Lawinenlagebericht: Der Tiroler Standard 3-er

Der durchschnittliche Leser diverser Lagebericht stellt im Verlauf eines Winters fest, dass in Tirol meist Warnstufe 3 „erheblich“ herausgegeben wird. Daran hat man sich mehr oder weniger gewöhnt.

„In Tirol hat´s immer einen 3er, auch wen´s gar kein Schnee hat oder alles bombensicher ist“

Nach der Unfallserie vom 6.2.2016 ist der Streit um die Anzahl und Benennung der Gefahrenstufen entbrannt. Der mediale Druck auf die Lawinenprognostiker steigt nach solchen Ereignissen mit unter ins Unerträgliche. Wie konnte so etwas passieren, wenn es doch nur einen 3er hatte? Das System der täglichen Lawinenlageberichte scheint an seine Grenzen gekommen zu sein.
Die vorgeschlagene Umbenennung der Gefahrenstufe 3 von „erheblich“ auf „groß“ erscheint mir nur ein hilfloser Versuch, dem medialen Druck, jetzt müsse etwas geschehen, genüge zu tun.

Es sollte  auch etwas geschehen.  Vor allem zwei Dinge sind es, die im Argen liegen.

  1. Das ist zum einen das Verhalten der Anwender. Jeder ließt die Gefahrenstufe, doch kaum jemand befasst sich ausgiebig mit dem Text und zieht nach der Lektüre des Textes die richtigen Schlüsse im Gelände. Dabei bieten gerade der Tiroler Lawinenwarndienst als auch das SLF neben dem Lagebericht hervorragende weiterreichende Informationen. Das Problem des „nicht lesen“ kann ganz bestimmt nicht einem Lawinenwarndienst angelastet werden. Es ist auch nicht mit der Umbenennung der Gefahrenstufen zu lösen.
  2. Das andere Problem, ist die Regionaleinteilung in Tirol, sowie der Schwerpunkt des Lageberichts auf die Situation in Zentralalpen südlich des Inns. Gut: Zum einen passiert dort auch regelmäßig am meisten und zum anderen wäre es auf den ersten Blick auch kein Schaden, wenn in einem Land die gefährlichste Situation vordergründig beschrieben wird. Die Gefahr dabei ist die, dass mit der Zeit die Warnung nicht mehr ernst genommen wird, wenn sie in weiten Teilen des Landes unbegründet ist. Hier besteht meiner Ansicht noch ein Potential zur Verbesserung.
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30.01.2016 im Namloser Tal, Ausserfern: Gut sichtbar, die Spuren der Lawinentätigkeit vom Vortag, 29.1.2016. Oberhalb von rund 1800 bis 2000 m herrschten an diesem Tag in diesem Gebiet weitgehend sichere Verhältnisse.

Zum Vergleich nachstehend die Lageberichte von Bayern und Tirol vom 29.1.2016. Sehr wohl weist der Tiroler Lagebericht im Text (wenn man ihn ließt)  auf die Gleitschneeaktivität hin.  Die Beurteilung des Umfangs der Gefahrenstellen, Auslösebereitschaft, Größe und Art der Lawinen und die daraus resultierende Gefahrenstufe, wurde im Bayerischen Lagebericht zutreffender dargestellt.

Lagebericht Tirol

Lagebericht Bayern

Der Tiroler 3er ist nicht weiter ernst zu nehmen

Zu dieser Ansicht gelangte man in diesem Winter (2015/16) rasch, wenn am bevorzugt im Tannheimer Tal und auf den üblichen Touren im übrigen Ausserfern, wie auch in anderen Gebieten nördlich der Linie Kitzbühel-Arlberg unterwegs war. Die einen beurteilen die Lage nach dem bayerischen Lagebericht, bei den anderen schleicht sich die Gewohnheit ein, dass bei einem 3er eben noch fast alles möglich ist. Wegen der üblicher Weise Folgenlosigkeit dieses Verhaltens  wird das eigene Handeln kaum noch kritisch hinterfragt. Ich lese fürs Ausserfern den Bayrischen Lagebericht sagt der Allgäuer. Bei uns kannst du bei einem 3er noch fast alles gehen, sagt der Ausserferner. Wehe dem, der sich mit diesem Verhaltensmuster in ein Gebiet mit Altschneeproblematik wagt.

