Eine Skitourenwoche in Bulgarien

Von den zahlreichen Tourenzielen in Südosteuropa dürfte Bulgarien das unkomplizierteste, am leichtesten zugänglichste sein.

Das fängt an, mit den geringen Entfernungen von der Hauptstadt Sofia, den guten Flugverbindungen dorthin und den günstigen Preisen. Wie fast überall außerhalb der dicht besiedelten Alpen lassen sich Skitouren mit vertretbarem Aufwand nur dort unternehmen, wo ein Pistenskigebiet oder eine Passstraße den Zugang zum Gebirge erleichtert. Beides findet man in Bulgarien genau dort, wo die höchsten Gipfel des Landes und damit des gesamten Balkans stehen.  Trotz guter touristischer Infrastruktur in den Randgebieten sind die Berge selbst ursprünglich und nicht überlaufen.

Nur knapp zwei Flugstunden trennen den Allgäu Airport von der bulgarischen Hauptstadt Sofia, womit wir auch fast schon vor Ort im Gebirge wären, denn das Witosha Gebirge reicht bis an den Stadtrand der Hauptstadt. Ein ideales Ziel also zu Beginn oder am Schluss der Reise. So auch für uns.

Erste Eindrücke im Witosha Gebirge.

Vitosha
Das Vitosha Gebirge von Süden gesehen

Das Gebirge ist dank seiner Stadtnähe touristisch gut erschlossen und von mehreren Seiten zugänglich. Es gleicht von weitem einem einzigen, riesigen Hügel. Die Höhenunterschiede zwischen den Gipfel sind gering. Wir haben uns dazu entschlossen, den höchsten Berg, den Cerni Vrah von Süden von Cujpetlovo aus zu besteigen, anstatt als Pistentour von Norden, also von Sofia aus.

  1. Überraschung: So wenig Schnee. Die ganze Gegend war nur von ca. 20 cm Neuschnee überzuckert. Eine Unterlage war nur noch lückenhaft vorhanden.
  2. Überraschung: Es gibt gut ausgerüstete Einheimische Tourengeher. Die drei erklärten uns bereitwillig die Route, die auch anhand von Wegweisern gut zu finden war. In Montenegro und Albanien sahen wir keine Einheimischen Skibergsteiger.
  3. Überraschung: Die Abfahrt war viel besser als gedacht
  4. Überraschung: Mit dem einheimischen Wirt in der Dorfkneipe kommunizieren wir auf Spanisch. Er hatte viele Jahre in Madrid gearbeitet.
1111P1030656
Die erste Skitour beginnt

111111P1030658

1111IMG_0015
Weites, flaches Gelände auf Aufstieg zum Cerni Vrah
11IMG_1183
Im Gipfelbereich des Cerni Vrah

111IMG_1186

1111IMG_0020
Bei fast 100 km/h Sturm freut man sich auf die bewirtschaftete Hütte nahe dem Gipfel

Muratov – und erste Eindrücke von Bansko

Bansko Skigebiet
An der Mittelstation der Bergbahnen von Bansko. Ausgangspunkt für Skitouren im Pirin.

Nachdem der erste Eindruck durchaus positiv war, zogen wir am selben abend weiter nach Bansko, dem Top Skiort auf dem Balkan. Für gerade mal 17,–€ bekamen wir Zimmer mit reichhaltigem Frühstück, Sauna und Whirlpool. Auch das Essen ließ keine Wünsche übrig. Auch in Bankso war die Schneedecke dünn. Immerhin sollte die bis mitten in die Stadt führende Piste den Zugang und die Abfahrt in/aus dem Gebirge ohne Tragstrecke erleichtern. Nachdem die Neuschneesumme in den Hochlagen hier durchaus beträchtlich sein sollte, immhin wurde wenige Tage zu vor der Super G wegen starkem Schneefall angesagt, zogen wir es vor zunächst mal etwas defensiv in das Piringebirge vorzudringen und für den Zustieg die Seilbahn zu benutzen. Letzteres entpuppte sich als Fehler, denn die Mittelstation kann auch mit dem eigenen Auto oder noch besser mit dem Taxibus erreicht werden.

Vihren hütte
Die Vihren Hütte
Der Muratov vom Aufstieg zum Vihren
aiqZrLeo
Aufstieg zum Muratov

Hier auf 1.600 m Höhe lag reichlich Schnee. Es gab rund 20 cm frischen Pulverschnee auf einer festen Unterlage. Zudem zeigt sich das Wetter nach und nach von seiner besten Seite. Bald war die Vihren-Hütte in 1960 m erreicht. Hier galt es nun, ein Ziel festzulegen. Wir entschieden uns für den 2.669 m hohen Muratov. Die Vihrenhütte ist zur Skitourenzeit bewirtschaftet und würde sich auch als Stützpunkt für mehrere Tage eigenen.

