Watzmann: Gedanken um die höchste Ostalpenwand

Die Watzmann Ostwand gehört zu den Touren, die man gemacht haben muss. Das Faszinierende ist die gesamte Tour, nicht die Einzelstellen. Dazu gehören die Bootsfahrt über den Königssee, der Kontrast zwischen Massentourismus und dem spartanischen Ostwandlager. Der Fels ist überwiegend recht gut, zumindest wenn man als Vergleichsmaßstab die Allgäuer und Lechtaler Alpen annimmt. Die Schwierigkeiten gehen über kurze Stellen  im oberen Dritten Grad nicht hinaus. Meist liegen sie im Bereich I bis II, durchsetzt von exponiertem Gehgelände.  Dank eines guten Topos und zahlreichen Trittspuren ist auch die Orientierung nicht besonders schwierig. Wer sich im steilen II-III-er Gelände zügig bewegen kann wird an einem gewitterfreien Sommertag viel Spass in der höchsten Ostalpenwand haben.

Für eine Allgäuer ist die Fahrt nach Berchtesgaden schon so etwas wie eine Reise nach Fernost. In der selben Zeit lassen sich das Berner Oberland, das Wallis oder die Dolomiten erreichen. Trotzdem lohnt es sich auch mal den südöstlichsten Zipfel der Bayrischen Alpen zu besuchen.1IMG_2138

Am Bootssteg am Königsee. Massentourismus und unbrührte Bergnatur liegen im Berchtesgadener Land dicht beieinander.

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Berchtesgaden ist eingestellt auf Touristen aus Fernost. Vielleicht sind das sogar die besten Touristen. Kommen meist mit dem Bus, sind mit jeden Mist zu Frieden, sind leicht lenkbar, konsumfreudig machen an vorgesehenen Plätzen ihre Selfies und sind abends wieder weg.

Bartalomae

Die rund halbstündige Bootsfahrt nach St. Bartalomä ist ein Erlebnis und einfach mal etwas anderes, als die 1000e Hüttenzustiege die man in einem Bergsteigerleben schon zurückgelegt hat. Das Bootspersonal war ins unserem Fall freundlich und hat es verstanden auf die Passagiere, die von überall her kommen einzugehen. Mit jedem wurde ein kurzes Schwätzchen gehalten. Das Trompetensolo inkl. Dem Echo gehört einfach dazu.

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Das Ostwandlager liegt ca. 625 m hoch. Zustiegsdauer ca. 5 min.

Berchtesgaden hat meiner Ansicht den Massentourismus gut im Griff. Wer ins Gebirge vordringen will, erlebt, dass das dort etwas sperrig und ungastlich ist. Wer in Bartalomä essen möchte, der sollte bis spätestens um 17.00 Uhr dort sein, da der Gasthof um 18.00 Uhr schließt. Dann leert sich die kleine Halbinsel. Zurück bleiben nur die Ostwandanwärter. Als Übernachtungsquartier gibt es das Ostwandlager, das rund 40 Plätze bietet und zuvor reserviert werden muss. Aus das wirkt etwas ungastlich, da es nicht mal Wasser oder eine Kochmöglichkeit bietet. Aber vermutlich ist genau das gewollt, um zu vermeiden, dass der gemeine Touri dort hinten Urlaub macht.

Zudem macht es Sinn, wenn nicht zu viele Menschen gleichzeitig in der Wand sind.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Sektion Berchtesgaden sehr freundlich Auskunft über die Modalitäten gegeben hat.

Den Zeitpunkt des morgendlichen Aufbruchs ist am besten so zu wählen, dass man beim ersten Tageslicht die Eiskapelle erreicht. Früher aufzubrechen macht schlichtweg keinen Sinn.Eiskapelle.jpg

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Biwak Ostwand
Das Ostwandbiwak in 2.380 m. Zeit für eine Brotzeit
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Das letzte Stück, kurz vor der Schlüsselstelle
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Blick aus dem obersten Wandteil zum Hauptgipfel
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Ausstieg

 

Mit oder ohne Seil?

