Linkerskopf – Wann passen die Verhältnisse?

Die Skitour zum Linkerskopf ist die Königstour unter den Allgäuer Skitouren. Steil, gefährlich und voll spektakulärer Ausblicke. Die Route weißt selten gute Verhältnisse auf und sie ist nicht jedes Jahr möglich (zumindest nicht mit einem verantwortungsvollen Risikomanagement) Aber es lohnt sich zu warten auf einen der seltenen Tage, an denen alles stimmt und dann spontan frei zu nehmen. Doch wann passen die Verhältnisse eigentlich?

Zugegebener Weise ist es selbst für Einheimische nicht ganz leicht den Idealtag für diese Skitour zu erwischen, den der Linkerskopf weist eine kleinklimatische Besonderheit auf, die leider oft ungünstig wirken.

So kam es dann auch, dass am 23. Und 24. März in der Allgäuer Tourenszene der eine oder andere neugierig den Berg mit dem Fernglas betrachtete um zu sehen, ob es einer schon gewagt hatte. Leider ist der Berg auf der Fellhornwebcam verdeckt und die Webcam vom Birgsauer Hof ist von der Qualität zu schlecht. Es wurde fleißig hin und her geschrieben und telefoniert: „muischt des basst schu“.. „isch schu gschpuret?“ Nach der ersten Spur setzte dann der Run ein. Ich habe mich allerdings der den Gr. Wilden entschieden, was sich ebenfalls als Glücksgriff heraus stellte

Der Linkerskopf ist dem Allgäuer Hauptkamm nordwestseitig vorgelagert und somit, da in der Hauptwindrichtung kein höherer Berg im Weg  steht, den Winterstürmen voll ausgesetzt. Die knapp 700 Meter hohe Nordwestflanke ist  selbst in schneereichen Wintern häufig nur unzureichend eingeschneit und zudem oft hart und windgepresst.

Nur an wenigen Tagen ideal

Erst im Spätwinter, wenn die Atmosphäre langsam in den Sommermodus schaltet, fällt der Schnee nicht mehr nur aus Fronten mit viel Wind – sondern vor allem aus konvektiven Wolken mit kaum oder gar keinem Wind, aus der Vorstufe von Gewitterwolken sozusagen. Schneekristalle werden nur aus konvektiven Wolken oder aus Nebel  so richtig fluffig. Aus Frontniederschlägen gibt es sowas selten, weil sie schon in der Luft vom Wind zerstört werden. Eine Ausnahme bilden jene ganz schwachen Staulagen, die hin und wieder dem unmittelbaren Alpenrand ein paar Zentimeter Neuschnee bringen. Erst nach solchen Wetterlagen liegt ausreichend Schnee in der Nordwestflanke.

  • Es muss also 20 -30 cm ohne Windeinfluss geschneit haben.
Abfahrt vom Linkerskopf im Bereich der Enzianhütte. Wenn man es so erwischt, hat man alles richtig gemacht.

Der Linkerskopf – ein „Spätfirner“

 

Die nordwestseitige Ausrichtung der Skiroute macht den Linkerskopf zu einem ausgesprochenen Spätfirner. Im Gegensatz zu manch anderer Tour, wird die Skitour zum Linkskopf selten zu einem Wettlauf mit der tageszeitlichen Erwärmung. Ganz im Gegenteil. Manch einer wartete am Gipfel schon vergeblich auf Firn und ist dann die knochenharte Flanke mit hoher Absturzgefahr heruntergerattert oder mit Steigeisen an den Füßen wieder abgestiegen. Die sonst so idealen kalten Frühlingstage eigenen sich daher nur, wenn noch mit Pulverschnee zu rechnen ist. .

 

  • Nicht zu früh unterwegs sein

     

    Lawinengefahr – „alls was nix isch“

    Die Querung unter der Enzianhütte stellt lawinentechnisch die Krux des Aufstiegs dar. Rund 40 Grad steil, nach unten nicht abgestützt und bis in den Spätwinter hinein ohne Sonne. Dazu kommt als lokaler Effekt häufig eine „Spindrift“ aus den darüber liegenden Felswänden, die gerne kleinräumige Schneebretter entstehen lässt, die aber in diesem Gelände fatale Folgen haben können. Der glatte Untergrund ist zudem eine ideale Rutschbahn für Gleitschnee. Letzterer stellt aber auf Grund der schattigen Lage nicht  das Hauptproblem dar.

