Jägerkonflikte – Wann, wo und warum?

Es „herbschtlt“; die Tage werden kürzer, die Schatten länger und damit kommt auch die Zeit, in der konfliktbehafte Begegnungen mit Jägern häufiger und wahrscheinlicher werden.

Vom guten Gespräch über die sanften Rüge bis zur Beleidigung mit Gewaltandrohung. Eine analytische Betrachtung nach 30 Jahren Alpinismus. Welche Erkenntnisse kann man aus diesen Tabellen gewinnen?

Wissenschaftlichen Kriterien hält die nachfolgende Betrachtung natürlich nicht stand. Dazu müsste man in gleicher Häufigkeit, zu gleichen Tages und Jahreszeiten in den gesamten Alpen unterwegs sein. Trotzdem gewinnt man aus den zwischen 1982 und 2012 gesammelten Daten doch ein paar Erkenntnisse. (Quelle: Persönliche Tourenaufzeichnungen)Jaegeranschisse Grundtabelle

Jaegeranschisse geographische verteilung

Auffällig ist in erster Linie die geographische Verschiebung des Schwerpunktes zu Winterbeginn vom Kleinwalsertal ins Außerfern, genauer  gesagt ins obere Lechtal. Der Schwerpunkt liegt hier auf den südseitigen  Skirouten inkl. den Hüttenzustiegen. Ebenfalls auffällig der tageszeitliche  Schwerpunkt.  Mit Beginn des Winters verlagert sich dieser vom Abend in die  Tagesmitte, also die Zeit, wenn man von der Skitour zurück kehrt.

Geographisch liegt der Schwerpunkt eindeutig westlich von Iller und Breitach. Anschisse betrafen meist Klettern und Bergsteigen.  Die meisten der wenigen Sommeranschisse fanden dort statt, liegen teils gut 20 Jahre zurück und  betrafen das Klettern an der Südwand des Ifens, als ich dort noch geklettert bin und das klettern dort noch legal, aber nicht erwünscht war.  Ohne diesen Brennpunkt würde der Sommer so gut wie gar nicht in Erscheinung treten.

Auch die Winteraschisse in diesem Gebiet fanden überwiegend im Mahd- und Schwarzwassertal statt, liegen aber meist schon 20 Jahre zurück. Der Rückgang wird wohl auf das  Wirken der Alpenvereine zurückzuführen sein. Diese haben, was den Winter betrifft, in den genannten Tälern brauchbare Kompromisse erwirkt, im Sommer, beim Klettern haben sie allerdings kläglich versagt.
Umgekehrt verhielt es sich im Lechtal. Dieses ist für den Skilauf als Breitensport nicht geeignet. Skibergsteigen kam dort erst in den letzten 20 Jahren in Mode, während klassisches Sommerbergsteigen dort über eine  lange Tradition verfügt und etabliert ist. Meist kam es dort zu Anschissen, wenn man nach einer ausgedehnten Überschreitung von oben kommend, irgendwo herausgekommen ist, wo man nicht sollte, was aber von oben kommend auch gar nicht ersichtlich war.

jaegeranschisse tageszeitliche verteilung
Auffällig die tageszeitliche Verschiebung vom Abend in den Vormittag. Zu Herbstanschissen kam es meist bei der Rückkehr vom Joggen, einer kurzen MTB-Runde oder einer kurzen Bergtour mit Stirnlampe bei Aktivitäten nach der Arbeit. Zu Winteranschissen kam es meist zu Beginn von exotischen Touren oder am Ende einer Überschreitung

Häufigkeit ist rückläufig! Warum?

Die Häufigkeit und Heftigkeit der Jägeranschisse sind im allgemeinen rückläufig,
was möglicher Weise darauf zurück zu führen ist, dass man sich irgendwie aneinander gewöhnt hat, aber auch durch Aufklärung, welche Gebiete wann am besten zu meiden sind. Zudem hat es die Jagdseite gelernt,  die Zeichen der Zeit zu nutzen und bergsteigerische Aktivitäten scheinbar gleichgültig zu akzeptieren. Im Hintergrund nutzen sie heute das ökologische Gewissen und angeblich oder tatsächliche vorhandene bedrohte Arten um bei Behörden eine Ruhezone für ihre Zwecke
zu erwirken. Allerdings gilt es auch zu berücksichtigen, dass in der Kulturlandschaft der Alpen die Jagd durchaus ihre Berechtigung hat und der Jäger auch Zeiten und Gebiete  braucht, um seinen Job zu machen und auch gewissen Ruhezonen für die Tiere notwendig sind. 

