Skitouren und Schnee bei andauernder Westwetterlage

Seit Wochen herrscht über dem Alpenraum eine mehr oder wenige anhaltende Westströmung. Ein Sturmtief folgt dem nächsten. Das bedeutet rasch wechselndes Wetter mit der Folge, dass das einzige Beständige am Wetter die Unbeständigkeit ist. Um so erstaunlicher ist es, dass auch hier eine gewisse Regelmäßigkeit festzustellen ist. Nachstehend ein paar Eindrücke der letzten Wochen und Gedanken zum Einfluss auf die Schneedecke.

 

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm

Ein Tief zieht über Mitteleuropa. Da ein Tief sich bekannter Weise gegen den Uhrzeigersinn dreht, wird, wenn es über England liegt, auf seiner Vorderseite Luft aus Süden über die Alpen angesaugt. Es entsteht Föhn. Meist verbunden mit milder Luft, oftmals mit Saharastaub oder auch klarem Himmel an der Alpennordseite.  Es folgen Warm-  und Kaltfront. Das heißt zunächst mal Niederschlag mit hoher Schneefallgrenze, gefolgt von Schnee bis in die Täler. Das passiert dann, wenn das Tief über Deutschland hinweg nach Osten zieht und der Alpenraum auf die Rückseite des selbigen gerät. Nach Abzug der Kaltfront gibt es dann immer eine kurze Phase von sonnigem und kalten Winterwetter. Im Februar 2020 dauerte die Phase selten länger als ein oder zwei Tage, bevor wir wieder auf der Vorderseite des nächsten Tief liegen.11IMG_2613

11IMG_2612

Blick vom Daumen

Harscheisen Hahnenköpfle 10.1.2018
Auf dem Hahnenköpfle im Ifengebiet. Nach Regen bis über die Gipfelregion und anschließenden Frost hat sich die Schneedecke in einen rillenzerfurchten Eispanzer verwandelt.

 

Der Wind ist nicht immer der Baumeister der Lawinen.

Orkanartiger Sturm, und der stete Wechsel der Temperaturen hat die Schneedecke komprimiert. So waren mit der Durchfeuchtung bis über 2500 m hinauf mit der Zeit auch die letzten Reste von kantigen Kristallen am Boden zu Schmelzformen zusammengebacken. Bei den Orkanböen, die im Februar 2020 über die Allgäuer Alpen hinweg gefegt sind, konnten sich auch kaum, die für die Skifahrer so gefährlichen „weichen Schneebretter“ bilden. Das vorherrschende Problem ist seit Wochen Triebschnee. Genauer gesagt, kritische Zwischenschichten im Neuschneepaket oder die Bindung zwischen frischem Triebschnee und der vereisten Altschneeunterlage.

1IMG_2682
Die vorsichtig angelegte Spur vermeidet kurzlebige, aber kritische Triebschneeansammlungen.
1111IMG_2468
Sonnenaufgang auf dem Hohen Ifen. Bei sicheren Verhältnissen und zunehmend schlechteren Schnee oder verspurten Modetouren immer ein dankbares Ziel, da der Großteil der Abfahrt im Pistengelände erfolgt.

Lawine Tilisuna

Die Schneedecke ist mittler Weile so kompakt, dass selbst Gleitschneelawinen kaum noch zu beobachten waren, wie sie sonst in einem eher milden Winter typisch wären.

Die Messstationen des Lawinenwarndienstes zeigten meist leicht unterdurchschnittliche Schneehöhen. Wobei es in diesem Sturmwinter mehr denn je nur eine  ganz lokale Betrachtung ist. Mehr als von der Meereshöhe, ist die Schneehöhe davon abhängig, ob der Föhn und der Westwind den betreffenden Hang erreichen oder nicht. So liegt zum Beispiel in der Birgsau, bei der Talstation der Fellhornbahn seit Weihnachten eine mehr oder weniger geschlossene Schneedecke auf rund 900 m, am Giebelhaus sind es auf 1.000 m fast ein Meter. Gleichzeitig ist der windexponierte Grünten hin und wieder bis auf 1.500 m hinauf so gut wie schneefrei.

Fellhorn März 2020

Schwarzenberg März 2020

Hochgrat März 2020

Saisonsgrafiken zu drei Stationen im Allgäu. Auf allen Stationen ist der Wechsel zwischen Tauwetter und neuen Schneefall zu erkennen. Während die Station Schwarzenberg (Mitte) sogar ein Allzeithoch (seit 2016) für Anfang März ausweist, ist die Schneedecke am windexponierten Alpenrand – Station Hochgrat- (unten) extrem unterdurchschnittlich. Die längste Messreihe gibt es an der Station Fellhorn (oben)

