Nadelgrat: Hochtouren und Gletscherschmelze

Nichts ist für die Ewigkeit, auch nicht die Berge. Sie wachsen, so wie die Alpen, oder die erodieren von stolzen Spitzen zu runden Hügeln, so wie der Schwarzwald. Auch die Gletscher wachsen und schmelzen wieder dahin.  Während das Wachstum der Alpen so langsam von statten geht, dass es für die Dauer eines Menschenlebens nicht wahrnehmbar ist, können wir  das  Wachsen und Schrumpfen der Gletscher deutlich mitverfolgen. Am Beispiel des Nadelgrates möchte ich über Probleme, Chancen und Risiken der geänderten Verhältnisse sprechen.

 

Am 16.August 2019 stand ich zum vierten mal auf den Nadelhorn. Seit dem ersten mal, im August 1994 hat sich doch einiges geändert. 1994 führte ein breiter Firngrat und schließlich eine kurze Schneerinne vom Windjoch zum Gipfel. Nur wenige Felsen spitzten aus dem Firngrat empor. Wir wahren zu viert unterwegs. Ich empfand die Tour von der Mischabelhütte zum Nadelhorn als recht leicht und bestieg im Anschluss noch das Stecknadel- und das Hohberghorn. Bequem konnte man dazu vom Normalweg des Nadelhorns zum Stecknadelhorn hinüber queren.

Etwa zehn Jahre später sprang ich für einen krankheitsbedingt ausgefallen Tourenleiter beim Alpenverein ein und führte die mir bekannte Tour über die Mischabelhütte zum Nadelhorn, die mir als leicht bekannt war. Ebenfalls im August.  Der Gipfelbereich war inzwischen deutlich felsiger geworden und auch der Grat ab dem Windjoch wirkte steiler. Wir gingen am laufenden Seil, eine steile Stelle, bei der ein inzwischen eisbefreites Felsgebilde zu umgehen war, habe ich fix gesichert.

 

Wiederum einige Jahre später haben wir den Nadelgrat auf dem Programm gehabt. Als Ausgangspunkt wählten wir die Bordierhütte  auf der Nordwestseite der Mischabelgruppe. Inzwischen gab es digitale Fotographie, so dass ich zu dieser Tour einige Bilder als Vergleich zur aktuellen Situation einstellen kann. Problemlos war die morgendliche Querung des Riedgletschers und der Aufstieg im griffigen Schnee zur Selle, also der Scharte zwischen Großem und Kleinen Dirruhorn. Die Felspassagen am Nadelgrat  waren auf Grund etwas Neuschnee schwieriger, aber noch erträglich. Vom Stecknadelhorn konnte man noch unterm Nadelhorn zu dessen Normalweg hinüberqueren, jedoch war diese Passage schon deutlich steiler und härter als das erste mal im Jahr 1994. Wieder erschien mir der Grat zum Windjoch ein bisschen steiler und schmäler.

Im August 2019 sollte es dann nochmal der Nadelgrat sein. Vorausgegangen war ein Winter, der in vielen Teilen der Alpen rekordverdächtige Schneemengen brachte, nicht jedoch im Wallis und ein Sommer mit zwei markanten Hitzewellen und meist trockenem Wetter. Die Aufstiege zum Grat über das Dirrujoch oder die Selle, wo man noch vor einigen Jahren im steilen Schnee hinaufpickeln konnte, hatten sich in üble, steinschlägige Bruchwände verwandelt. Der einstmals so bequeme Riedgletscher wartet mit einem spaltigen Eisbruch auf. Um also zum Beginn des Nadelgrates am Dirruhorn zu gelangen, musste man auf das unvergletscherte Galenjoch aufsteigen. Das heißt im Klartext von der Bordierhütte erst mal in Summe 200 Höhenmeter inkl. Gegenanstiegen absteigen und im meist grobblockigem Geröll den Riedgletscher zu queren und über meist ähnlich lästiges Blockwerk zum Galenjoch aufzusteigen. Damit ist die Tour deutlich länger geworden. Aus rund 1.500 Höhenmeter von der Bordierhütte zum Nadelhorn werden es mit dieser Variante über 2.000. Das teilweise in einer Höhe über 4.000 m und im unteren Teil in einem Gelände, dass keinen ergonomischen Steigrhythmus aufkommen lässt. Immerhin ist der Grat vom Galenjoch zum Dirruhorn über längere Strecken durchaus schön zum steigen. Er bietet anregende Kletterei im 2. Und 3. Grad, allerdings auch ein paar recht brüchige Passage. Zwischen Dirruhorn und Stecknadelhorn ist alles weitgehend beim alten geblieben. Um allerdings vom Stecknadelhorn zum Nadelhorn zu gelangen, muss zeitraubend ein Zackengrat überklettert werden, dort wo man früher noch bequem im Schnee hindurch queren konnte. Wieder erschien mir der Abstieg vom Nadelhorn ein kleines bisschen steiler und schmäler.

