Naturschutz gegen Naturschutz und Dichtestress. Fliegen oder bleiben?

Der tatsächliche oder empfundene Dichtestress im Alpenraum steigt. Einerseits baut man die touristische Infrastruktur weiter aus, anderseits reicht es den Alpenbewohnern. Von Seiten der Jagd und Naturschutz, aber auch von genervten Anwohnern werden immer mehr Verbote und Lenkungen gefordert. Im Panorama 2/2019 fragt Autor Andi Dick ob man den in die Ferne fliegen muss, wenn die Alpen so nah sind. Die Antwort ist leider ja, denn im Stau am Fernpass stehen, zwischen lauter Besucherlenkungskonzepten noch eine individuelle Tour suchen, beim biwakieren von der Polizei geweckt werden, dass sind nicht die Dinge, die man in der Freizeit sucht. Somit haben wir es mit einem klassischem Interessenskonflikt „Naturschutz gegen Naturschutz“ zu tun.

Was wäre, wenn alle, die heute von München, Zürich, Wien oder Mailand in die Ferne fliegen, plötzlich in den Alpen Urlaub machen würden?

Symptome des Dichtestress

Jeder entsprechend alte Bergsteiger möchte in seinen Betrachtungen mal 30 Jahre zurückblicken. Eine von ihm regelmäßig befahrene Strecke von ca. 20 Kilometer Länge in den Alpen mit Ortschaften zu einem Berg, der regelmäßig bestiegen wird, möge er betrachten und natürlich auch dem Aufstieg zu dem Berg. Wieviele einschränkende Schilder, Lenkungsmaßnahmen und Parkscheinautomaten gab es vor 30 Jahren und gibt es heute?

Sollte die Zahl gestiegen sein, so handelt es sich meist um Symptome es Dichtestress. Als Jugendliche haben wir noch ohne Ärger mit der Polzei in den Sommerferien am Schrecksee gezeltet. Rät man heutigen Jugendlichen: Dann geht halt in die Lechtaler und zeltet dort an einem Bergsee, dann kann man sich sicher sein, dass das Problem nur dorthin verlagert wird. Wer heute die wunderschöne Naturerfahrung einer Nacht an einem Bergsee erleben möchte, der setzt sich am besten ins Flugzeug. Ende der 80er Jahre sind wir mit dem ersten Auto in die Dolomiten gefahren und haben am Sellajoch gezeltet, weils cool war und wir uns eine Pension nicht leisten konnten. Heute undenkbar.

Zelten see Tadjikistan
Zelten an einem Bergsee im Fan-Gebirge (Tadjikistan). Hier legal und völlig normal. An vielen Stellen der Alpen kommt man wegen so etwas mit dem Gesetz in Konflikt
Dalegubben 1
Skitour in Norwegen.  Es geht auch ohne Lenkungsschilder. 31. März 2015: Über Nacht gab es Neuschnee. Das Wetter bleibt wechselhaft. Wir besteigen Sylvkallen und Dalegubben direkt vor unsere Hütte.

Hatten wir vor einiger Zeit im Allgäu Diskussionen  die auf überzogene Lenkungen abzielten, so war mein Argument oft: Dann müssen wir dem sportlich aktiven Gast einfach nahelegen, im benachbarten Tirol Urlaub zu machen. Dieses Totschlagargument wirkte machmal sogar. Doch inzwischen kommen aus Tirol Signale, die diesem Argument entgegenstehen. Straßenblockaden, Reißnägel auf den Straßen, Hahntenjochmaut und/oder Sperren. All das trägt dazu bei das Bild von Tirol als Vorzeigetourismusregion in eine „no-go-aerea“ zu wandeln.

Tiroler Politker überlegen, ob man nicht das Militär einsetzen soll, um den Stau auf den Transitstrecken und den Stauumfahrungsrouten Herr zu werden.