1IMG_2676
1.3.2020. Ein Meter Schnee im ebenen Talgrund im Hintersteiner Tal. Höhe: 1050 m.
Grünten 1.3.2020
1.3.2020 am Grünten. Die rote Linie markiert die 1.000 m. Marke. Exposition Nordwest. Hier konnte die milde Westströmung wirken, mangels abgeschlossenen Tal jedoch keine Starkniederschlagsabkühlung. Trotzdem sind im oberen Bereich die Pistenverhältnisse dank künstlicher Beschneiung gut. c Fotowebcam.eu
Alpgundkopf nach norden
21.2. 2020. Blick vom Alpgundkopf nach Norden. Der Talboden rechts unten im schatten liegt knapp 900 m hoch und ist weiß, während die Schneegrenze rund um Sonthofen bei fast 1.500 m liegt.
Linkerskopf feb 2020
Gleicher Standort mit Blick auf den Linkerskopf
ffP 21.2.
Friday for Powder: 21.2.2020 am Alpgundkopf

Diffuse Strahlung und Föhn

Führen kurzfristig meist zu einer Schwächung der Schneedecke. Ist selbige aber schon stark komprimiert und kompakt, reagiert sie kaum noch auf die Strahlung und den Wärmeeintrag. Außer mit der unangenehmen Folge, dass der Pulverschnee vom Vortag sich in klebrigen Pappschnee verwandelt.

1IMG_2674

1IMG_2673
Gestern noch feinster Pulverschnee, heute Pappschnee. blick zur Krinnenspitze im Tannheimer Tal

Knappe Erklärung zur Diffusen Strahlung.

Der Himmel ist mehr oder weniger bleigrau, die Fernsicht kann dabei gut sein, die Bodensicht im freien Gelände miserabel. Man spürt die Wärmestrahlung der Sonne, sieht sie aber nicht oder nur als milchige Scheibe hinter hohen Schleierwolken.

Die Wolken lassen die langwellige Strahlung durch, verhindern aber die Rückstrahlung von der Schneeoberfläche in den Weltraum, sondern „senden“ die Wärmestrahlung wieder zurück.  Ein Treibhauseffekt entsteht.  Der Schnee wird feucht und pappig.  Der Effekt ist um so ausgeprägter, je höher die rel. Luftfeuchtigkeit ist.  Bei klarem Himmel und niedriger Luftfeuchte kann es selbst bei plus 10 Grad noch Pulverschnee geben.

Wer das Thema vertiefen möchte

und noch ein Link

 

Einheimischenwissen unbezahlbar.

Einheimischenwissen und spontane Entscheidungen sind bei dieser Wetterlage das A und O wenn man guten Schnee genießen möchte. Natürlich auch die Wahl eines entsprechenden Ziel, mit der Möglichkeit frische Triebschneeansammlungen zu umgehen, einem Plan B oder auch Verzicht.

111IMG_2620
13.2.2020. Ein kurzes Schönwetterfenster am Daumen. Bereits wenige Stunden später folgte die nächste Warmfront mit Tauwetter und Sturm
1IMG_2693
Schneck. Febr. 2020

 

Abfahrt Schneck

Drei Tage im Spätwinter

28.2.  29.2 . und 1.3. 2020

Nach dem Sturm = vor dem Sturm, während des (Föhn)sturm, nach dem Kaltfrontdurchzug.

Toreck 28.2.2020

1IMG_2673

Abfahrt Schneck 2

Immer wieder Freitag…..

Das war die Regelmäßigkeit im Februar 2020. Meist war Freitag der beste Tourentag mit Pulverschnee und Sonnenschein.

Fällt der Winter aus und ist das jetzt der Klimawandel?

Ein einzelner zu warmer milder Winter ist kein Beleg für den Klimawandel. Viele hintereinander schon. Eine kurze Rückschau aus meinem Gedächtnis:

76/77 schneereich und kalt

82/83 schneereich und kalt

84/85 sehr kalt und sehr wenig Schnee

85/86 schneereich und kalt

87/88 mild und kaum Schnee bis Mitte Feb, dann Rekordschneefall, in Summe recht mild

89/90 mild, kein Schnee Totalausfall

98/99 Rekordschneefälle

06/07 mild, kaum Schnee, fast ein Totalausfall

11/12 sehr schneereich und zudem sehr kalt

11/13 sehr schneereich

18/19 mild, teilweise Rekordschneefall

Gemäß meiner subjektiven Wahrnehmung hat es früher weniger oft oder gar nicht im Hochwinter bis über 2000 m hinauf geregnet. In den letzten Jahren kam das ab und zu mal vor.

Nun verlassen wir wieder die Welt der subjektiven Wahrnehmung und dem Spannungsfeld zwischen Klimawandelleugnung und -hysterie.

In einem derartig von Sturm geprägten Winter ist die Schneebedeckung extrem unterschiedlich. Stau- und Leeeffekte, Starkniederschlagsabkühlung und Föhn, Kaltluftseen und Inversionslagen wirken oft nur sehr lokal und spielen dafür oft eine größere Rolle als die Meereshöhe. Der Winter fällt nicht aus, nur weil die Süddeutsche Zeitung das behauptet, und er ist nicht schneereich, nur weil in einem windberuhigtem Talende in Süddeutschland ein Meter auf 1.000 m liegt.

Etwas seriöses zum ‚Thema: Zamg Studie Schneehöhen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s