     

    Was hat es mit der Spindrift auf sich?

    Die Querung unter der Enzianhütte ist häufig von kleinräumigen Verfrachtungen betroffen
    Die Passage zwischen Petersälpele und Enzianhütte

    Bei einer  gut gesetzten, hochwinterlichen Pulverschneedecke kann man die Querung verantworten. Streicht allerdings Wind (Insbesondere Südwind) über das Plateau bei der Enzianhütte, wird von dort Pulverschnee über die Felsen hinab geweht und bildet dort kleine, störanfällige Triebschneeansammlungen. In diesem Gelände kann das Auslösen einer solchen zum Absturz führen.

     

    Erkennbarkeit

    An den Tagen vor der geplanten Tour die Messstation Fellhorn beobachten. Es sollte kein Föhn und kein Südwind erkennbar sein. Vor Ort natürlich prüfen ob fester, gebundener Schnee  lockeren Pulverschnee überdeckt. 

     

    Wann passt die Tour nun?

    Sie passt nicht jedes Jahr. Bei einer anderen Gefahrenstufe als 1 passt sie i.d.R. auch nicht. Meist trifft man die besten Verhältnisse nach einem windarmen Schneefall im Februar oder März an. Der Pulverschnee hält sich hier oft erstaunlich lange. Als Firntour meist erst ab Ende April, wenn auch die Querung unter der Enzianhütte tagsüber auffirnt. Dabei ist aber zu beachten, dass dies meist erst am Nachmittag der Fall ist.

    Bei Durchfeuchtung, Triebschnee und Gefahrenstufe 2 und größer. Definitiv Finger weg

  • Die Tour in Kürze
  • Karte: Alpenvereinskarte Allgäuer-Lechtaler Alpen West 2/1 http://www.bergzeit.de/dav-av-karte-2-1-allgaeuer-lechtaler-alpen-west-001/?affsrc=henkatenk&gclid=CLWF8L6kssQCFQbkwgodD58AQA

    Führer: http://www.panico.de/buecher/skitourenfuehrer-snowboardfuehrer/skitourenfuehrer-allgaeu.html

    Hütten: Kein offener Stützpunkt auf der Tour

    Ausrüstung: Normale Skitourenausrüstung, zusätzlich Steigeisen und Pickel

    Geeignet für wen? Erfahrene Skibergsteiger, die ich auch im unverspurten Hochgebirge zurechtfinden und Hänge bis zu 45 Grad Neigung sicher befahren können und die vor allem warten können, bis es wirklich passt.

    Persönliche Einschätzung bei Lawinenwarnstufe:                                    2             3             4             5

  • Die Gipfelflanke des Linkerskopf gesehen vom Roßgundkopf
    März 2017 mit Stefan auf der Enzianhütte und auf dem Linkerskopf
    Immer höher die Gipfelflanke hinauf
    Der Gipfelbau. Bei gutem Schnee zu Fuß meist kein Problem. Ist die Schneedecke dünn, so tritt plattiger, abwärtsgeschichteter Mergel zu Tage. Dann ist diese Passage auch mit Steigeisen noch heikel.
    Blick auf das bekannte Allgäuer Dreigestirn

     

    Die letzten Spitzkehren, bevor man auf Steigeisen wechselt
    Zu Fuß geht es weiter
    Die letzten Meter
    Eine Lawine hat die Enzianhütte umspült

10 Kommentare zu „Linkerskopf – Wann passen die Verhältnisse?“

  1. Hi Hermann, mehr Information ist gemeint, nicht mehr Spektakel a la K2.

    Ich habe mehrtägige Lawinenkurse hinter mir, alles an einschlägiger Literatur gelesen und bin doch nicht in der Lage Touren wie den Linkerskopf anzugehen allein weil ich nie sicher bin mit meiner Beurteilung richtig zu liegen.