Riedgletscher alt

Riedgletscher 2019

Der Riedgletscher 2012 und 2019

Dirruhorn Nadelgrat alt

Dirruhorn Nadelgrat 2019

Nadelgrat Dirruhorn historischDas Dirruhorn vom Riedgletscher. 2012 konnte man noch bequem durch eine Schneerinne in den „Selle“ genannten Sattel rechts des Gipfel aufsteigen. Dann noch ein Bild aus „Dummler, Blodig „die 4000er der Alpen“

Blick vom Dirruhorn alt

Blick vom Dirruhorn 2019

Blick vom Dirruhorn auf den weiteren Gratverlauf über Hohberghorn, Stecknadelhorn zum Nadelhorn. 2012 und 2019

Weisshorn alt

Weisshorn 2019

Blick zum Weißhorn, 2012 und 2019

Sonnenaufgang Weißhorn
Einfach nur schön! Tagesanbruch auf dem Nadelgrat, 2019

Nadelhorn aLT

Nadelhorn 2019

Der Übergang vom Stecknadelhorn zum Nadelhorn 2012 und 2019. Bereits 2012 war eine deutliche Versteilung  nördlich des Grates bemerkbar. Man konnte allerdings noch gut zum Normalweg hinüber queren, was einiges an Zeit gespart hat.

Nadelgrat und Lenzspitze 2019

Madelgrat historisch

Erschwernisse und Erleichterungen durch den Gletscherrückgang.

Gratversteilung, unpassierbare Gletscherspalten, Turnschuhviertausender

Einige Hochtouren sind durch den Gletscherrückgang der vergangen Jahre deutlich mühsamer und schwieriger geworden. Wo man früher mit geringem Höhenverlust einen zur frühen Morgenstund hart gefrorenen Gletscher bequem überschreiten konnte, ist nun oft ein mühsames Geröllgestolper nötig, um an die andere Teilseite zu gelangen.

Gratversteilung
Gratversteilung durch Gletscherrückgang

Positive Entwicklung durch den Gletscherrückgang.

Es gibt aber auch positive Effekte. So lässt sich das Lagginhorn, wenn man über den Felssporn oberhalb der Weißmieshütte aufsteigt, bzw. wenn der Restgletscher, der von Hohensaas aus zu queren ist, nicht eisig ist, auch mit Turnschuhen besteigen.

Lagginhorn
Wenn man von der Weimieshütte kommt, lässt sich das Lagginhorn im Hochsommer auch in leichten Schuhen über den Westgrat besteigen. Gletscherausrüstung wird nicht benötigt.

