Krottenspitzen – Der längste Allgäuer Grat

Der markante Krottenspitzengrat mit seinen gegenläufig ausgerichteten Hörnern der Krottenspitze und des Krummen Turms  erstreckt sich landschaftsprägend über dem Oberstdorfer Talkessel. Die Überschreitung des gesamten Grates stellt eine der eindrucksvollsten und längsten Grattouren des Allgäus dar. Trotzdem erhalten die zahlreichen Zacken dieses Grates nur selten Besuch. Zu schwierig für den Wanderer und den normalen Bergsteiger, zu kurz die richtigen Kletterstellen, zu lang der Zustieg, zu viele Schrofenpassagen für den alpinen Kletterer. Der stete Wechsel zwischen leichtem und schwerem Gelände kostet Zeit und fordert eine angepasste Seiltechnik.

Krottenspitzengrat
Der erste Teil des Grates
krottenspitzengrat
Der Zweite Teil des Grates
SAM_3035
Der gesamte Grat vom Muttler gesehen

Ich habe den Grat insgesamt vier mal begangen und war jedes mal erneut beeindruckt von seiner Schönheit, aber auch von seinen Gesamtanforderungen, die man bei einer Tour mit ein, zwei Stellen im 4. Grad gar nicht erwarten würde. Bei unserer letzten Begehung im August 2014 habe ich die Bohrmaschine eingepackt und an den Schlüsselstellen ein paar Bohrhaken gesetzt. Dafür gab es großes Lob und heftige Kritik. Die Argumente der Befürworter und der Kritiker solcher Aktionen sind stets die selben und irgendwie haben beide Seiten irgendwie recht.

haken
Ein neuer Standhaken

Den Befürwortern der neuen Haken sei gesagt, dass der Grat dadurch kein bisschen leichter geworden ist, dass schon alleine auf Grund seiner Länge und seines wechselhaften Fels gar keine Plaisiertour entstehen kann.

Den Gegnern sei gesagt, dass sich lediglich an vier Seillängen von 27 (lt. Meinecke) ein bis zwei Zwischenhaken, sowie die Standplätze Haken gebohrt wurden, die unter anderem wenige alte Schlaghaken oder 2014 schon nicht mehr auffindbare Holzkeile ersetzen sollen.

Wobei zu sagen ist, dass kaum eine Partie den Grat in 27 Seillängen begeht. Viel mehr wird man mehrfach von standplatzmäßiger Sicherung auf das gleichzeitige gehen am kurzen oder langen Seil wechseln, wenn nicht gar der überwiegende Teil seilfrei zurückgelegt wird.

Trettach vom Krottenspitzengrat
Kratzer, Mädelegabel und Trettach

Wie auch in den Jahren zu vor waren wir gegen 6.00 Uhr früh in der Spielmannsau gestartet und zur Kemptner Hütte aufgestiegen. Auf den sich anbietenden  direkten Zustieg über den Krummen Stein und den Fürschießer haben wir bewusst verzichtet, da dessen steilgrasiges und erdiges Gelände am besten mit festen Bergschuhen zu begehen ist und wir für den eigentlichen Grat Zustiegsschuhe bevorzugten. Aber auch über die Kemptner Hütte lässt sich der Fürschießersattel gut erreichen, wo wir noch eine längere Pause einlegten, bevor die eigentliche Tour beginnt.

Schon nach wenigen Metern schnürt sich der breite Rücken zu einem scharften Grat zusammen und schon bald steht man vor der klettertechnischen Schlüsselstelle. Einem aüberhängendem Aufschwung, der rechts mittels abdrängdem Riß umgangen wird. Früher steckten hier mal ein Holzkeil und ein, zwei Schlaghaken. Inzwischen ist das alte Schicherungsmterial der Verwitterung zum Opfer gefallen. Aus diesem Grund habe ich hier die Standplätze und zwei Zwischenhaken angebracht.

Krottenspitze Schlüsselstelle
Die Schlüsselstelle am Gratbeginn

Der weitere Gratverlauf wird dann rasch wieder einfacher. Eine weitere, genaue Beschreibung des Gratverlaufes würde eine endlose Aneinandereihung von Zacken, Türmchen, Scharten, Rissen, Kaminen und Wändchen bedeuten, die den Leser ebenso langweilen würde, als das sie übrig ist, da sich der Routenverlauf eh von selbst ergibt.