Im Allgäu wird und wurde gefordert, dass Taxis nicht mehr in die Gebirgstäler fahren sollen, um den Besucherandrang wegen der Rauhfußhühner  gering zu halten. Doch genau diese Alpentaxis, wie sie in Schweiz von Umweltverbänden und den Grünen ins Leben gerufen wurden tragen dazu bei, dass mehr Leute mit öffentlichen Verkehrsmittel zum Tourenziel anreisen.

Tiroler und Bayerische Politiker schieben sich wechselweise den schwarzen Peter für das Verkehrschaos im Alpentransit zu, klagen gegeneinander und beschließen wechselweise irgendwelche Schikanen um die Lufthoheit über den heimischen Stammtischen zu behalten, die ihrerseits wieder Gegenmaßnahmen der anderen Seite provozieren.

Wer an einem Bergsee zelten will, kommt an vielen Stellen mit dem Gesetz in Konflikt.

Skitourengeher werden für das drohende Aussterben von Rauhfußhühnern verwantwortlich gemacht.

Jäger klagen über die Beunruhigung des Wildes zu jeder Tages und Nachtzeit durch Freizeitsportler. Auch wenn im Bezirk rund die Hälfte der über 1000 Gipfel nicht mal von 50 Personen pro Jahr bestiegen werden, wird das  einfach mal so behauptet.

Vielfach leben die Bewohner der Alpenregion vom Tourismus, wollen aber dann doch keine Urlauber in ihrem Land, wie zahlreiche Kommentare zu einem Verkehrsartikel in der VN belegen.

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Flugblattaktion in Weißenbach/Tirol. Während Einige sich vom Tourismus überrannt fühlen, ist die Aktion anderen Einheimischen eher peinlich und die Touristiker sind um Schadensbegrenzung bemüht. Auch ein Symptom des Dichtestress

Jugendliche dürfen nicht mehr an der Iller feiern.

Im vorauseilenden Gehorsam wart die Allgäuer Zeitung vor Party an Bergseen.

Die Idylle in der freien Natur genießen, unter dem Sternenhimmel des Allgäus übernachten oder ganz einfach nur ein paar Würste in der
Abenddämmerung an einem See grillen. Laut Füssen aktuell verboten.

In Baad/Kleinwalsertal wird behauptet, dass die Tourengeher den Gästen die Parkplätze wegnehmen würden. (red. sind nur Fußgänger Gäste und Tourengeher nicht?)

Im Allgäu wurde ein 65-Punkte Plan zur Besucherlenkung erstellt, der zwar, wie später befunden wurde, mißverständlich formuliert war und weitgehend zurückgenommen wurde, der aber zeigt, was bereits alles angedacht ist.

Managementplan Henning Werth auszug kaeseralpe
Auszug aus dem Managementplan Allgäuer Hochalpen, der allerdings weitgehend neu überarbeitet wird.

All diese Beispiele sind deutliche Symptome des Dichtestress im Alpenraum. Würden nun mehr Menschen aus den umliegenden Ballungszentren in Deutschland oder Italien ihre Freizeit öfters in anderen Gebirgen verbringen, anstatt von Deutschland an die Adria zu fahren, in die Karibik fliegen, so würden die oben genannten Probleme  auf ein erträgliches Maß zurückgehen. Wer nicht gerade vergletscherte Hochtouren sucht, findet in den Bergen des Balkans alles was das Herz eines Alpinisten erfreut. Vor allem günstige Preise, viel Freiheit, wenig Verbotsschilder und Flüge gibst dorthin ab 25,–€.

Pro Flug

Wenn nun auf Grund der Klimadiskussion all jene, die bisher mit dem Flieger nach Malle oder auf die Kanaren geflogen sind, mit dem Auto an die Adria fahren, viele ihre Fernreise nach Nepal gegen einen Alpenurlaub tauschen, dann verschärft das die Situation im Alpenraum zusätzlich. Also rein in den Flieger und dafür, zumindest bei gutem Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln! Es muss ja nicht gleich Peru oder Nepal sein. Auch Albanien und Montenegro haben wunderschöne Berglandschaften  und die Bevölkerung dort, wie auch in Zentralasien ist oft bitterarm sehr gastfreundlich und benötigt die Einnahmen aus dem Tourismus mehr, als der wohlstandsgesättigte Alpenbewohner.

