Das Zerrbild vom rücksichtslosen Freerider und Tourengeher

Lügenpresse ist ein Begriff, der im Normalfall vom rechtsorientierten Pegida-Ossi verwendet wird. Man darf, soll und muss diesen Begriff aber auch verwenden, wenn die Mainstreampresse subtil ein Zerrbild vom verantwortungslosen, rücksichtslosen Tourengeher und Freerider zeichnet, dass so nicht der Realität entspricht.

Der lebensmüde Freerider/Tourengänger

Am 26.1. 2017 stürzte im freien, alpinen Gelände ein Variantenfahrer in der Nähe der Stütze 6 der Kanzelwandbahn ab und verletzte sich schwer.  Der Skifahrer war eigenverantwortlich im ungesicherten Gelände unterwegs.  Er hat die jedem Menschen unter dem Begriff Wegefreiheit zusammengefassten Rechte gebraucht, wie es der österreichische Gesetzgeber vorsieht. Auf der bayrischen Seite des Berges hätte er im Groben die selben Rechte nach der Bayrischen Verfassung in Anspruch nehmen können.  So wie man eigenverantwortlich leichte, als auch schwierige Berge besteigen darf, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Es liegt in der Natur der Sache, dass alpines Gelände auch gefährlich ist und dass in der Regel niemand anders für die Sicherheit verantwortlich ist, als man selbst.

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Die Kombination des Artikels mit dem Foto eines Verbotschild suggeriert das Bild des unverantwortlichen, rücksichtslosen Freeriders. Den vollständigen Artikel gibt es in der Onlineausgabe der Allgäuer Zeitung.

In der Onlineausgabe der Allgäuer Zeitung erschien zu diesem Vorfall ein Artikel, der meiner Ansicht nach zwar keine Lügen enthält, aber doch auf unschöne, unterschwellige Weise das Zerrbild des verantwortungslosen Freerider zeichnet, der sich und andere in Gefahr bringt. Alleine die Kombination des Artikels mit dem Bild eines Verbotsschildes suggeriert dem Leser, dass sich dort jemand über ein Verbot hinweggesetzt hat, zu Schaden gekommen ist und auf Kosten der Allgemeinheit geborgen werden muss.

Das mit dem obigen Artikel abgebildete Schild  wurde aufgestellt, um es zu unterbinden, dass Skifahrer auf den Speichersee „Riezler Alp“ fahren und dort einbrechen. Wie alle Speicherseen ist auch dieser durch wechselnden Wasserstand und damit einer instabilen Eisdecke geprägt.  Das Schild steht in keinem Zusammenhang mit der vom Verunfallten gewählten Variantenabfahrt.

Qualitätsjournalismus sieht anders aus.

Unbekannter Weise dem Verunfallten eine gute Besserung und ebenfalls unbekannter Weise ein Dank an die Retter für ihren professionellen Einsatz.

Faktencheck.

 

Die Unfälle auf Skitour und beim Variantenfahrer heben sich in der Summe der alpinen Unfälle nicht besonders ab. Als Beispiel möchte ich völlig wertfrei die Unfallstatistik der Bergwacht  Hindelang nennen. Jeder kann sich sein eigenes Bild machen.

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Die Einsatzstatistik der Bergwacht Hindelang. Je nach touristischer und alpiner Infrastruktur kann in anderen Gebieten die Einsatzstatistik auch anders aussehen.

 

Nachtskitouren

Im Januar 2017 haben es plötzlich die abendlichen Skitouren auf die Titelseiten diverser Zeitungen geschafft. Auch hier wird das Zerrbild des rücksichtlosen Skitourengängers gezeichnet, der Raufußhühner traumatisiert und das Wild beunruhigt.