In Erinnerung ist auch die Abfahrt auf der ewig langen und flachen Talabfahrt bis ins Stadtzentrum von Bansko geblieben. Mit Sicherheit der gefährlichste Teil unserer heutigen Tour, denn auf der gut gefüllten Piste waren jede Menge denkbar schlechte Skifahrer unterwegs, denen tempobeherrschtes Fahren ein Fremdwort ist.

2019_0~1
Straßenszene in Bansko

Für meine Begriffe bietet Bansko aktuell eine gute Balance zwischen touristischer Erschließung mit einem modernen Skigebiet zwischen der Stadt und den Bergen am Rand des Pirin und  der Bewahrung der Ursprünglichkeit des zetralen Gebirges. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Vihren – Die Toptour auf unserer Reise

 

Aufstieg zum Vihren

Heute waren wir schlauer. Mit einem Kleinbus ließen wir uns am Hotel abholen und für fünf Lev = 2,50 € pro Nase bis zur Mittelstation fahren. Die billigere und schnellere Variante. Auch erwischen wir heute die richtige Talseite, was den Zustieg zur Vihrenhütte deutlich reduziert. Es stand der Vihren auf dem Programm, mit 2.914 m. der zweithöchste Berg Bulgarien und der Dritthöchste auf dem Balkan.

Vom Gipfel des Vihren reicht der Blick bis zum Olymp
Tiefblick vom Vihren nach Bansko. Eine 2000 m Abfahrt wartet.

Wir stiegen direkt von der Vihren-Hütte über zum Teil recht steile Südhänge hinauf. Besonders das letzte Stück zum Grat zeigte sich dabei als unangenehm hart und steil. Über die mäßig steile Südwestflanke wurde der Gipfel dann erreicht. Die Sicht vom zweithöchsten Gipfel Bulgariens war überragend. Ganz im Süden konnte man sogar den Olymp ausmachen. Die Berge hier haben einen anderen Charakter als jene in den Alpen. Es überwiegen einzelne Gebirgsstöcke, die von breiten Tälern und Ebenen unterbrochen sind. Keine langen, gezackten Ketten, wie in den Alpen. Nur wenige Gipfel rund um den Vihren weisen spitzige, alpine Formen auf.

Die Abfahrt bescherte eine angenehme Mischung aus Pulver und Firn mit dem schon bekannten Finale, dem langen Dahingleiten auf der Piste bis ins Zentrum von Bansko.

Rilakloster und Gebietswechsel

 

Der Gipfelgrat des Todorka
Abstieg vom Todorka

Ein Ruhetag oder etwas Kultur kann auch nicht schaden. Nur ein Teil von unserer Gruppe war heute bei trübem Wetter und eher schlechtem Schnee unterwegs. Als Pistentour bis zur Bergstation und von dort zu Fuß auf den 2.746 m hohen  Todorka, der sich übrigens auch überschreiten lässt und somit einen eindrucksvollen Zugang ins zentrale Piringebirge und zur Vihrenhütte bietet.

Am Nachmittag besuchten wir das Kloster Rila. Kulturelles Pflichtprogramm für jeden Bulgarienreisenden. Angenehme Überraschung. Der Eintritt ist kostenlos, genauso wie zu vielen anderen Sehenswürdigkeiten im Land auch und der Besucherandrang hielt sich in Grenzen.

Rila1
Kulturelles Pflichtprogramm: Das Rila Kloster
Rila 2
Welche Phantasien hatten wohl die Mönche, als sie dieses Bild an die Wand gemalt haben?
Rila 3
Kleines, bulgarisches Dorf im Nirgendwo
dsahdhfASHD
Auf dem Weg nach Samokov

Wir haben das Kloster als Abstecher bei unserem Gebietswechsel vom Pirin zum Rilagebirge besucht. Am selben Abend erreichten wir Samokov. Eine typische Ostblockkleinstadt mit breiten Straßen und Plattenbauten. Aber günstig günstig für die nächsten Tage gelegen. Das Essen, dass wir dort bekommen haben war Spitze und nochmals deutlich günstiger als im Skiort Bansko.

