Differenzen bei der Lawinenbeurteilung

Ein Fallbespiel von Anfang Dezember 2019 soll aufzeigen, wie sehr es notwendig ist, dass die unterschiedlichen Warndienste ihre Beurteilungen mit einander abstimmen und die Warnregionen flexibel nach der Natur und nicht nach politischen Grenzen einrichten. Bei einer angedachten Tour vom Hochtannbergpass über das Walser Geißhorn hinab ins Rappenalptal und zurück über das Salzbüheljoch nach Lechleiten, betrachten wir die drei lokalen Lageberichte von Bayern, Tirol und Vorarlberg. Oft kommen die Warner zu einer gleichen oder ähnlichen Einschätzung der Situation, manchmal ist die Einschätzung aber auch völlig entgegengesetzt, was zu vermeiden gewesen wäre, wenn man sich abgestimmt hätte.

Wir planen unsere Tour am 13.12.2019. Wir gehen davon aus, dass an diesem Tag das Wetter dafür geeignet ist und ausreichend Schnee liegt. Da es in den vorangegangen Tagen sonnig, windig und auch mild war, planen wir die Tour so, dass wir möglichst südseitig aufsteigen und die schöne, schattige Pulverhänge in der Abfahrt nutzen können.  Wir überlegen noch, ob wir am Ende der Tour noch einen zusätzlichen Abstecher in die Nordflanke des Biberkopfs machen wollen, falls Zeit und Kondition dafür noch reicht.

IFALP Beispiel
Unsere Beispieltour führt durch drei Warnregionen

Grenzstein Nähe des Dreiländerecks

Blick von Unterhalb des Biberkopfes über das Rappenalptal zum Geißhorn

Natürlich lesen wir, bevor wir starten, den Lawinenlagebericht. Nur welchen? Unsere Tour führt durch drei Länder und damit durch drei Warnregionen. Also lesen wir alle drei Lageberichte bzw. Lawinenvorhersagen.

Wir stellen fest, dass die Lageberichte hinsichtlich der Gefahrenstufe ganz gut übereinstimmen.
Ob man z.B. gleich 3 schreibt oder einen 2er gibt mit dem Hinweis „im Tagesverlauf ansteigend“ ist eher eine Feinheit, der man nicht zu viel Bedeutung zukommen lassen sollte. Wichtiger ist es den Text zu lesen, den Inhalt ins Gelände zu übertragen und die entsprechenden Gefahrenstellen zu meiden. Gegebenen Falls auf der Tour die getroffene Entscheidung noch mal verifizieren.

Vergleichen wir nun die Lageberichte:

Bayern

Gefahrenstufe: 1, oberhalb der Waldgrenze 2–> im Tagesverlauf steigend

LawinenproblemTriebschnee,    Altschnee und Gleitschnee nur im Text erwähnt.

gefährliche Exposition: Nord, Ost, Süd

Beurteilung der Lawinengefahr
In den bayerischen Alpen herrscht in höheren Lagen eine mäßige Lawinengefahr, die in den Allgäuer Alpen im Tagesverlauf auf erheblich ansteigt.
Das Hauptproblem stellen frische Triebschneepakete dar, die sich oberhalb der Waldgrenze bilden. Gefahrenstellen befinden sich im kammnahen Steilgelände der Hangrichtungen Nord über Ost bis Süd, in Rinnen und Mulden sowie hinter Geländekanten. Umfang und Anzahl der Gefahrenstellen nehmen im Tagesverlauf und mit der Höhe zu. Ausgelöste Schneebretter können vor allem im Allgäu mittlere Größe erreichen.
Erste Gleitschneebewegungen auf glatten, steilen Wiesenhängen können vor allem im Allgäu in meist kleinere Gleitschneelawinen münden.