    Die Details die Kristian teilt, könnten mir schon mal das Leben gerettet haben deswegen: mehr davon 🙂

    Frage: war es zu verantworten am 08.04 bis 14:00 die Tour aufs Ochsenloch zu machen? Der Pulver lockte einige an, der 3er hielt andere ab…

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    1. Am 7. hatten glaube ich Neuschneefälle eingesetzt, kommend von einer Warmphase und bestens gesetztem Altschnee. Von warm kommend, verbindet sich der Neuschnee oft ganz OK auf dem Altschnee. So weit ich mich entsinne war der Windeinfluss (NW) im allgäu nicht so intensiv, eher so bis 25 – 30 km/h. Am 8. fuhr ich das erste mal Iseler Nordostrinne ab, und hatt dort keinerlei ungutes Gefühl. Eine Geländerippe schirmt hier den NW Wind etwas ab, der Schnee war dort windarm gefallen und ich bemerkte keinen beunruhigenden Triebschnee auf der Route. Ich hätte am 08. mit Sicherheit niemals so eine Tour wie Ochsenloch (war noch nie da) versucht. Aber Gefahrenbereich war an dem Tag Nord bis Südwest, knapp daneben. Frontal anliegender NW Wind verpresst den Wind und treibt ihn etwas den Hang hoch. Schwachschichten oder relevante Härteübergänge sollte es nicht wirklich gegeben haben. Ich kann nicht abschließend beurteilen, wie riskant Ochsenloch war, denke aber, dass es möglich ist, dass jemand ausreichend Einblick und Taktik haben könnte, die Tour anzuspuren, ggfs. auch mit erhöhter Risikobereitschaft. Was irgendwer macht, ist auch uninteressant, wichtig ist, dass man das was man selber macht, abzusichern im Stande ist, ansonsten Nein, Aus, Stopp. Am 09. herrschte nominell immer noch ein 3er, 50 m über den Kamm in Tirol aber ein 2er. Ich war aufgrund meiner Beobachtungen und Einschätzung der Meinung dass auf einer sinnvollen Route zum Kreuzkopf über Prinz Luitpold Haus kein 3er herrsche, sondern ein 2er, und kein extrem ungünstiger (z.B. gut verfestigter Altschnee, weniger Schnee gefallen als der Prognose des LLB zugrunde lag). Somit spurte ich Kreuzkopf vorsichtig ein, der bei 3er todgeiler 3er ist, und war zufrieden. Hochvogel wurde an dem Tag gemacht via PLH. Am 23. sah ich übrigens die vier Spuren im Linkerskopf und bei Enzianhütte vorbei. War ein Traum Tourentag in den Hochlagen, auch wenn der Schnee unten sonnseitig natürlich mittags schwer wurde.

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      1. Klasse Antwort.

        Deine Überlegungen decken sich mit meinen für die Tage.
        Nur dass ich für mich entschieden habe dass mir das Risiko zu groß ist: todgeiler 3er und ich bin der Meinung dass die statistische Bandbreite so groß ist dass ich hinterher nicht sagen könnte dass ich überlebt habe weil meine Beurteilung richtig war oder weil ich Glück hatte.

        Das soll jeder handhaben wie er meint, ich verurteile da niemanden.

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  2. Eine kurze Reminiszens : die 1. Skibefahrung des Linkerskopf führten Ende der 60-er Jahre die Oberstdorfer Vogler Franz (ehemaliger Skirennfahrer) und Greil Toni (1. Alleinbegehung der Schneck – Ostwand als Gymnasiast) durch.
    Wolfhard Kössler

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  3. Danke für den Artikel! Ich habe die Tour am 28. März 2020 gemacht, allein, wie es das Gesetz schon damals befahl 😉 Parkplätze gab es ja seinerzeit genug und mit dem Radl konnte ich weit genug hineinfahren ins Tal…
    Eine superschöne Topur, damals mit ideal aufgeweichtem Firn.

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  4. Wir haben am 28.02. die Tour gemacht und waren an diesem Tag nicht die einzigen aber die letzten da wir auf Firn spekulierten. Interessant war dann der Hinweis von zwei (hier nicht namentlich genannten) Oberstdorfern, die uns im Aufstieg in der Passage entgegen kamen, dass wir doch viel zu spät dran wären und uns aufgrund der Lawinengefahr am Nachmittag gut überlegen sollten ob wir wirklich weitergehen wollten. Na ja, selbst mit Firn wurde es an diesem Tag nix: Die Abfahrt war für uns genauso hart wie für die Oberstdorfer. Merke: auch erfahrene Einheimische können mal gewaltig daneben liegen.

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