Kommende Schneedeckenentwicklung- Es kommt drauf an, was Drunter ist.

Der erste, nachhaltige Schneefall der Wintersaison ist oft entscheidend dafür, wie sich der Schneedeckenaufbau in der kommenden Saison entwickelt. Natürlich auch in Verbindung mit dem Wetterverlauf vor und nach dem ersten dauerhaften Schneefall. Ganz wichtig: Es kommt darauf an, was drunter ist, sprich auf welche Unterlage es schneit

 

In Oberstdorf fielen imNovember 2020 nur 26 ltr pro m² anstatt den üblichen 119
Niederschlagskarte für Österreich im November 2020. Im Alpenraum fielen rund 20% der üblichen Menge

Die Frage, die sich stellt ist, ob uns eine bodennahe Schwachschicht droht? Das kann durchaus passieren, denn die Voraussetzungen für ein ausgeprägtes Altschneeproblem waren in den vergangenen Wochen günstig.  Im Groben verlief die Wettersituation fast in den gesamten Alpen wie folgt. Nach einem heftigen Wintereinbruch im September folgte ein teils nasskalter Oktober mit weiteren Schneefällen in den Hochlagen und ein viel zu warmer und fast niederschlagloser November.

Zunächst mal bildete sich eine, für die Jahreszeit schon sehr mächtige Unterlage, die allerdings bis Mitte November südseitig bis deutlich über 3000 m wieder dahingeschmolzen ist. Schattseitig konnte sich der Septemberschnee oberhalb von 1800 bis 2300 m halten.

Mitte November 2020 im Allgäu. Die Reste des Septemberschnees. Nordseitig liegt oberhalb von 2000 m eine halbwegs geschlossene Scheedecke. Meist ist diese Steigeisenhart und stellt somit eine eher günstige Unterlage für künftige Schneefälle dar.

Spannend ist nun, was mit dem verbliebenen Septemberschnee passiert ist. Wurde der durch die hohen Novembertemperaturen fest und hart oder hat er sich zu kantigen Kristallen und Schwimmschnee aufgebaut?

Am 20.11.2020 gab es den einzig nennenswerten Novemberniederschlag, der bis auf rund 1000 m als Schnee fiel und schattseitig liegen blieb. Dieser Schnee lag dann in den Allgäuer und Lechtaler Alpen meist auf dem noch nicht gefrorenen Boden, teils aber auch auf den Resten des Septemberschnees. Es folgten klare Nächte mit einer kräftigen Abstrahlung. Die Oberflächentemperatur lag oft um die minus 15 Grad, die Lufttemperatur  um den Gefrierpunkt. Bei rund 10 bis 20 cm Neuschnee bedeutetet das einen enormen Temperaturgradienten, der die aufbauende Umwandlung fördert.  Sprich der Temperaturunterschied zwischen dem warmen Boden und der kalten Oberfläche ist auf wenigen cm enorm.

Eine dünne Schneedecke, eine niedrige Oberflächentemperatur bedingt durch eine klare Nacht und geringe Luftfreuchtigkeit führen zu einem großen Temperaturgradienten auf wenigen cm. Die Folge: Der Schnee war bereits nach einem Tag kantig aufgebaut. Blick aus der Peischelgruppe in die Lechtaler Alpen 21.11.2020
28.11.2020. Blick vom Gimpel ins Tannheimer Tal. Die Südseiten sind aper bis in die Gipfelregionen. Schattseitig liegt kantig aufgebauter Schnee in allen Höhenlagen.

Bis Anfang Dezember war die Situation im Alpenraum fast überall gleich. Nachdem nun die Südalpen im Schnee versunken sind, während Teile der Nordalpen nur kosmetisch angezuckert wurden, stellt sich die Frage, wie man diesem Voraussetzungen umgeht. Lukas Ruetz hat die physikalischen Hintergründe der Schwachschichtbildung gut dargestellt. Lesenswert! Nachstehend noch die pratische Bedeutung.

29.11. 2020. Sonnenuntergang am Besler, Allgäuer Alpen

Fazit für die Praxis.

 

Es ist wichtig, zu wissen, wo vor dem endgültigen Zuschneien schon Schnee lag und wie dieser beschaffen war.

Schnee- und Lawinenkunde sind dynamische Prozesse. Das bedingt laufende Beobachtung der Situation. Wir stellen die Situation fest, denken nach, wie es sich entwickeln könnte und prüfen durch Schneeprofile nach, ob es so, wie vermutet eintritt.

Grob gesagt: in dem rot umrandeten Bereich hat es auf die aufgebaute Unterlage soviel geschneit, dass Lawinen möglich sind , aber auch so wenig, dass die Schicht noch aktiv zu stören ist.

Wie schaut es jetzt aus? Am Nordalpenrand, insbesondere östlich von Inn und Salzach liegt im Allgemeinen zu wenig Schnee für Lawinen. In den Südalpen wird nach Setzung der enormen Schneemengen, die kritische Schicht an den meisten Stellen, so tief liegen, dass sie kaum noch gestört werden kann, wenn sie nicht durch das Eigengewicht der Schneedecke zusammen gepresst wird.

Als längerfristig kritisch sehe ich den Bereich an, an dem es noch kräftig auf den aufgebauten Schnee geschneit hat, aber eben nicht so viel, dass die  bodennahe.Schicht nicht mehr gestört werden kann. In diesen Bereichen werde ich mich im kommenden Winter sehr zurückhaltend bewegen.

Denken wir daran: Altschnee ist das heimtückischte Lawinenproblem.

Aber das ist, wie gesagt eine wahrscheinliche Annahme. Die Arbeit der Lawinenbeobachter wird zeigen, ob es auch so kommt.

 

 

4 Kommentare zu „Kommende Schneedeckenentwicklung- Es kommt drauf an, was Drunter ist.“

  1. Wirklich sehr wertvolle Infos. Vielen Dank dafür!
    Ich hätte da noch einen thematischen Wunsch für einen zukünftigen Post: Einfluss des Untergrundes auf die Lawinentätigkeit. Im Groben (und v.a. in der Theorie!) bin ich dazu natürlich in der Literatur bereits fündig geworden. Im Detail und wie sich das auf praktische Entscheidungen im Gelände auswirkt, habe ich jedoch noch nicht die Infos gefunden, nach denen ich suche: Was mich als Wahl-Allgäuer hier v.a. interessiert ist etwa die Stufung von Grashängen (Stichwort: Viehgangeln) und deren Effekt. Ab welcher Schneehöhe und bei welcher Schneeart (nass/trocken) macht sich die Stufung in welcher Hangneigung wie bemerkbar? Eine ähnliche Frage stellt sich mir bei Latschenhängen. Ab welcher „Überhöhung“ der Schneedecke gegenüber den (vielleicht unter der Schneelast ohnehin schon stark komprimierten?) Latschen spielen diese für eine lawinenkundliche Beurteilung keine Rolle mehr? Sind Grundlawinen bzw. Gleitschneelawinen in Latschenhängen überhaupt möglich? Vielleicht ist es ja wirklich so trivial, wie ich es mir vorstelle, aber ein fundierter Artikel dazu würde mich dennoch sehr interessieren.

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