Tanne kriechen. Der nächste Punkt ist, dass bei Sturm und Schneefall ein Rettungshubschrauber nicht oder nur eingeschränkt fliegen kann, ein Motorschlitten versäuft im Schnee. Bis Rettungskräfte eintreffen und sei es nur, jemanden raus zu holen, der sich beim Powdern im Wald den Haxen gebrochen hat, kann es dauern. Meine Empfehlung: Bei solchen Verhältnissen niemals alleine!!!

Tourenempfehlung im Allgäu bei den aktuellen (9.1.2019) Verhältnissen:

  • Grüntenhütte ab Kranzegg
  • Gschwender Horn ab Bühl
  • Wertacher Hörnle ab Unterjoch
  • Sonnenkopf ab Hinang.

Jeweils ohne Abweichen von der Normalroute.

 

Achtung: Dieser Beitrag beschreibt die Sitaution in Bayern. Die rechtliche Lage in Österreich ist ähnlich, aber nicht identisch.

2 Kommentare zu „Gesperrt – Lawinengefahr!“

  1. Hallo Kristian, die von dir vorgeschlagene Routenvariante Breitenberg Süd (blaue Markierung) wäre für den Skitourengeher durchaus interessant, wenn sie nicht mitten durch das Wildschutzgebiet „Seekopf“ führen würde. Insofern handelt es sich um keine „zulässige“ Variante, sondern stellt, rechtlich gesehen, ebenso eine Ordnungswidrigkeit dar, wie die Nichtbeachtung der Sperrung der Forststraße durch die Lawinenkommission. Entgegen der voraussichtlich kurzen Sperrung der Forststraße gilt das Betretungsverbot des Wildschutzgebietes Seekopf jedoch den gesamten Winter über (1.11.-30.4.). Im Sinne einer Vermeidung von Problemen mit Forst und Jagd in der teils eh schon angespannten Situation in der Enge würde ich dich jedoch bitten, dies in deinem Beitrag richtigzustellen, damit nicht Leser auf die Idee kommen, dies so nachzuvollziehen. Dank dir!
    https://www.stadt-fuessen.de/fileadmin/1_Homepage_neu/Stadt_und_Verwaltung/Liegenschaften/Forst__Jagd__Fischerei/Amtsblatt2011-09.pdf

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