Lawinendrama anno 1769

Lawinenunglücke sind in den Alpen seit ihrer Besiedlung bekannt. Obwohl die Einheimischen weder die Begriffe Altschneeproblem, Abstrahlung oder aufbauende Umwandlung kannten, entwickelten Sie oft ein gutes Bauchgefühl für das Risikomanagement in ihrer Umgebung.  Anders als heute ging kaum jemand zum Spaß in die Berge. Allerdings gab es Fälle, da musste man einfach raus, etwa um das im Sommer am Berg geerntete Heu ins Tal zu bringen. Eine mühsame und gefährliche Arbeit, die man nur auf sich nahm um mit seinem Vieh im Winter nicht zu verhungern.  Anhand der Chronik und meiner Ortskenntnis habe ich versucht ein Unglück beim Heu ziehen zu rekonstruieren.

Die Hindelanger Ortschronik berichtet.Lawinenabgang 1769 Hahn

 

Eine Rekonstruktion

Wir schreiben das Jahr 1769. Die „kleine Eiszeit“ nähert sich ihrem Höhepunkt. Wir können davon ausgehen, dass die Winter kalt und schneereich waren, so wie zuletzt der Winter 2011/-12 oder auch 1986/-87. Die Leute im Tal leben überwiegend autark. Das heißt man ernährte sich von dem, was man auf dem eigenen Grund anbauen konnte. Im Tal gab es damals kleine Getreidefelder, das Vieh trieb man im Sommer auf die Alpweiden. Um selbiges im Winter füttern zu können, wurden so gut wie alle grasbewachsenen Flächen, die  man nicht als Weide brauchte, im Sommer gemäht. Das Heu lagerte man in kleinen Heustadeln oder in Form von Dristen (aufgeschichteten Heuhaufen) um es im Winter, wenn unten das Futter ausging, vom Berg abtransportieren zu können.

Der Hinweis in der Chronik, dass sie einen Schlitten dabei hatten, lässt auf die Tätigkeit des Heuziehens schließen. Wir können davon ausgehen, dass niemand zum Spaß mindestens 700 Höhenmeter mit einem Schlitten aufgestiegen ist. Wintertaugliche Schuhe kosteten damals mehrere Monatslöhne und waren nicht dazu da um sie mit unnötigen Fußmärschen abzunutzen.

Auch die Örtlichkeit lässt legt dieses Tätigkeit nahe. Nordöstlich der Alpe Egg befindet sich die Heubatspitze, deren  geologischer Aufbau südseitig einen guten Graswuchs zulässt, der sich zum mähen eignete. Das Vieh hingegen musste im Sommer das Gras zwischen den Felsblöcken auf dem nordseitigen Hang  gegenüber heraus fressen.

An diesem nordseitigen Hang muss sich das Unglück ereignet haben.  Die Aussage, dass die die Lawine oben am Grat der Pfannenhölzer löste, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Bei der Neuschneemenge, die erforderlich ist, um die Querung zur Alpe Egg und zur Wieslohe zu erreichen, wäre es kaum jemand dort zu Fuß hinauf gestapft. Heuziehen wäre so gut wie nicht möglich gewesen.

Vielmehr glaube ich an ein kaltes Schneebrett.

Karte Egg Wiesloher
Kartenausschnitt mit den beiden möglichen Unfallstellen. In beiden Fällen schattige, nordexponierte Hänge die ggf für ein im Allgäu eher seltenes Altschneeproblem sind.
  • Entweder gleich nach der Waldgrenze, noch vor der Alpe Egg
  • Im Hang zwischen der Alpe Egg und der Wieslohe
Heubatspitze 06.02.2019
Die erste mögliche Unglücksstellung oberhalb der Waldgrenze. In diesem schattigen Hang wäre ein Schneebrett bei einer Altschnee- oder Triebschnee (unwahrscheinlicher)- situation möglich

 

Für die erste Möglichkeit spricht, dass sie dort zwangsläufig vorbei kommen mussten. Für die Zweite spricht, dass es sich um eine idealgeneigte Moränenaufschüttung handelt, diese höher liegt und so gut wie kein Krummholz mehr vorhanden ist. Gegen die zweite Möglichkeit spricht, dass es wenig Sinn macht, Heu an der Heubatspitze zu ernten und dieses dann auf der Wiesloher zu lagern. Allerdings wäre dort ein Schneebrett auch von unten (Fernauslösung) auslösbar gewesen.

Ein Hahn als VS-Gerät

Interessant liest sich die Tatsache, dass man die Verschütteten mit einem Hahn geortet hat. Wie glaubhaft und zuverlässig diese Methode war, sei mal dahingestellt.  Ob es was geholfen hätte, wenn jeder einen Hahn dabei gehabt hätte, um im Falle einer Lawine das Opfer rasch zu bergen?

Sind irgendwo in den Alpen ähnliche Maßnahmen zur Verschüttetensuche überliefert?

Ebenso interessant ist die Betonung des Familienstandes und des ehrbaren Lebenswandel. Auf was man damals so geachtet hat.

 

Weitere historische Lawinenunglücke im Allgäu

 

Hintersteinertal September 1922

Lawineunglücke 1954

 

Aus dem Jahr 1954 werden einige Lawinenvorfälle überliefert: Der Winter 1953/1954 begann sehr mild. Noch am 9. Dezember 1953 war es ungewöhnlich warm, Frühlingsblumen sprossen. Ab dem 8. Januar 1954 setzte Schneefall in einer Stärke ein, wie es die Einwohner vorher nicht erlebt hatten. Binnen 24 Stunden fielen bis zu 2 Meter Neuschnee. Die großen Mengen Neuschnee konnten sich bei den zuvor herrschenden Temperaturen nicht mit dem Untergrund verbinden und die Lawinengefahr spitzte sich zu. (Wikipedia)

Ein Bauernhaus in Gunzesried wurde zerstört

Eine Lawine durchquert Hinterstein

Eine Lawine verschüttet mehrere Personen an der Alpe Schlappold bei Oberstdorf

Eine tödliche Lawine erreicht die Alpe „Melköde“ im Kleinwalsertal.

 

 

Zu diesen Fällen wäre ich an weiterreichenden Information interessiert.

3 Kommentare zu „Lawinendrama anno 1769“

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