Wir hatten ein 50 m Seil dabei und eine Seillänge in etwa 1/3 Wandhöhe über glatte Platten gesichert. Es steckten ausreichend Bohrhaken. Für mich war das eine durchgehende III-er Seillänge. Die III+ im obersten Wandteil sind wir seilfrei gegangen. Die Stelle ist nur kurz und eher griffig anstatt plattig. Jetzt, da ich die Tour kenne, würde ich aufs Seil verzichten, würde aber auf jeden Fall zusehen, dass ich an der Plattenstelle meine Ruhe habe  und nicht fünf Leute vor mir und zehn hinter mir sind. Schuhe, mit denen man gut steht, sind vom Vorteil.

Die Route:

Dazu gibt es eine gute Beschreibung inkl. Topo.

https://www.bergsteigen.com/touren/klettern/watzmann-ostwand-berchtesgadener-weg/

Blick nach Osten.jpg

Großglocknerblick.jpg

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Rückblick vom Mittelgipfel auf den oberen Wandteil
Watzmannhaus
Am Watzmannhaus ist die Tour noch lange nicht vorbei. 1.300 Höhenmeter sind noch im Abstieg zurück zu legen
Schlafende Hexe
Die „schlafende Hexe“ ist ein weiteres Wahrzeichen des Berchtesgadener Land

 

 

Geradezu utopisch sind die Zeitangaben auf der Südgipfel. Ganze 3 ½ Std. soll der Übergang zum Hocheck genannten Nordgipfel dauern. In 1 ½ Std ist dass jedoch gut zu schaffen, denn im Gegensatz zu diversen Pressemeldungen über einen Abbau des Klettersteiges auf der Überschreitung , findet man überall, wo es ein bisschen steiler wird ein Drahtseil, das ein zügiges Vorankommen ohne Suchen und technischen Schwierigkeiten ermöglicht.

Lang, verdammt lang ist allerdings der Abstieg über das Watzmannhaus und die Kührointalm zurück zum Parkplatz am Königssee.

Letztlich hat mir diese Tour im Berchtesgadener Land gut gefallen.Wir kommen wieder. Die Blaueisumrundung wäre ein Ziel.

Kult im Hintergrund

Zu Hause habe ich die Tour mit Klängen von Hans Söllner und Wolfgang Ambros nachwirken lassen.

Hans Söllner setzte sich schon in den 90er Jahren kritisch mit dem Massentourismus und dem Ausverkauf der Heimat auseinander. Man muss nicht allem zustimmen, was er singt, hörenswert ist es auf jeden Fall. Ob  er sich nach diesem Text noch an den Stammtisch des lokalen Trachtenvereins setzen durfe, kann man bezweifeln.

 

In diesem Sinne: Löffelhollaraidulliö

 

4 Kommentare zu „Watzmann: Gedanken um die höchste Ostalpenwand“

    1. Das Bild wurde im September 2019 aufgenommen. Der schneereiche Winter 2019 führte in den nördlichen Ostalpen zu einem geringen Massenzuwachs der Gletscher, der aber die Verluste der Vorjahre nicht ausgleichen konnte.

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      1. Danke für die Info.
        Die Eiskapelle müsste doch, noch viel mehr als die kläglichen Gletscherreste in den nördlichen Ostalpen, von den Staulagen und der damit einhergehenden Lawinentätigkeit profitiert haben.

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  1. Ja, außer am Watzmann hält sich der Ansturm in den Berchtesgadener Bergen und auch im Tennengebirge arg in Grenzen. Ausgangspunkte um 600 hm und Gipfelziele um 2500 hm sorgen schon dafür, dass der Besuchersturm in den Bayerischen Voralpen hängen bleibt. Außerdem gibt’s da einfach Gipfel ohne Ende. Von Golling in die Bluntau und von da aus Richtung Angeralm – da bist in einem Urwald, wo wahrscheinlich Tagelang oft kein Mensch hin kommt. Davon kannst in den Allgäuern nur träumen…

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