Schneedecke
Am Freitag Morgen kommt begleitet von starkem Wind aus westlichen Richtungen Niederschlag auf. Der Neuschnee wird in höheren Lagen stark verfrachtet und lagert sich auf lockeren Schneeschichten oder Oberflächenreif ab. Entsprechend störanfällig sind die neuen Triebschneeansammlungen. In den Hochlagen sind am Grund der Altschneedecke aufgebaute und umgewandelte Schneeschichten erhalten geblieben. In den mittleren Lagen wird die meist noch geringmächtige Schneedecke am Boden feucht und beginnt auf steilen, glatten Hängen am Boden zu gleiten. Gleitschneerisse deuten darauf hin.

Tirol

Gefahrenstufe: 1, oberhalb der Waldgrenze 3

LawinenproblemTriebschnee,  Altschnee  Gleitschnee NICHT   erwähnt.

gefährliche Exposition: alle beim Triebschnee, bzw. West bis Süd beim Altschnee

Triebschnee kritisch beurteilen. Vorsicht vor schwachem Altschnee.

Frische und schon etwas ältere Triebschneeansammlungen müssen an allen Expositionen oberhalb der Waldgrenze vorsichtig beurteilt werden, besonders in Kammlagen, Rinnen und Mulden. Anzahl und Grösse der Gefahrenstellen nehmen mit der Höhe zu. Zudem können vereinzelt Lawinen an steilen Süd-, Südwest- und Westhängen im schwachen Altschnee ausgelöst werden. An eher schneearmen Stellen sind die Gefahrenstellen häufiger.
Lawinen können weiterhin schon von einzelnen Wintersportlern ausgelöst werden und mittlere Grösse erreichen. Schneesport abseits gesicherter Pisten erfordert Erfahrung in der Beurteilung der Lawinengefahr.

Schneedecke

Spröde Triebschneeansammlungen entstanden vor allem an Nordost-, Ost- und Südosthängen. Es fallen 10 bis 15 cm Schnee, lokal bis zu 20 cm. Mit Neuschnee und Sturm wachsen die Triebschneeansammlungen weiter an. Sie verbinden sich an allen Expositionen oberhalb der Waldgrenze schlecht mit dem Altschnee.
Im oberen Teil der Altschneedecke sind an steilen Sonnenhängen kantig aufgebaute Schwachschichten vorhanden.

Vorarlberg

Gefahrenstufe: 2, oberhalb der Waldgrenze 3

LawinenproblemTriebschnee,  Altschnee  Gleitschnee NICHT   erwähnt.

gefährliche Exposition: von Nordwest über Nord bis Südost

Beurteilung der Lawinengefahr

Es besteht oberhalb der Waldgrenze erhebliche Lawinengefahr. Kritisch zu beurteilen sind frische und ältere Triebschneeansammlungen in allen Expositionen oberhalb der Waldgrenze. Gefahrenstellen liegen vor Allem in Kammlagen, Rinnen und Mulden. Mit zunehmender Seehöhe und Windeinfluss nehmen diese an Umfang und Verbreitung zu. Lawinen können bereits von einzelnen Wintersportlern ausgelöst werden. Schattseitig liegt der Triebschnee auf einer ungünstigen Altschneeoberfläche und ist noch störanfällig. An steilen Hängen können Lawinen bis in tiefere Schichten der Altschneedecke durchreißen und dadurch recht groß werden. Unerfahrene sollten gesicherte Pisten nicht verlassen.

Schneedecke / Allgemeines

Gestern war es teilweise recht winterlich, im Laufe des Nachmittages lockerte es allmählich auf. Die Nacht war überwiegend sternenklar. Der Wind wehte tagsüber schwach bis mäßig, frischte aber in der zweiten Nachthälfte auf und wehte stark mit teils stürmischen Böen aus südwestlichen Richtungen. Bis zum Morgen kamen wenige cm Neuschnee dazu. Dies führte zu frischen Verfrachtungen, Kämme und Kuppen sind meist abgeblasen. Der frische und ältere Triebschnee kam vor allem schattseitig auf weichen Schichten zu liegen und ist störanfällig. In Schattenhängen sehr hoher Lagen sind teilweise auch ungünstige, kantige Schichten eingelagert und Lawinen können bis an diese Schichtgrenze durchreißen. In tieferen Lagen und an Sonnenhängen war vor dem letzten Schneefall meist keine zusammenhängende Schneedecke vorhanden.