Durch solche Unternehmungen werde die Ruhe der Wildtiere massiv beeinträchtigt, so ein BN-Sprecher. Falls die gewerblichen Anbieter die seit Neuestem durchgeführten wöchentlichen Touren nicht freiwillig einstellen würden, sollte die lokalen Behörden für Forst- und Naturschutz sowie die Waldbesitzer dem Treiben ein Ende setzen. Der BN regt beispielsweise Betretungsverbote und das Einrichten von Schutzzonen an. Besonders im Fokus der Naturschützer: bedrohte Arten wie Birk- und Auerhühner.

Vollständiger Artikel in der Onlineausgabe der Tegernseer Stimme.

Faktencheck

Anstatt einer pauschalen Verurteilung muss man bei einer Nachtskitour unterscheiden wo diese stattfindet. Auf einer freigegebenen Piste am Tourenabend ist diese unbedenklich. Findet diese im freien Gelände statt, ist die Schädlichkeit oder Unschädlichkeit von vielen Faktoren abhängig. Auf einer pistenartig eingefahrenen Modetour oberhalb einer Hütte oder einer Piste sehe ich  ebenfalls kein Problem. Schädlich hingegen ist es, wenn die Skiroute dem Wild den Weg  aus dem Einstand hinaus zu einer Futterstelle abschneidet. Nachfolgend ein paar Beispiele. Der Leser möge mir verzeihen, dass sich diese ausschließlich in den Allgäuer Alpen befinden.

Unschädlich: Grüntengipfel, Sonnenkopf auf üblicher Route, Hochgratgipfel, Ponten übers Güntle (Kältegraben)

Schädlich: Piesenkopf, Bolgental (Weg zur Futterstelle wird abgeschnitten), Tiefenbacher Eck.

Die busweise Anreise der Münchner zu den nächstgelegenen Möglichkeiten sehe ich ebenfalls postitiv. Das bündelt die Massen auf die an diesem Tag freigegebenen Pisten und sorgt für eine umweltfreundliche Anreise. Zudem kann der eine oder andere noch ein zweites oder drittes Bier auf der Hütte trinken, was nicht ginge, wenn jeder einzeln mit dem Auto anreist.

Rauhfußhühner: Um die dreht sich ja alles und tatsächlich. Diese Arten reagieren sehr empfindlich auf (nächtliche) Störungen. Werden sie immer wieder aufgeschreckt, verlieren sie soviel Energie, dass sie irgendwann an Erschöpfung zu Grunde gehen oder eine leichte Beute für Fuchs und Adler darstellen. Hier gilt es, entsprechende Geländestrukturen, wie kuppiertes Baumgrenzgelände mit deckungsreichen Krummholz und abgewehten Rücken zu vermeiden.

Allerdings sind diese Arten nicht durch den (nächtlichen) Skitourengänger in Bedrängnis geraten, sondern durch den Verlust an Lebensräumen. Mit ein bisschen angepasster Routenwahl trägt man schon viel dazu bei, den Stress der Tiere zu vermindern.

Siehe dazu: https://freieberge.wordpress.com/2015/02/18/rauhfushuhner-gar-nicht-so-selten/

https://freieberge.wordpress.com/2015/02/05/die-perfekte-aufstiegsspur/

Ein Artikel dazu in der Allgäuer Zeitung: https://www.all-in.de/nachrichten/rundschau/Trend-Abend-Skitouren-und-Wintersport-bei-Flutlicht-werden-im-Allgaeu-immer-beliebter;art2757,2408118

Fazit:

Man kann darüber streiten, ob das Bild dass die Mainstreampresse über uns Skibergsteiger, Variantenfahrer, Freerider zeichnet, uns egal ist oder ob wir mit Fakten dagegen kontern. Meiner Ansicht nach ist grade im postfaktischen Zeitalter eine Aufklärung mit belegbaren Tatsachen nötig. Wir dürfen den Gegnern unserer Aktivitäten vom Bund Naturschutz und der Jagdlobby nicht die Deutungshoheit über unseren Sport überlassen.Das Bild des lebensmüden Freeriders/Tourengehers lässt sich Anhand der Unfallzahlen leicht widerlegen.

In diesem Zusammenhang würden mich auch die Statistiken anderer Bergwacht/Bergrettungen interessieren.