Musala, der höchste Berg Bulgariens

Der höchste Berg Bulgariens und damit des gesamten Balkans stand auf dem Programm. Wir entschieden uns dafür die Seilbahn von Borovets zu benutzen und die Tour auf rund 1.000 Höhenmeter zu reduzieren und somit auch den endlosen Talhatscher zu vermeiden. Die ersparten Höhenmeter haben wir mit einer Anschlusstour auf den Deno wieder nachgeholt.

In unserem Hotel gab es erst ab 8.00 Uhr Frühstück. Wir konnten wenigstens 7.30 Uhr erreichen, aber so recht geklappt hat das auch nicht. Somit stand schon eine nicht  gerade kurze Warteschlange an, als wir die Seilbahn erreichten. Aber ok; bei hochwinterlicher Kälte steht man nicht unbedingt unter Zeitdruck.

Musala 3
Der Musala steck noch in Wolken. Eigentlich nur ein Riesenhügel, aber dann doch an einigen Stellen recht steil

Die Tour startet also von der 2.300 m hohen Bergstation und beginnt mit einer Abfahrt bis auf ca. 1.900 m. Vom Charakter her ist der Musala eher ein Riesenhügel mit sanften Formen und Flanken, die sich beim näher kommen als ganz schon steil erwiesen. Das letzte Stück gings zu Fuß über einen steilen, mit Drahtseilen und Geländer versicherten Rücken zum Gipfel, der mit allerlei Bauwerken verziert ist.

2019- 02
Die Hütte unterhalb des Musala
Musala 2
Gut versichert: Der Gipfelgrat
Musala 1
Abfahrt vom Musala. Ab und zu konnte man noch guten Pulver finden
Deno 2
Zunehmend stürmisch zeigt sich das Wetter beim Aufstieg zum Deno
Deno 1
Wenige Meter vor dem Gipfel des Deno

 

Maljovitsa – eine schöne Abschlusstour

Der letzte Tourentag brachte uns zum Maljovitsa im westlichen Rilagebirge. Von Norden gesehen eine stattliche Felsburg, der man mit geschickter Routenführung ohne besondere Schwierigkeiten auf´s Dach steigen kann. Auch hier ermöglicht die Zufahrtsstraße zu einem kleinen Skigebiet wieder einen bequemen Zugang zum Gebirge. Durch ein waldreiches Tal erreichten wir bald die bewirtschaftet Maljovitsa Hütte. Die Berge rund rum unterscheiden sich deutlich von den sanften Riesenhügel um den Musala. Zackige Grate, steile Kare und Felswände bestimmen den Charakter. Neben organisierten Gruppen aus dem Alpenraum begegnet man auch immer mal wieder einheimischen Skibergsteigern. In der Hütte gab es auch Hinweise zur Lawinenprävention,  auf das vorhanden sein einer bodennahen Schwachsicht wurden wir am Tag zuvor schon am Musala durch einen heimischen Bergführer aufmerksam gemacht. Einen Lagebericht gibt es allerdings (noch) nicht.

Maljovitsa 1
Wilde Felsberge rund um den Maljovitsa

Maljovitsa 2

Der Abfahrtsgenuß  vom Maljovitsa ließ dank Presspulver und Harsch zu Wünschen übrig. Trotzdem war es ein lohnender Abschluss unser Tourenwoche in Bulgarien.

Sofia – ein halber Tag in Bulgariens Hauptstadt

Den nächsten halben Tag verbrachten wir schließlich in der Hauptstadt Sofia. Eine Stadt mit einer typischen Balkan-Ostblockgeschichte. Griechen, Römer, Slawen, Osmanen, Kommunisten  und Kapitalisten herrschten über der Stadt, errichteten ihre Bauwerke und Denkmäler und zerstörten oftmals die Erinnerungen an ihre Vorgänger. Es gibt mit Sicherheit interessantere Städte. Für einen Tag reichen die vorhanden Kulturdenkmäler allemal. Zu erwähnen sind doch die vielen guten Cafe´s und Restaurants und die für Mitteleuropäer ausgesprochen günstigen Preise.

 

Allgemeins zu Skitouren in Bulgarien

Im Vergleich zu vielen anderen außeralpinen Gebieten sind die Touren in Bulgarien von der Logistik relativ pflegeleicht, gut erreichbar und oft auch gespurt. Teilweise kann man auch auf bewirtschafteten Hütten übernachten. Ein Mietwagen ist sinnvoll, aber, falls man z.B. nur Bansko ansteuert,auch nicht zwingend nötig. Wie sooft außerhalb der  dicht besiedelten Alpen, erreicht man im Winter nur dort problemlos den Fuß der Berge, wo es ein Skigebiet oder einen Pass gibt.

