Achtung Gleitschnee

Unter den fünf Lawinenproblemen nimmt der Gleitschnee eine Sonderrolle ein.  Der Auslösemechanismus Der Gleitschneelawine ist ein anderer. Im  Gegensatz zu  anderen Situationen lässt sich eine Gleitschneelawine nicht oder kaum präventiv auslösen. Das wiederum stellt Lawinenkommissionen und Sicherheitsverantwortliche oftmals vor große Probleme. Ein paar Beobachtungen und Gedanken möchte nachstehend darstellen.

Voraussetzungen für Gleitschneelawinen

  • Ein glatter Boden, der kein oder wenig Wasser aufnehmen kann (langes Gras, Felsplatten)
  • Eine Neigung von mehr als 15 Grad (also deutlich weniger als bei anderen Lawinenarten)
  • Der unterste Teil der Schneedecke, also die Grenzschicht zwischen der Schneedecke und dem Boden, muss feucht oder nass sein.

 

Arten

Man unterscheidet „kalte“ und „warme“ Gleitschneelawinen

Bei kalten Gleitschneelawinen erfolgt der Wassereintrag  in die Schneedecke durch Schmelzprozesse auf dem warmen Boden. Da Schnee ein guter Isolator ist, kann die Schneeoberfläche pulvrig sein und die Lufttemperatur deutlich unter dem Gefrierpunkt liegen. Wir erinnern uns an den Februar 2012, als bei Temperaturen deutlich unter minus 20 Grad im Allgäu und Außerfern zahlreiche Gleitschneelawinen zu beobachten waren.

Gleitschnee-Laufbichler-Kri
„kalte Gleitschneelawine“ im Hintersteiner Tal. 1500 m Süd

Bei warmen Gleitschneelawinen erfolgt der Wassereintrag durch Schmelzprozesse an der Oberfläche, durch Sonneneinstrahlung, Regen oder positive Lufttemperaturen. Wenn das Schmelzwasser zu Boden sickert und der Boden das Wasser nicht aufnehmen kann, gibt es einen Schmierfilm an der Basis was bei entsprechender Neigung zu Gleitschnee führen kann.

Gleitschnee 1.1.2019
„Warme Gleitschneelawinen“, ausgelöst durch starke Tageserwärmung im Hintersteiner Tal
Der gleiche Hang im Herbst

Aussagen zu Gleitschnee im Faktencheck.

Gleitschnee tritt vor allem bei starker Erwärmung gegen Mittag auf!

  • Falsch: Gleitschneelawinen, gerade kalte gehen zu jeder Tages- und Nachtzeit ab. Bei warmen Gleitschneelawinen gibt es eine Häufung am Mittag und am Nachmittag.

 

Wenn sich Gleitschneerisse bilden, ist die Schneedecke entspannt und somit sicher.

  • Falsch: Die Risse deuten auf eine Bewegung in der Schneedecke in und kündigen einen möglichen Lawinenabgang an. Der Aufenthalt unter solchen Rissen ist gefährlich und sollte vermieden oder so kurz wie möglich gehalten werden.

 

Gleitschneelawinen kommen meist nachts (sagen viele Einheimische in Gleitschneeregionen)

  • Falsch: Gleitschneelawinen, gerade kalte gehen zu jeder Tages- und Nachtzeit ab. Bei warmen Gleitschneelawinen gibt es eine Häufung am Mittag und am Nachmittag, bei kalten gibt es keine markante Tendenz.

    Lawine Imberger Horn
    Die , regelmäßig abgehende Gleitschneelawine am Imberger Horn bei Bad Hindelang kommt meist nachts. Warum auch immer. Anrissbereich N 40 Grad 1600 m.

Gleitschneelawinen kann man nicht sprengen

Bei Gleitschnee gibt es keine Schwachschichten innerhalb der Schneedecke

  • Falsch: Bei kalten Gleitschneelawinen können weiter oben in der Schneedecke durchaus weitere Probleme wie Triebschnee, eingeschneiter Oberflächenreif und Neuschnee auftreten. Die einzig unvereinbare Kombination ist Gleitschnee und ein Altschneeproblem an der selben Stelle.

Gleitschneelawinen kann man nicht präventiv auslösen

  • Falsch: Ein Beispiel aus Frankreich zeigt, wie es geht.