 

Nachtrag am 3.2.2017

Die Absturzstelle und das Schild, dass gar nicht mit der vom Verunfallten gewählten Route zu tun hat.

 

absturzstelle

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4 Kommentare zu “Das Zerrbild vom rücksichtslosen Freerider und Tourengeher”

  1. Ich kann keine differenzierte Einschätzung von irgendeinem Journalisten anhand einer knappen Unfallmeldung erwarten, ob (un)verantwortlich gehandelt wurde. Die alte Leier, dass es abseits der Piste (für Unbedarfte) ganz gefährlich werden kann ist doch ein gültiger Allgemeinplatz, der genauso in einem niedrigschwelligen Breitbandmedium kommen muß.

    Ich hatte den Artikel auch gelesen, und mir ist nichts negativ aufgefallen. Ich habe selber versucht eine Einschätzung vorzunehmen, anhand der spärlichen Fakten.

    Ein Skifahrer um 16.30 Uhr runtergefallen, ein Snowboarder hat sich an einem kleinen Bäumchen festhalten können, hm, naja… Irgendwie dumm gelaufen.

    Die gezeigte Unfallstelle bekräftigt meine Zweifel, wieso man eigentlich auf so eine Geländekante zufährt, und dann auch darüber hinwegfährt.

    Ich bin selber zu viel Schandtaten bereit, auch zu den absonderlichsten Uhrzeiten, und mir kann mit (manchmal wenig) Pech auch immer mal wieder was passieren.

    Eine „Wertung“ kann anhand der minimalen kolportierten Fakten nur unqualifiziert unter Vorbehalt erfolgen.

    Aber mir kommt es so vor, als ob hier irgendwas bei der Planung und Durchführung suboptimal abgelaufen ist. Irgendwas fehlte, und wenn es das Glück war, dass man in einer (oft selbstverschuldeten) Situation dann dringend braucht um ungeschoren davonzukommen.

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  2. PS: Wobei man natürlich einen großen Fehler macht, wenn man sich vom Glück abghängig macht.

    Bei so einer geschilderten Situation (in die man schnell selber kommen kann, hatte das selber schon), stelle ich in den Raum:
    – Hat man das Gelände/Route ausreichend geplant?
    – Hat man Orientierungsmittel?
    – Hat man Stirnlampe (nimmt den Zeitdruck)?
    – Hat man warme Klamotten (nimmt den Zeitdruck)?
    – Hat man Hilfsmittel um sich spontan Halt zu verschaffen?
    – Geht man überhastet vor?
    – Treibt man sich in der Gruppe an?

    Gerade bei diesen Punkten versuche ich mich gut abzusichern. Während ich eben bei anderen Punkten mehr Risiken auf mich nehme:

    – Dunkelheit
    – Alleinsein

    Mir fällt übrigens durchgehend auf, dass die Medien viel weniger Werturteile über Bergsteiger abgeben, als die Bergsteiger untereinander. Absolut kein Vergleich.

    Bergsteiger untereinander kommen mir noch stutenbissiger, wettbewerbsorientierter und missgünstiger vor, als die Menschen im Tal.

    Für mich ein weiterer Grund zu noch kompromissloserer Eigenverantwortlichkeit.

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  3. Also ich weiß nicht…wenn man den beiden Jungs Leichtsinn unterstellt, liegt man sicherlich nicht weit daneben. Was da die AZ alles sonst noch so „subtil“ unterstellt, mag jeder selbst für sich entscheiden, aber in diesem Zusammenhang mit Begriffen wie „Lügenpresse“ zu hantieren geht mir zu weit. Hier hat jemand das Haar in der Suppe gesucht und gefunden. Es ist ja schön, wenn du den Irrtum mit dem Schild bemerkt hast, aber dann schreib das doch einfach der Zeitung, am besten als Leserbrief. Hätte auch nicht mehr Zeit gekostet als der Blog hier und hätte mehr Aufklärung erreicht.

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