Nach der Schneekatastrophe – Wie konnten wir das nur überleben?

Die Schneekatastrophe ist vorbei, die Lawinengefahr ist rückläufig, nach und nach wurden die gesperrten und verschütteten Straßen und Pisten wieder frei gegeben.

  • „Schneehexe schluckt Deutschland“
  • „Frau Holle dreht durch“
  • “ Schneewalze überrollt die Alpen“
  • „Österreich von der Außenwelt abgeschnitten“
  • „Extremste Lawinengefahr“

 

Wie konnten wir das nur überleben und dabei sogar abseits gesicherter Routen  auf Skitour gehen? Klar,  gewöhnlich war die Situation nicht, aber weit entfernt von einem Jahrhundertereignis oder einer Katastrophe.

Wie ungewöhnlich ist/war die aktuelle Schneelage?

Tabelle mit Genehmigung von http://www.oberstdorfwetter.de/

Im Laufe des 10.1.2019 wurde in den Tallagen des Allgäus, in Hindelang und Oberstdorf die Metermarke knapp überschritten. Dieser Meter blieb uns zwei bis drei Tage erhalten, bevor eine deutliche Setzung stattgefunden hat. Lt. Angeben des DWD kommt das in Oberstdorf zwei bis drei mal pro Jahrzehnt vor. Zuletzt 2004 und 2012, während der Meter in den Jahren 2005 und 2013 knapp verfehlt wurde.  An weitere, ähnlich schneereiche Winter kann ich mich erinnern, ohne dies allerdings mit Daten belegen zu können: 1982, 1984, 1986, 1988 (hier begann der Winter erst im Februar und es gab zahlreiche Schadlawinen) und 1999 (der schneereichste Winter in meiner Erinnerung). Also kein regelmäßiger Zustand aber doch nicht völlig ungewöhnlich.

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Am Riedbergpass im Februar 1999. Damals lagen auf der Passhöhe fünf !! Meter ehrlich gemessener Schnee. Aktuell (Jan 2019) sind es gut zwei Meter
hindelamng marktstraße
9.1.2019. Wintermärchen in Hindelang

Blick über den Tellerrand.

Weiter in östlich, also im Berchtesgadener Land, im Osten Nordtirols, in Salzburg und der Steiermark hat es zum Teil deutlich mehr geschneit. Wobei die Neuschneesumme wegen der Setzung und der Schmelzverluste nicht mit der Gesamtschneehöhe verwechselt werden darf. Sehr interessant dazu ein Artikel der ZAMG: Klick

Während 300 cm Neuschnee  (nicht Gesamtschneehöhe) vom 1. bis zum 15. 1. eines Jahres in Schröcken/Vorarlberg statistisch einmal pro fünf Jahren vorkommt, stellt die selbe Schneemenge in vielen Orten im Osten Österreichs oder in Berchtesgaden einen Rekord dar. Bebauung, Straßenführung usw. sind weniger auf diese Mengen eingestellt. Somit liegt es nahe, dass man dort eher von einer Katastrophe spricht.

Die Folgen

 

Nicht alleine die Gesamtschneehöhe, sondern die Zeit in der der Schnee gefallen ist und der Schneedeckenaufbau sind entscheidend, wie bedrohlich die Situation wirklich ist. In der Regel wird das von der Lawinenkommission beurteilt. (Siehe hierzu: gesperrt Lawinengefahr) Zahlreiche Wege, Pisten und Nebenstraßen wurden in den nördlichen Ostalpen gesperrt. Zudem auch einige Hauptstraßen, wie die Felbertauernstraße und der Fernpass, sowie im Allgäu der Riedbergpass und das Oberjoch, letzteres zum ersten mal, seit ich mich daran erinnern kann.  Selbst kam ich an einem Tag schneebedingt zu spät zur Arbeit, da die Seitenstraße in der ich wohne früh nicht geräumt war und die Fahrt nach fünf Metern zu Ende war, bis der Schneepflug kam.

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Mitte links im Bild ein zugeschneites Auto in Hindelang. Wenn Touris bei solchen Verhältnissen ihr Auto stehen lassen, ist das löblich. Manche sind in der ungewohnten Umgebung schon ohne Schnee überfordert. Ob die Schneelast den Stoßdämpfern gut tut, sei dahin gestellt.

Durch Selbstauslösung oder Sprengung gingen zahlreiche große Lawinen ab, von denen einige Sachschaden im Wald und auch an Gebäuden angerichtet haben. So wurden z.B. in Balderschwang ein Hotel beschädigt.

In einigen Landkreisen in Oberbayern wurde Katastrophenalarm ausgelöst.

Leider gab es auch Tote.

https://www.vol.at/vorarlberg-vierter-vermisster-skifahrer-in-lech-gefunden/6063417

https://www.jagderleben.de/news/toedlicher-unfall-lawine-verschuettet-jaeger

https://www.polizei.bayern.de/oberbayern/news/presse/aktuell/index.html/290795

 

Mein Beileid den Hinterbliebenen.