Kontra Flug

Die aktuelle (Ende Juni 2019) Hitzewelle befeuert natürlich die Klimadiskussion. Es werden Tabellen mit dem CO²-Ausstoss pro Kilometer und Person veröffentlicht, bei denen das Flugzeug regelmäßig am schlechtesten und die Bahn am besten wegkommt. Wobei bei solchen Tabellen immer zum einen die Auslastung zu berücksichtigen ist und zum anderen, dass öffentliche Verkehrsmittel (Bahn, Bus, Flugzeug) sich auch dann bewegen, wenn sie fast leer unterwegs sind. Das bisschen CO²,  dass durch mein Zusatzgewicht entsteht, ist vermutlich zu vernachlässigen, während mein Auto einzig und alleine für mich Treibhausgase produziert, wenn ich fahre. Trotzdem: Der Flugverkehr verbraucht mehr fossile Brennstoffe, als sich im selben Zeitraum neu bilden und ist schon aus diesem Grund auf die Dauer als fraglich anzusehen.

Sind die Alpen wirklich so touristisch überlastet?

Ja und nein. Die oben genannten Beispiel sind real. Es gibt auch in den Allgäuer Alpen, in den Dolomiten, im Ballungsraum Innsbruck rund um Zermatt genügend ruhige Ziele ohne Dichtestress. Von 1000en fast nie bestiegenen Bergen in den Grajischen Alpen ganz zu schweigen.  Es gibt Berge, die höchstens zehn Begehungen pro Jahr aufweisen. Oder wer war schon mal auf dem Östlichen Berg der Guten Hoffnung, auf dem Jochumskopf, auf der Kleinen Furchetta, auf dem Pelmetto, auf dem Wechnerkogel oder den unzähligen Gipfeln rund um den Monviso?

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Hier wohnt niemand mehr. Ein verlassenes Dorf auf dem Weg zum Monte Savi. Es gibt auch in den Alpen einsame Täler.

Doch um dort hinzukommen, muss man nicht selten über den Fernpass, den Brenner oder den Gotthard.

Als nächstes sein angemerkt, dass auch außereuropäische Ziele an Overtourism leiden, ja sogar regelrecht touristisch versaut sind, wie zum Beispiel Machu Picchu in Peru.

 

Alternativen?

Zu Hause bleiben?

Wer wie ich, in einem Alpental lebt und nur 50 Fußminuten benötigt um den Blick gemäß unten stehenden Bild zu genießen, der kann leicht empfehlen, einfach mal zu Hause zu bleiben. Mache ich auch an vielen Wochenenden. Aber ich gönne anderen Leuten eben auch ihr Outdoorerlebnis.

Blick vom HIrschberg 2
Wer in nur 50 Fußminuten von zu Hause so eine Landschaft genießen kann, der hat leicht reden in der Richtung, im Urlaub oder am Wochenende mal zu Hause zu bleiben.

Mit öffentlichen Verkehrsmittel in die Alpen?

Funktioniert nur bedingt, am ehesten in der Schweiz, wofür man allerdings einen sehr dicken Geldbeutel benötigt. Würde ich von zu Hause den Hochvogel überschreiten wollen und mit ÖPNV von unserer Nachbargemeinde Hinterhornbach wieder nach Hause wollen, wäre das an einem Tag nicht zu schaffen.  Vielfach sind es die letzten Kilometer vom Bahnhof zum tatsächlichen Ausgangspunkt der Tour für die es keine Busverbindung zur gewünschten Uhrzeit gibt.  Bleibt noch die Frage, wohin mit dem Gepäck? Die Flaschen mit Getränken, die Wechselwäsche nach der Hochtour oder das Kletterzeug, das benötigt wird, wenn man am Tag der Heimreise vielleicht noch an den Felsen möchte. Das kann man nicht einfach immer mitschleppen oder am Bahnhof stehen lassen. Also ÖPNV kann im Einzelfall durchaus Sinn machen, um nach einer Überschreitung zurück zum Auto zu gelangen. In der Regel funktioniert das für Bergsteiger nicht.