 

Übereinstimmungen und Abweichungen

Übereinstimmungen

  • Alle drei Lageberichte sehen die Gefahrenstellen oberhalb der Waldgrenze
  • Alle drei Lageberichte vergeben oberhalb der Waldgrenze die Stufe 3 (in Bayern von 2 auf 3 steigend)
  • Alle drei Lageberichte sehen Triebschnee als das Hauptproblem an.

 

Abweichungen

  • Nur Bayern erwähnt Gleitschnee, die anderen nicht
  • Tirol sieht Altschnee südwestseitig, Vorarlberg schattseitig (also Nord),
  • Bayern sieht Altschnee nicht als Problem, sondern erwähnt ihn nur im Fließtext.
  • Bayern und Tirol vergeben unter der Waldgrenze die Gefahrenstufe 1, Vorarlberg 2

 

Auswirkungen auf die Tourenplanung

Der Tourengeher mit lehrbuchgemäßem Scheuklappendenken wird sich im Südhang des Geißhorn nichts denken, da dieser in Vorarlberg und Bayern liegt. Lt. Bayerischen Lagebericht müsste er hier auf Triebschnee achten, der allerdings eine eher leicht zu erkennende Gefahr darstellt. Vorarlberg gibt e grünes Licht.  Die teilweise steile Abfahrt ins Rappenalptal kann man so gestalten, dass relevante Gefahrenstellen zu vermeiden sind. Zudem liegt diese in Bayern und damit gilt Stufe 1.

Spannender wird es mit unserem Abstecher in die Nordflanke des Biberkopfes. Wir sind in Bayern oberhalb der Waldgrenze und haben es mit Triebschnee zu tun. Diesen können wir aber leicht erkennen und spontan entscheiden.

Queren wir hoch im Nordhang nach Tirol herüber, so sind wir gar nicht mehr im gefährdeten Bereich, da dieser ja auf der Südwestseite liegt. Wenn wir den TEXT im bayerischen Lagebericht gelesen haben, so behalten wir am Biberkopf wenigstens den Altschnee im Hinterkopf.

 

Der erfahrene Tourengeher hat alle drei Lageberichte gelesen und fragt sich, warum der eine Larndienst die Gefahr südseitig, der andere nordseitig sieht. Er entnimmt die relevanten Aussagen und achtet vor allem auf Triebschnee. Er fragt sich vor allem, wie es sein kann, dass Tirol das Altschneeproblem südseitig, Vorarlberg nordseitig sieht und es in Bayern nur eine Randnotiz wert ist. Das Gleitschnee auch in Vorarlberg und Tirol ein, wenn auch geringes Problem darstellt, hat er bereits bei der Anfahrt gesehen, in dem er die kleinen Lawinen in steilen Grashängen wahrgenommen hat. Er wird am Südhang des Geißhorns keinen Altschnee feststellen, möglicherweise aber im Nordhang des Biberkopfes. Genau so wie im Vorarlberger Lagebericht beschrieben. Altschnee, das gemeinste aller Lawinenprobleme, erkennt man i.d.R. nur durch das Graben eines (abgespeckten) Schneeprofils.

 

Erkenntnis

Die Lawinenprognostiker haben grundsätzlich gute Arbeit geleistet und im wesentlichen stimmige Lageberichte erstellt.

Bezüglich der Exposition, wo diese liegen, weichen sie deutlich voneinander ab

Bezüglich der weiteren Lawinenprobleme auch

Das ergibt dann, je nachdem dem welchen Lagebericht man zu Rate zieht, völlig andere Ergebnisse bei der Entscheidung nach Munter, Snowcard oder „stop-or go“.