Da ich nur im Fall Lech das Gelände grob kenne und sonst weder Kenntnisse des Geländes und der tatsächlichen Situation vor Ort habe, spare ich mir hierzu weitere Kommentare.

Blinder Aktionismus

Ich habe durchaus den nicht messbaren Eindruck, dass heute wegen fast nichts ein ziemlicher Aktionismus gestartet wird. Gerade zu lächerlich erscheint es, dass in Lindau und Memmingen, also  im schneearmen Alpenvorland, wegen einem Hennenschiss voll Schnee die Schulen geschlossen wurden. Bei viel, viel größeren Schneemengen fand an diesen Tagen in Hindelang, im Kleinwalsertal, in Oberstdorf, in Jungholz in Wertach der Unterricht planmäßig statt.

In den 80ger Jahren kamen wir gar nicht auf die Idee, dass wegen 30 oder 40 cm Schnee der Unterricht ausfallen könnte. An so etwas lässt sich durchaus ablesen, welche unfähigen Entscheidungsträger heute in den entsprechenden Stellen sitzen, zumal wir heute bessere Kleidung und bessere Schulbusse haben.

Mein ebenfalls nicht messbarer Eindruck ist, dass heute schneller und anhaltender etwas gesperrt wird oder ein Aufstand wegen fast nichts losgetreten wird. Ein Beispiel hierzu ist der Dieselskandal oder der Juchtenkäfer, aber das sind andere Themen.

 

Gefahrenstufe

Warum gab es in Bayern keinen 5er? Warum wurde die Gefahrenstufe am 11.1. 2018 auf 3 herabgestuft.

Die Antwort gibt die EAWS Matrix.

http://www.avalanches.org/eaws/en/includes/basics/basicsImages/EAWS-Matrix_de_LOW.png

Es war in Bayern an den meisten Steilhängen eine Selbstauslösung großer Lawinen (4) wahrscheinlich. Da eine Gefahrenstufe immer für eine Region gilt, z.B die Allgäuer Alpen fehlt es hier schon an der Vielzahl hochalpiner Hänge, die eine Größe 5 Lawine ermöglichen. Hätte man nur für das Hintersteiner Tal und die Oberstdorfer Täler einen Lagebericht herausgegeben, so wäre es wohl Stufe 5 geworden. Gefahrenstellen in mäßig steilen Gelände gab es kaum, alleine schon deswegen, da schon durch das hohe Eigengewicht eine rasche Setzung und Entspannung erfolgte, bei gleichzeitig immer wieder neuen Gefahrenstellen durch den Neuschneezuwachs. Somit ist es auch zu erklären, dass am Freitag, 11.1.2019 nur die Stufe 3 herausgegeben wurde.

Angesicht der eindrucksvollen Lawinen, die an diesem Tag mittels Sprengung ausgelöst wurden, stellt sich die Frage, ob Stufe drei nicht zu niedrig war.

Am Oberjoch waren die meisten Sprengungen negativ, sprich es wurden nur Löcher in die Schneedecke gesprengt. Am Rubihorn ebeno. Wenn die Sprengung allerdings erfolgreich war, dann kam eine gewaltige Lawine zu Stande. Also bei großer Zusatzbelastung die Auslösung von großen Lawinen MÖGLICH. Das jetzt bitte in in die EAWS Skala übertragen.

Kein Mensch postet auf Facebook ein Video einer erfolglosen Sprengung.

 

https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=lqFe7pmwJlk

Eindrucksvolles Video einer mittels Sprengung ausgelösten Lawine bei Oberstdorf.  Wenn man etwas auslösen konnte, dann war es gewaltig.

Skitouren in der Schneekatastrophe

Wer bei Sturm und Schneefall und Stufe 4 auf Skitour geht, sollte wissen was er tut.  Die nachstehenden Empfehlungen sollten beachtet werden.

4 – Groß

Sehr kritische Lawinensituation

Spontane, oft auch sehr große Lawinen sind wahrscheinlich. An vielen Steilhängen können Lawinen leicht ausgelöst werden. Fernauslösungen sind typisch. Wummgeräusche und Risse sind häufig.

Empfehlungen für Personen im ungesicherten Gelände

Sich auf mäßig steiles Gelände beschränken. Auslaufbereiche großer Lawinen beachten. Unerfahrene bleiben auf den geöffneten Abfahrten und Routen. Für wenige Tage des Winters prognostiziert.

Wer Touren wie Wertacher Hörnle, Schönkahler, Grüntenhütte, Gschwender Horn  oder Sonnenkopf unternimmt, ist kein Selbstmörder und mit minimalem Risiko unterwegs. Auch wenn die Medien etwas anderes behaupten.

schlierberg hindelang
Am Schlierberg oberhalb von Hindelang

skitour klank tiefenbacher eck

kapelle am klank 9.1.2019
Kapelle am Klank, bei Hindelang
sonnenkopf 11.1.2019
11.1.2019. Meterhoch liegt der Schnee am Sonnenkopf im Allgäu. Aufziehende Zirren künden von der nächsten Schlechtwetterfront. Ein halber Meter wird in den nächsten Tagen noch folgen.
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Die Hörnergruppe im Allgäu. Ein ideales Skitourenrevier bei angespannter Lawinenlage

Guter Beitrag von Werner Munter

Die Medien

Der blinde Aktionismus der Entscheidungsträger und die sensationsgeilen Medien befeuern sich gegenseitig dabei eine Lage zu dramatisieren. Laut statistischem Bundesamt kamen im Jahr 2017 3177 Menschen im Deutschland im Verkehr ums Leben. Das wären ca. 130 in zwei Wochen. Wie viele Menschenleben hat die Schneekatastrophe im Alpenraum gekostet?