 

Fehlt uns die Liberalität?

270 Konflikte hat der Arbeitskreis „Besucherlenkung im Kleinwalsertal“ ausgemacht. Ich bin überzeugt davon, dass mit ein bisschen mehr Liberalität vielleicht 50 relevante Konflikte übrig bleiben würden.

Müssen wir uns darüber aufregen, wenn jemand im Gebirge zeltet, sofern er seinen Müll wieder mitnimmt? Ist es nicht irgendwie komisch, dass in Tirol über den Transitverkehr gejammert wird und es in jedem Dorfladen Kiwis und Bananen gibt, anstatt dass, was sich  in einem Alpental produzieren lässt?

Ist es schlimm, wenn sich Mountainbiker und Wanderer einen Weg teilen?

Ein Miteinander. Leider zunehmend seltener

Oft habe ich  in anderen Kontinenten festgestellt, dass Dinge, über die bei uns leidenschaftlich gestritten werden, dort nur ein Schulterzucken verursachen. Dichtestress ist oft auch nur eine Frage der Wahrnehmung.

Warum nicht, an einem Bergsee eine Fläche zum legalen Camping ausweisen?

Warum keine einheitliche Verkehrspolitik im Alpenraum, anstatt zunehmend national geprägte Insellösungen?

Würden wir nicht mit der Hälfte der Verkehrs- und Besucherlenkungsschilder auskommen oder warum müssen es immer mehr werden?

Fazit:

Wenn  Klimapolitik und Verkehrsvermeidung glaubhaft bleiben möchten, müssen die Verantwortlichen dafür sorgen,  dass auch diese Leute in ihrer Nähe eine Spielwiese, ihre Freiräume  finden. Auch Leute,  die sich nicht in touristische Konzepte einbinden lassen. Sei es der einheimische Tourengeher, Motorradfahrer oder auch nur Jugendliche, die auf einer Kiesinsel im Fluss oder am See einfach mal feiern möchten. Verbote, Zensur und flächige Besucherlenkung sind dafür  wenig zuträglich.

 

 

 

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3 Kommentare zu „Naturschutz gegen Naturschutz und Dichtestress. Fliegen oder bleiben?“

  1. Danke für die kritischen und anregenden Gedanken!

    „Dichtestress“ war vor Jahren ein vielgenutzes Schlagwort in der Schweiz, wenn auch eher zum Nachteil für die Deutschen. Sehe da Parallelen in der Diskussion.

    Alles in Allem ein spannendes Dilemma, das nicht auf die Berge beschränkt ist, sondern mit dem wir uns ja in allen Lebenslagen auseinandersetzen müssen. Wie viel ist zu viel? Freiheit oder Regulierung.

    Liebe Grüße,
    Sven

    Gefällt 1 Person

  2. Sehr schwieriges Thema. Ich lebe am anderen Ende der Republik, auf dem platten Land an der Küste. Der Tourismus ist Fluch und Segen. Ich bin der Meinung, dass der meiste Verkehr durch Pendler verursacht wird – im Zweifel 10mal in der Woche.. Der Transitverkehr in den Alpen ist ein Problem weil sich der Verkehr auf wenige Strecken konzentriert und dort noch mit dem Güterverkehr kollidiert.
    Zweifellos muss man versuchen den Verkehr zu reduzieren. Fliegen muss teurer werden. Ich bin auch dafür den Naturschutz zu konzentrieren – mit Betretungsverboten. Was nützen 10 geschützte Flächen wenn alle von Menschen gestört werden?

    Liken

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