Manche Klettertour am Furkapass, bei denen die erste Ausgabe von „Schweiz Plaisir“ noch zu Gletscherausrüstung für den Zustieg rät, lässt sich nun trockenen Fußes erreichen, was Zeit und Gewicht spart. Auch am Piz Badile muss im Hochsommer nicht mehr zwingend die Gletscherausrüstung für den Abstieg über die Kletterrouten getragen werden.

kleines Furkahorn
Auf das Groß0e Furkahorn führt eine schöne Klettertour über den Ostgrat. Früher musste man, um an den Einstieg zu gelangen, noch einen Gletscher queren

Interessantes am Wegesrand:

Im Wallis und nicht nur dort, wurden im 17. Jahrhundert, also dann, als die Kleine Eiszeit ihren ersten Höhepunkt entgegen schritt, zahlreiche Kapellen gebaut, Gelübde abgeschlossen um den Herrgott zu bitten, die Gletscher nicht mehr wachsen, bzw. sich zurückziehen zu lassen.  Nun, 300 Jahre später, als man der Bitte entsprochen hat, ist es dann auch nicht mehr recht, so dass sogar der Papst ersucht wurde, ob man nun wieder für ein Gletscherwachstum beten dürfe.

Gasenried
Blick von Gasenried zum Nadelgrat. 2012

Zwischenablage01

Nadelgrat in Kürze:

Eindrucksvolle Hochtour über vier 4000er. Die Gesamtanforderungen hängen stark von den Verhältnissen ab und dem davon abhängigem Zustieg zum Grat. Sollten die Aufstiege in die Selle (zwischen Gr. Und kleinem Dirruhorn) oder das Dirrujoch (zwischen Hohlberghorn und Dirruhorn) nicht mehr möglich sein, so wählt man den Zustieg über das Galenjoch, was die Tour um zwei bis drei Std. verlängert.

Kartenausschnitt ''''Nadelgrat
Kartenauschnitt (geo-admin.ch) vom Nadelgrat. Rot: Unsere Route 2019, Grün: Der wesentlich kürzere und bequemere Zustieg, der 2012 noch möglich war. Gelb: Der im August ebenfalls nicht mehr mögliche Zustieg über das Dirrujoch

 

 

Karte: Schweizer Landeskarte Mischabel 1:50.000

Führer: https://www.panico.de/depot-topo-wallis.html

Hütten: Bordierhütte und ggf.  Mischabelhütte. Die Mischabelhütte empfiehlt sich als Ausgangspunkt nur dann, wenn man noch ins Galenjoch aufsteigen kann.

Ausrüstung: Komplette Hochtourenausrüstung, bestehend aus Seil, Pickel, Steigeisen, und etwas Sicherungsmaterial für Felsgelände. Für Notfälle Material zur Spaltenbergung.

Schwierigkeit: ZS, Stellen III am Nordgrat des Dirruhorn und am Zacken vor dem Nadelhorn, wenn dieser überklettert werden muss. Sonst Firn-und Eisgrate und Fels im Bereich II.

Höhenunterschied ab Bordierhütte: Der Höhenunterschied bis zum Nadelhorn ist davon abhängig, welcher Zustieg gewählt wird. Inkl. Höhenverluste und größeren und kleineren Gegenanstiegen bei der Route übers Galenjoch rund 2.000 Höhenmeter bis zum Nadelhorn. Hinzu kommen 100 zusätzliche Höhenmeter, die beim Rückweg über das Ulrichshorn anfallen.

Zeitbedarf: Der Zeitbedarf ist stark von den Verhältnissen abhängig. Wir sind um 2.30 Uhr von der Bordierhütte gestartet und haben mit einigen längeren Pausen gegen 18.00 Uhr die Mischabelhütte erreicht. Im Jahr 2012 sind wir gegen 4.00 Uhr von der Bordierhütte gestartet und haben gegen 20.00 Uhr das Auto in Gasenried erreicht. Die meisten Seilschaften sind im August 2019 nicht mehr ins Tal abgestiegen, sondern haben eine weitere Nacht auf der Mischabelhütte verbracht. Eine schnelle Seilschaft hat die Tour auch an einem Tag von Gasenried aus durchgezogen.

 

 

Ein Gedanke zu „Nadelgrat: Hochtouren und Gletscherschmelze“

  1. Ich finde den Gletscherrückgang beängstigend. Die Gletscherenden werden immer unzugänglicher. Loser Moränenschotter und glattgeschliffene Felsen sind gerade dort, wo sich die Zungen weit zurückgezogen haben, vor allem auch an den Rändern, an der Tagesordnung.

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