Risikomanagement:

Wenn Gleitschnee im Lagebericht im Text erwähnt wird, meidet man steile Grashänge, lückige Laufwälder und glatte Felsplatten. Dabei ist es sehr vom Vorteil, wenn man das Gelände vom Sommer her kennt. Wenn das nicht der Fall ist, so achtet man auf Risse in der Schneedecke und meidet den darunter liegenden Bereich. Sollte das nicht möglich sein, so sieht man zu, dass der Aufenthalt unter solchen Gleitschneemäulern so kurz wie möglich ist.

Am Beispiel einer Tour zum Salober im Hintersteiner Tal möchte ich hier noch meine Entscheidung für die Tour erläutern. Ich habe die entsprechenden Bereiche ab dem 1.1.2020 mehrfach von weitem betrachtet. Als am 17.1.2020 im Vergleich zu meiner letzten Betrachtung am 12.1. KEINE BEWEGUNG, KEINE VERÄNDERUNG feststellbar war, gingen wir davon aus, dass die Gleitbewegung zum Stillstand gekommen ist.Wir haben die kritischen Bereiche einzeln und zügig durchquert. Von der Risikobewertung habe ich das als harmloser eingeschätzt, als etwa der Normalweg auf den Gr. Combin oder den Montblanc. Denn ein Gletscherbruch bricht auch plötzlich und unabhängig von der Tageszeit los. Wie „kalter Gleitschnee“. Ohne dieses Insiderwissen hätte ich die Tour nicht gemacht.

Gleitschnee Salober
Diesen Hang habe von weitem mehrfach augenscheinlich beobachtet. Ab einer Woche vor der Tour konnte ich hier, wie auch im benachbarten Gelände keine Gleitbewegung mehr feststellen. Sonst hätten wir diese Tour nicht unternommen.

 

Weitere Bilder.

Laufbichler kirche gleitschnee
Gleitschneerisse am Laufbichler Kirche
Gleitschnee 13.6. 18 2
Gleitschnee am 13.6.2018 im Aufstieg zum Waltenberger Haus. Schmelzwasser auf lehmigen Boden hat zu dieser „warmen Gleitschneelawine“ geführt.

Gleitschnee 13.6.18

2020-01-05 Gleitschnee [Kristian Rath] (5)
Gleitschneeriss am 5.1.2020 an der Heubatspitze bei Bad Hindelang
Gleitschnee Immenstädter Horn 20.01.2019
Buchenlaub in lückigen Wäldern ist ein idealer Untergrund für Gleitschnee.
Gleitschnee Kleiner Daumen
Kammnaher Gleitschneeanriss an der Heubatspitze
Gleitschnee Jochstraße
Auch Verkehrswege waren gefährdet. Hindelang-Oberjoch im Febr. 2019
Eine angepasste Bauweise, sprich den bergseitigen Giebel im Hang versenken und im Herbst den Kamin abnehmen, verhindert Lawinenschäden.
Ebenfalls eine angepasste Bauweise

Immer an der gleichen Stelle?

Gleitschneelawine 2018 an der Kanzelwand
Gleitschneelawine 2020 an der Kanzelwand

 

 

Buchenlaub in lückigen Wäldern ist ein idealer Untergrund für Gleitschnee.
Auch in tiefen Lagen (750 m) bedrohen Gleitschneelawinen die Verkehrswege. Dez. 2017

Forschung zu Gleitschnee.

Gleitschneelawinen stellen Lawinenwarndienste und Sicherheitsverantwortliche, insbesondere von Verkehrsinfrastrukturen, jeden Winter vor große Herausforderungen. Eine Kombination aus teilweise lang andauernder Gefährdung, großen Unsicherheiten bei der Vorhersagbarkeit und fehlenden Möglichkeiten für Kontrollmaßnahmen ist hierfür die Ursache. Der Prozess des Schneegleitens und die sich daraus entwickelnden Gleitschneelawinen sind bisher relativ wenig untersucht worden. Der Winter 2011/12 hat eindrücklich die bestehenden Wissenslücken aufgezeigt. Ein ungewöhnlich trockener, sonniger und warmer Herbst 2011, gefolgt von einem schneereichen Frühwinter hatte vor allem auf der Alpennordseite zu einer außergewöhnlichen Gleitschneeaktivität mit vielen Sachschäden und Unfalllawinen geführt. (Sebastian Feick)

Sebastian Feick. Tageszeitliche Verteilung kalter Gleitschneelawinen. Eine Häufung ist vor allem am Mittag zu erkennen. Allerdings zeigt die Grafik, dass zu jeder Tageszeit mit Abgängen zu rechnen ist.

Ich empfehle allen entsprechend interessierten die Arbeit von Sebastian Feick. Allerdings ist damit die Forschung noch lange nicht abgeschlossen.