Wenn wir diese Gebiete kennen und meiden, lassen sich oft Konflikte vermeiden.

Brunft
Ein Hinweisschild im Erzbergtal (Gemeinde Hindelang). Je nach geplanter Tour ist es kein Problem, das Gebiet zu umgehen. Von oben kommend, ist es allerdings nicht ersichtlich, dass man dort hin soll. Den persönlichen Rückgang der erhaltenen Jägeranschisse führe ich auch darauf zurück, dass ich z.B. diesen Bereich auch von oben kommend, während der Brunft meide.

Ein Miteinander – fast immer möglich

Ein Großteil der unerfreulichen Begegnungen erfolgte aus Unwissenheit. So zum Beispiel, wenn man bei einer Skiüberschreitung von oben kommend irgendwo hineinfährt, wo man hätte nicht sollen. Gerade im Lechtal kam dies früher oft vor. Mit der Zeit lernt man, die Brennpunkte zu vermeiden. Es macht auch aus Tierschutzgründen absolut keinen Sinn, eine Futterstelle im Winter zu durchqueren. Bei einigen Touren, so wie die Südaufstiege zur Rappenseehütte und zum Hohen Licht habe ich einen Anschiss allerdings auch bewusst in Kauf genommen, da es sich eben um die sichersten und leichtesten Zustiege in ein gewaltiges Tourengebiet handelt, keine Futterstelle durchquert wird und der Anschiss bis zur Versetzung des Jägers dort einfach dazugehört hat, wie eben eine Tragepassage oder ein Stück Bruchharsch.

Im Herbst waren meist Feierabendtouren der Grund der Rüge. Man kommt aus dem Büro, hat noch zwei bis drei Std. Tageslicht radelt, steigt  oder läuft noch irgendwo hin, genießt den Sonnenuntergang am Gipfel und steigt wieder ab. Das in der jahres- und tageszeitlich zur besten Jagdzeit und das gefällt nicht jedem. Anderseits ist es auch nicht einzusehen, dass eine Bergtour an einem Mittwoch das Privileg von Rentnern und Arbeitslosen sein soll und die Leistungsträger der Gesellschaft, sprich die, die arbeiten und Steuern bezahlen außen vor bleiben sollen. Hier kommt es eben auf das wo drauf an. Nicht überall passiert man beim abendlichen Abstieg Hochsitze und Schussschneisen.

 

Futterstellen müssen in die Landkarten.

Damit wäre schon viel gewonnen und würde gerade bei Überschreitungen von vorne weg Konflikte vermeiden. Ebenso wäre es manchmal sinnvoll zu wissen, wo abends einer in seinem Ansitz hockt. Denn wenn ich mit knappen Zeitbudget schon die Bergschuhe anhabe, dann ziehe ich die Tour  auch durch, weil um  wieder umzukehren und wo anders zu starten reicht in der Regel abends  die Zeit nicht. Während das mit den Futterstellen in den  Landkarten leicht umsetzbar ist, wird es bei Abendtouren immer ein bisschen auf Ortskenntnis und Fingerspitzengefühl ankommen, damit man sich nicht begegnet. Wenn bekannt ist, dass man abends im Oktober ein bestimmtes Tal meiden soll, so beachte ich das, wenn allerdings überall jeder Abendbergsteiger zum Feind und Naturrowdy stilisiert wird, dann schalte ich halt auch auf stur.

 

Fazit

Völlig konfliktfrei wird die gemeinsame Nutzung zwischen Jagd (als Beruf oder als Hobby) und Outdoorsport (als Beruf oder als Hobby) nie werden. Mit ein bisschen Hintergrundwissen, was für die jeweilige andere Seite wichtig ist, und wo die Befindlichkeiten liegen, lassen sich viele Konflikte vermeiden. Ich respektiere den Jäger als Teil der Bergnatur bzw. -kultur und erwarte ebenfalls dass meine Anwesenheit im Gebirge akzeptiert wird.

Lesenswerter Beitrag aus Berg und Steigen

https://www.bergundsteigen.blog/bergundsteigen-im-gespraech-mit-berufsjaeger-maximilian-kofler/

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