Ohne jede Rücksicht auf die Gefühle der Hinterbliebenen und ohne jedes schneekundliches Hintergrundwissen werden pauschal alle, die sich abseits der Piste bewegen, als Selbstmörder und Idioten hingestellt, was sofort zu einem Shitstorm gegen die Opfer und sämtliche Wintersportler führt.  Die waren Idioten sitzen jedoch in den Redaktionen vieler Zeitungen, Radio- und Fernsehsender oder kommentieren ohne entsprechendes Fachwissen deren  Beiträge. Ein gutes Beispiel dafür, ist der von einem Radioblondchen auf der Facebookseite von Antenne blöd geteilter Beitrag.

Peinlich, dass sich ein Felix Neureuther, der im Gebirge praktisch mit den den Skiern an den Füßen aufgewachsen ist, sich vor den Karren von so einem Radioblondchen spannen lässt, dass vom tuten und blasen keine Ahnung hat. Er sollte durchaus wissen, dass es da zu differenzieren gilt.

 

Gute Links hierzu

https://www.merkur.de/bayern/antenne-bayern-felix-neureuther-kann-ueber-radio-debatte-nur-kopfschuetteln-11232058.html

https://becauseitsthere2017.wordpress.com/2019/01/14/risiko-powder-und-die-dies-sowieso-besser-wissen/?fbclid=IwAR2a9m5DpLlzSJrpbfXKb2d3ww95aXGm0I4BMcuo5SgtoYI2czbgx3u96xc

Wo bleibt der Klimawandel?

Um den Klimawandel ist es die letzte Zeit still geworden. Die Medien erwarten ein Kältewelle und bald schon wird die Russenpeitsche die Schlagzeilen bestimmen. Dabei wiederlegt der aktuell strenge Winter nicht den Klimawandel, genau so wenig, wie ihn der heiße Sommer 2018 bestätigt. Die Ursache  für bei Fälle sind „blockierende Wetterlagen“ Im Groben ausgedrückt bleiben einmal eingefahrene Wetterlagen sehr langen bestehen. Lägen wir auf der anderen Seite blockierenden Hochs, so würde warme Luft von Südwesten über die Alpen strömen und der Winter wäre von den Schneemengen her ein Totalausfall.

Es gibt seriöse Wissenschaftler, die für diese stabilen Wetterlagen die Verlangsamung der Rossby-Wellen verantwortlich machen.

Aber selbst da bin ich skeptisch. In meinem Leben habe ich schon zu viele medienwirksame Bedrohungsszenarien erlebt, die dann nicht so kamen, wie angekündigt. So die neue Eiszeit, das Ende des Erdöls, das Waldsterben und das Ozonloch.

Wie es auch immer kommt, wir müssen bereit sein, auf Veränderungen zu reagieren und akzeptieren,m dass die Natur stärker ist als wir. Es kommt eh anders, als berechnet.

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4 Kommentare zu „Nach der Schneekatastrophe – Wie konnten wir das nur überleben?“

    1. Brigitte, niemand hat am Sinn der Sperrung von Pisten gezweifelt oder irgendwas dagegen gesagt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen der hirnlosen, undurchdachten Einfahrt in eine gesperrte Piste bei Warnstufe 4 und einer wohlüberlegten Skitour auf einer lawinensicheren Route (wie z.B. dem Wertacher Hörnle)! Schwachsinnsmedien wie Antenne Blöd, meinen aber alle diese „Fahrer abseits gesicherter Pisten“ in einen Topf werfen und „egoistischer Selbstmörder“ auf diesen Topf drauf schreiben zu müssen. Und das regt jeden fachkompetenten Skitourengänger zu recht auf.

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  1. Zu den Schulausfällen muss man sagen, dass 1. Heutzutage viel extremer reagiert wird wenn dann mal etwas passiert
    2. In Lindau den Eltern die Entscheidung überlassen wurde, ob ihre Kinder zur Schule gehen oder nicht
    3. Gerade die nicht vorbereiteten Gebiete Probleme mit umgestürzten Bäumen etc. hatten
    4. Aus versicherungstechnischen Gründen, wie es heutzutage leider (oder Gott sei Dank) üblich ist, jeder sofort haftbar ist wenn er eine falsche Entscheidung getroffen hat
    … Durchaus nicht übertrieben und man nicht einfach die Verantwortlichen verurteilen kann. Man sollte lieber froh sein, dass keinem Schüler etwas passiert ist.

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