 Mögliche Gründe für den vermuteten Anstieg der Gleitschneeaktivität nachts

1. Bei der „warmen Gleitschneelawine“ dringt die Feuchtigkeit tagsüber langsam in die Schneedecke ein. Sie erreicht irgendwann, zeitverzögert, den Boden und bildet den bodennahen Schmierfilm meist erst dann, wenn oben die Wärme und die Sonneneinstrahlung nicht mehr wirken, da es inzwischen Nacht geworden ist.

2. Bei der „kalten Gleitschneelawine“ bauen sich in Strahlungsnächten Spannungen durch einen hohen Temperaturgradienten in der Schneedecke auf, die sich irgendwann in Form von Rissbildungen oder Lawinenabgängen entladen.

Diese beiden Punkte stellen keine wissenschaftliche Erkenntnis dar. Es sind Fragen und Vermutungen, die ich hiermit zur Diskussion stellen möchte.

 

 

 

4 Kommentare zu „Achtung Gleitschnee“

  1. Manchen graut offensichtlich vor gar nichts. Um nichts in der Welt würde ich an der Abrisskante Eisklettern gehen. Viel Spaß noch und viel Glück.

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  2. Sehr geehrter Herr Lampatzer,
    gerne möchte ich Ihnen erläutern, warum ich die neue alpine Spielform des Gleitschneeboulderns für mich als Leidenschaft entdeckt habe. Das Anrissgelände war bei diesem Foto direkt an einem sehr flachen Übergang von welchen oberhalb keine weiteren Gleitbewegungen mehr zu erwarten waren. Siehe Foto mit der Unterschrift: „Kammnaher Gleitschneeanriss an der Heubatspitze“ Mich faszinierte bei dieser Aktion vorallem die große Anrissmächtigkeit des Gleitschneemaules. Desweiteren wollte ich mir die Schneedecke vorallem in der Bodenregion ansehen um festzustellen welchen Feuchtegrad die Bodennahenschichten bei diesem Anriss besitzt. Ich danke Ihnen, dass Sie mir weiterhin viel Spaß und Glück wünschen. Auch Ihnen wünsche ich immer das passende Beurteilungsvermögen um das vorhandene alpine Restrisiko maximal gering zu halten.

    Herr Rath,
    Vielen dank für den ausführlichen Bericht. Ich finde die Beurteilung von Gleitschnee auch nicht einfach. Ich denke, dass Ihre Risikoabwägung bei der Tour zum Salober sehr gut analytisch Beurteilt wurde. Ich würde unter einem bereits aufgerissenen und deutlich erkennbaren Gleitschneebeladenen Hang auch keine Brotzeit oder Pinkelpause machen, wenn genau zum Zeitpunkt des Querens der Hang kommt, ist das alpines Restrisiko!
    Die Theorien welche Sie alls mögliche Erklärung haben, klingen meiner Meinung nach plausiebel, vll. lässt sich dies ja weiter erforschen. Vielleicht wäre ja eine Kooperative der Lawinenwarndienste mit dem Slf möglich um dem Thema Gleitschnee weiter auf den Grund zu gehen.

    Mit sportlichen Grüßen
    Julian

    Gefällt 1 Person

  3. Ein paar Gedanken dazu: Bei dem tödlichen Lawinenunfall am Hotel Ammerwald im Februar 2019 durch eine Gleitschneelawine hielten sich die Verunfallten in eher dichtem Waldbereich auf. Die Gleitschneelawine kam von einem Wiesenstück im Wald weiter oben und durchflutete dann den dichteren Wald, wo sich die – wahrscheinlich ahnungslosen Menschen – aufhielten. Besonders seit diesem Lawinenunfall plane ich beim Gefahrenmuster „Gleitschnee“ noch deutlich genauer mit Satellitenkarten oder z.B. Google Earth und mache mir klar, welchen Untergrund die nicht einsehbaren Lawinenhänge oberhalb meiner Route haben und wo möglicherweise besondere Gleitschneeaktivität zu erwarten ist.

    Einige Fragen zu diesem Thema konnte mir auch noch niemand beantworten und zwar:
    1. Wie viel Prozent der Gleitschneelawinen gehen ohne Ankündigung durch einen Riss / ein Gleitschneemaul einfach so „aus dem Nichts“ ab?
    2. Oft beobachtet man in sich gut gestützten Gleitschnee, z.B. bei trichterförmigen Hängen oder bei Hängen mit Gleitschneemäulern, bei denen die Hangneigung nach unten hin rasch abnimmt. Gehen solche gut in sich gestützten Gleitschneelawine deutlich seltener ab?

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