Alpines Risiko- das chronologische Paradoxon mit der Restlebenszeit

Es gibt kaum eine sinnlosere Beschäftigung als mit hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand  und mit einem mehr oder weniger hohen Risiko irgendwelche Falten der Erdkruste zu besteigen. Warum aber nimmt das Risiko, dass man bereit ist einzugehen, um seine alpinen Wünsche zu befriedigen mit zunehmen Alter ab, wenn gleichzeitig der Einsatz, die zu erwartende Restlebenszeit immer geringer wird. Das ist irgendwie nicht logisch.

Das Gefühl kennt jeder Bergsteiger. Dieses latente ungute Bauchgefühl vor einer anspruchsvollen Tour, beim nächtlichen Aufbruch oder bei einem Alleingang, egal in welcher alpinen Spielart. Schaff ich diese Stelle? Könnte es da nicht eisig sein? Ist die Schneedecke stabil? Hält das Wetter? Ist man dann unterwegs, so Folgen auf körperliche und geistige Anspannung Glücksgefühle und eine entspannte Müdigkeit nach der Tour.

Warum aber, wird man mit zunehmenden Alter vorsichtiger und zurückhaltender. Sehr lange Zeit kann man den erst unmerklichen, dann sich langsam steigernden körperlichen Verfall durch Taktik, Routine und Erfahrung kompensieren.

Das Paradoxon mit der Restlebenszeit

 

Beobachtet man einen 20-jährigen Bergsteiger. Er lernt schnell und verbessert sein technisches Können. Die Risikobereitschaft ist meist hoch. Das, was bei mancher extremen oder unpassenden Tour auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als im Schnitt 60 Jahre attraktives Restleben.

Beobachtet man einen 60-jährigen Bergsteiger. Er lebt von Erfahrung und Routine und kompensiert damit die abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit. Bei möglicherweise unpassenden Verhältnissen oder risikoreichen Touren macht er schnell den Rückzieher. Die Vorsicht und die Bequemlichkeit siegen. Das, was im schlimmsten Fall auf dem Spiel steht, sind vielleicht noch 20 Jahre attraktives Restleben.

Der höchst mögliche Preis für einen Fehler und/oder eine unpassende Tour ist beim Jungen somit deutlich höher als beim Alten. Trotzdem sind Alte vielfach vorsichtiger und zurückhaltender unterwegs. Logisch ist das nicht.

Persönlich könnte ich es mir gut vorstellen, irgendwann vielleicht um die 80 einfach von der Trettach zu stürzen.  Kurz  bevor der rasante körperliche und geistige Abbau beginnt der Alltag zur Qual wird. Wenn es dann aber soweit wäre, so bin ich mir sicher, würde ich alles geben um wieder heil nach unten zu  gelangen, bzw. aus Vorsicht heraus, gar  nicht mehr versuchen , die Trettach zu besteigen.

 

Bergsteigen findet im Kopf statt.

Das schreibt sinngemäß die NZZ in diesem Artikel. Ändert sich mit zu nehmenden Jahren vor allem etwas im Kopf? Als Erkenntnis  bleibt nur, dass die menschliche Psyche unergründlich und nicht immer logisch ist.

 

Ein Gedanke zu „Alpines Risiko- das chronologische Paradoxon mit der Restlebenszeit“

  1. Zunächst mal der statistische Fehler: Wer 20 ist, kann durchaus noch vor dem 60. Lebensjahr sterben. Folglich ist das Todesalter nicht gleichzusetzen. Aber das ist nur Krümelkackerei.

    Das mit dem Wert des „Restlebens“ ist ein Thema, über das sich Philosophen seit Jahrtausenden streiten. Für Juristen ist klar: Ein Mord an jemanden, der 15 Minuten vor seinem ohnehin absehbaren(!) Exitus steht, ist gleich bedeutend mit einem Mord an einem 2-Jährigen, der rein statistisch die höchste Rest- Lebenserwartung hat. Man spricht von bei Tötungsdelikten unwesentlicher Ersatzursache.

    Es kommt so viel anderes dazu, Verantwortung für Kinder und Partner zuerst zu nennen.

    Ganz wichtig: Nicht nur Kraft und Ausdauer nehmen mit dem Alter ab, vor allem auch die Fähigkeit, die Konzentration hochzuhalten. Sieht man auch bei Langstrecken- Autofahrten, wo die ansonsten sichersten Fahrer, nämlich die zwischen 35 und 55, deutlich abzubauen.

    Und dann noch die Erfahrungen: Jeder länger aktive Bergsteiger kennt zumindest einen anderen, den sich der Berg geholt hat. Es müssen nicht gleich drei sein wie bei mir (mit zweien war ich sogar oft unterwegs.) Auch das macht vorsichtig.

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