Der Tiroler 3er ist absolut ernst zu nehmen!

in zentralalpinen Regionen wird die Stufe 3 häufig aufgrund eines Altschneeproblems ausgegeben. Anders als bei Triebschnee, der mit etwas Erfahrung leicht zu erkennen und zu vermeiden ist, bewegt man sich bei einem Altschneeproblem auch bei Sonnenschein wie im dichten Nebel. Man merkt gar nicht, dass man sich in gefährlichem Terrain bewegt, so wie man es nicht bemerken würde, wenn man im dichten Nebel unter einem triebschneeschwangeren Steilhang befindet. Die zahlreichen Lawinenereignisse bestätigen, dass zumindest südlich des Inns, die Gefahrenstufe 3 zurecht vergeben wurde.

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Zentralalpine Altschneeproblematik bis hinein ins Frühjahr. Danke Lukas, für das Foto

Auszüge aus den Betrachtungen von Lukas Ruetz zum Thema Altschnee

Immer öfter wurde der Ruf nach einer Gefahrenstufe 4 in den letzten Tagen lauter. Nur muss man diesen Forderungen leider eine klare Absage erteilen, da es genaue, vereinheitlichte Definitionen der Gefahrenstufen gibt. Und für einen Vierer ist es momentan einfach „zu wenig“. Bei mehr Neuschnee würde er Einzug finden.

Ein latentes Altschneeproblem gleicht einem Minenfeld: wir wissen nicht, wo genau die Auslösestellen von Lawinen sind. Aber wehe dem, der eine solche trifft. Eine eigene Einschätzung zu machen ist schwierig, weil wir die Gefahrenstellen kaum erkennen. Die Anwendung einer statistischen Methode zur Risikobegrenzung (zB Reduktionsmethode) ist in solchen Situationen nützlich, aber nicht hinreichend. Wir sollten sie einhalten, aber nicht bis zum Limit ausreizen.

Fazit

Das erfassen des Textes des Lageberichts und die Übertragung der Informationen ins Gelände ist as A und O.

In Grenznähe ließt man immer beide Lageberichte. Bei Abweichungen ist eine genaue Beobachtung nötig und ggf. eine Eigenbeurteilung nötig.

Wenn in einer Region oder einer Teilregion häufig die Gefahrenstufe und sei es auch nur die Einfärbung der Karte, zu hoch ist, verliert die Warnung an Wirkung.

Eine Aufteilung  der Region 1 und eine zutreffendere Einfärbung  der Gefahrenkarte im Tiroler Lagebericht  wäre wünschenswert.

Region 1
Zwischen beiden roten Linien könnte man R1 teilen. Etwa in diesem Bereich verläuft regelmäßig die Grenze zwischen Alprenrandverhältnissen und der einer Übergangsregion zwischen Alpenrand und Zentralalpen. Der aufmerksame Beobachter wird auch feststellen, dass zwischen den Linien die Zone liegt, in der im Bergwald Buche und Tanne, durch Lärche und Zirbel ersetzt werden.

Eine Abstimmung der Prognostiker diverser Warndienste für ihre Grenzregionen wäre eine zusätzliche Qualitätssteigerung.

Nachtrag:

Es soll mit diesem Aufsatz keinesfalls die Arbeit eines Lawinenwarndienstes in Frage gestellt werden. Sehr wohl aber, will dieser Aufsatz Denkanstöße geben und zwar auf beiden Seiten, der Seite des Nutzers und der Seite der Warndienste

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Ein Kommentar zu “Lawinenlagebericht: Der Tiroler Standard 3-er”

  1. Den aktuellen 3er bzw 2er halte ich dennoch für ziemlich gewagt.
    Es wird kaum gelingen die Nutzer umzuerziehen.
    Da ziehe ich bei der aktuellen Situation die deutlichen Worte der Tiroler und ihre vielleicht etwas hoch gegriffene Stufe deutlich vor.
    Der 3er taugt so einfach einfach nichts – ich halte mich tourentechnisch im Moment total zurück, gleiche Stufe in ein paar Wochen und alle gehen fast überall …

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