Die Unterschiede kommen meist daher, dass ein Warndienst eine bestimmte Beobachtung gemacht hat, bzw. eine Information erhalten hat, der andere jedoch nicht.

Es zeigt dass die Warner sich nicht abgestimmt haben.

 

Fazit

Das Beispiel zeigt, wie notwendig es ist, dass die Lageberichte harmonisiert und abgestimmt herausgegeben werden.

IFALP Titel1

Initiative für eine alpenweit einheitliche Lawinenprognose nimmt sich diesem Problem an und versucht darauf einzuwirken, dass es künftig zu keinen solchen Unstimmigkeiten kommt.

  Weitere Informationen dazu:

https://freieberge.wordpress.com/2019/12/05/einheitlicher-lawinenlagebericht-fuer-die-gesamten-alpen-gefordert/?wref=tp

http://ifalp.org/

https://www.gipfelbuch.ch/outdoornews/detail/id/662

2 Kommentare zu „Differenzen bei der Lawinenbeurteilung“

  1. Meiner Meinung nach kann es sogar positiv sein, wenn sich die Lawinenwarndienste eben NICHT abstimmen. So bekomme ich verschiedene, unabhängige Einschätzungen und wenn sie sich eben in manchen Fragen mal nicht so einig sind, wie z.B. am 13.12.2019, dann achte ich auf alles Erwähnte, mache mir aber (je nach Tour) basierend auf allen 3 LLB mein eigenes Bild. An Tagen an denen sich die LLB nicht so richtig einig sind, bin ich tendenziell vorsichtiger, wie wenn alle 3 das gleiche Bild abgeben.
    Ich finde es besser, wenn ich 3 unabhängige Einschätzungen bekomme, wie wenn sie gemeinsam einen Einheitsbrei kochen und empfinde es als glückliche Lage, z.B. bei Skitouren im Allgäuer Hauptkamm, auf 3 Lageberichte gleichzeitig zugreifen zu können.
    Tendenziell halte ich den Tiroler LLB für kompetenter als den Allgäuer, gleichzeitig habe ich manchmal den Eindruck, dass die Zuverlässigkeit des Tiroler LLB mit dem Abstand von Innsbruck etwas abnimmt. Deswegen finde ich gerade gut, dass wir auch einen unabhängigen Vorarlberger und den Allgäuer Lagebericht haben.

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  2. Ich stimme im Großen und Ganzen der Aussage von Andreas zu. Hinzufügen möchte ich, dass die Beurteilungen von Menschen mit unterschiedlichen Ausbildungen, Erfahrungen und Schlussfolgerungen sowie in eng begrenzten Gebieten erfolgen. Auch sollte man bedenken, dass dies keine exakten wissenschaftlich belegten Aussagen sind sondern mit einem gewissen Wahrscheinlichkeitsfaktor belegt sind.
    In diesem Zusammenhang frage ich mich, wieviel Sicherheit der Mensch braucht resp. wieviel Unsicherheit er erträgt. Ich habe Mitte der 60er Jahre mit dem Skibergsteigen als Autodidakt begonnen; Lawinenlageberichte und LVS-Geräte gab es damals nicht. Das Motto lautete – learning by doing. Viele Erscheinungen nahm ich unbewusst auf ohne eine Erklärung dafür zu haben. Diesem Bauchgefühl – für mich eine Form von unbewusster Intelligenz – vertraute und vertraue ich in kritischen Situationen bis heute. Mir ist bei jeder Skitour klar, dass diese ein Restrisiko beinhaltet, aber diesen Zustand finde ich belebend und begreife es als Herausforderung an alle meine Sinne.
    Auf diese Weise habe ich ca. 800 Skitouren zwischen Wien und Grenoble unfallfrei durchgeführt.

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