Wetter/Klima

Kontinentales, winterkaltes Klima im Übergangsbereich zum Mittelmeerklima. Das Piringebirge ist deutlich niederschlagsreicher. Im Allgmeinen dürfte der Februar ein guter Monat sein.

Sicherheit

Unser Eindruck war jene eines sicheren Reiselandes. Diese Einschätzung wird durch das Auswärtige Amt bestätigt.

Es gibt keinen Lawinenlagebericht. Die Lawinengefahr ist eigenständig zu beurteilen. Wer dazu nicht in der Lage ist, sollte sich einer organisierten Skitourenreise anschließen.

Ohne Gefahrenstufe, kein „Munterrechnen“ oder „Snowcardhinhalten“

Ob im Notfall mit einer organisierten Bergrettung zu rechnen ist, kann ich nicht bewerten.

Anreise

Mit dem eigenen Auto ca. 1.500 Kilometer ab München auf dem Landweg. Rund 20 Std.  Wesentlich entspannter ist es ab dem Allgäu Airport/Munic West für wenige Euros nach Sofia zu fliegen und dort ein Fahrzeug zu mieten.

Führer/Karten

Halbwegs brauchbare Wanderkarten sind erhältlich. Man bestellt diese am besten schon zu Hause. Google hilft weiter.  mit grober Geländezeichnung. Die verfügbaren Karten können  von der  Qualität nicht an  die Alpenvereinskarten oder die Schweizer Landeskarten heranreichen. Mangels Alternativen dennoch für die Tourenplanung nötig. Im Bergverlag Rother in München ist ein Wanderführer erschienen, der sich jedoch auf den Sommer bezieht. Dennoch enthält dieser auch die eine oder andere sinnvolle Informationen für den Winter.

Unsere Touren

Cerni Vrah 2290 m
Ausgangspunkt: Cujpetlovo
Höhenunterschied: ca. 1000 m
Schwierigkeit: L
Charakter: leichte, südwestseitige Tour meist unter 30 Grad.

 

Muratov 2669 m
Ausgangspunkt: Bansko- Mittelstation der Seilbahn, zu erreichen mit der Seilbahn,per Auto oder Taxi ca. 1600 m.
Höhenunterschied: ca. 1100 m
Schwierigkeit: WS
Charakter: Talanstieg, dann sanfte Hänge mit steilem Gipfelbau
Tip: Mit dem Taxi von Bansko zum Ausgangspunkt um die lange Talabfahrt bis in die Stadt genießen zu können.
Karte Bulgarien 2

 

Vihren 2914 m
Ausgangspunkt: Bansko- Mittelstation der Seilbahn, zu erreichen mit der Seilbahn, per Auto oder Taxi ca. 1600 m.
Höhenunterschied: ca. 1300 m
Schwierigkeit: ZS- (leichtere Variante möglich)
Charakter: Talanstieg, dann sanfte Hänge mit steilem Gipfelbau
Tip: Mit dem Taxi von Bansko zum Ausgangspunkt um die lange Talabfahrt bis in die Stadt genießen zu können.
Todorka 2746 m
Ausgangspunkt: Bansko- Bergstation  der Seilbahn, zu erreichen mit der Seilbahn, per Auto oder Taxi ca. 2300 m.
Höhenunterschied: ca. 450 m bis 1850 m
Schwierigkeit: Pistentour bis 2300 m, dann Gratanstieg zu Fuß  eventuell Steigeisen nötig
Tipp: Den Grat weiter nach Südwesten verfolgen und dann Abfahrt zur Vihrenhütte (bewirtschaftet). Am Folgetag auf den Vihren

 

Musala 2926 m, Deno 2790 m
Ausgangspunkt: Borovets Bergstation der Seilbahn
Höhenunterschied: ca. 1000 m + 400 hm für den Deno
Schwierigkeit: WS
Charakter: Talanstieg, dann sanfte Hänge mit steilem Gipfelbau zu Fuß.

 

Maljovitsa 2729 m
Ausgangspunkt: Talstation Skigebiet Maljovitsa
Höhenunterschied: ca. 1000 m
Schwierigkeit: WS+
Charakter: Talanstieg, dann sanfte Hänge mit steilem Gipfelbau zu

Die Bilder zu diesem Beitrag stammen von den Teilnehmern unserer privaten Tour.

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „Eine Skitourenwoche in Bulgarien“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s