Krottenspitzen Grat
Irgendwo in der Gratmitte

Markant ist allerdings ein größerer Aufschwung in der Gratmitte. Je nach Route (am besten erst rechts ausweichend, dann zurück an die Gratkante) wird hier ein guter IIIer gefordert. Seit 2014 stecken auch hier ein paar Haken. Dann geht es wieder im üblichen Stil weiter bis vor dem „Krummen Turm“ Dessen Überschreitung ist gewissermaßen das Herzstück der Tour. Mit einer Schartenüberhöhung von rund 50 Metern kann dieser als eigenständiger Gipfel gelten  und wäre somit einer der schwierigsten des Allgäus. Zumindest was die alpinen Gesamtanforderungen angeht. Bei Zeitmangel lässt sich dieser Turm auch rechts, westseitig umgehen, was aber schade wäre, da man so den prägenden Teil des Grates ausspart.

Zwischenablage011111
Zweiter Teil des Grates, gesehen von Nordost

Aus der Scharte vor dem Turm quert man zunächst auf einem Band nach links (Osten) bis hinter einem markanten Block ein sich nach links biegender Riß durch die Plattenwand emporführt. Der weitere Verlauf der drei Seillängen bis zum exponierten Gipfel ergibt sich wieder von selbst.

Mit einer luftigen Abseilfahrt von knapp 50 Metern erreicht man schließlich die Scharte vor der Krottenspitze. Nun wird sich so mancher fragen, warum gerade diese Abseilstelle nicht mit neuen bohrhaken ausgestatet wurde. Zum einen war es ein zeitliches Problem, zum anderen war am Ende des Gipfelgrates kein solider Fels zu finden, in dem man guten gewissens einen Abseilstand bohren konnte. Somit beließen wir es damit, den gesamten Gipfelblock mittels Reepschnüren und Bandmaterial weiträumig einzufangen, was in Summe durchaus solide erscheint. Erst knapp unter der Kante tritt fester und kompakter Hauptdolomit hervor, der sich zum anbringen eines Standes eigent. Mit dem entscheidenden Nachteil, dass man, um dort hinzukommen sichern müsste und zwar ebenfalls an dem maroden Gipfelfelsen. Gut nach knapp 25 Metern wollte ich eigentlich noch einen Zwischenstand anbringen. Das hätte den Vorteil, dass künftig auch ein 50 m Einfachseil für die Tour reicht. Doch dafür war es heute einfach schon zu spät.  Vielleicht machts ja mal jemand.

Zum Schluss folgt noch ein hellgrauer Plattenpanzer bis zum Gipfelaufbau der Krottenspitze. Dieser Plattenpanzer ist nur dann wirklich einfach, wenn man genau in der seichten Rinne in der Mitte aufsteigt. Der Gipfelblock wird schließlich rechtshaltend ohne Schwierigkeiten umgangen.

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Nach dem Krummen Turm. Nur in der Rinne geht es wirklich leicht weiter
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Gipfelpause
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Rückblick von der Krottenspitze über den gesamten Grat

Mit erreichen der Krottenspitze ist die Tour aber noch lange nicht zu Ende. Da der einzige direkte Abstieg nach Westen zum Schäferloch technisch nicht ganz einfach  und zudem von oben für ortsunkundige kaum zu finden ist, empfehle ich jedem auch noch die Öfnerspitze zu überschreiten. Dabei hält man sich stets am Grat bis man durch eine Rinne zwischen Öfnerspitze und Muttler nach Osten absteigen kann und somit entgülitg Wandergelände erreicht. Schöner ist es allerdings auch noch den Muttler mitzunehmen. Der Mehraufwand von nur wenigen Minuten entschädigt mit einem grandiosem Blick auf die gerade zurückgelegte Überschreitung.

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Steinböcke kann man rund um die Kemptner Hütte, also auch an den Krottenspitzen häufig beobachten. Danke Markus für das Foto

Ausgangspunkt  Oberstdorf, Parkplatz Renksteg oder Holzgau.

Für den Zusieg von Oberstdorf ist dringend ein Fahrrad zu empfehlen. Zwar fährt auch ein Bus in die Spielmannsau, doch sind dessen Abfahrtszeit so spät, bzw. Abends so früh, dass eine Tagestour kaum noch möglich ist. Wer kein Fahrrad hat, wähle Holzgau als Talort.

Karte: Alpenvereinskarte Allgäuer-Lechtaler Alpen West 2/1

Führer:  Allgäu-Kletterführer von Stefan Meineke. Derzeit vergriffen  ISBN: 9783931982089

Alpenvereinsführer Allgäuer Alpen (alte Auflagen in der noch alle Klettereien enthalten waren)

Hütten: Kemptner Hütte der DAV Sektion Kempten

Ausrüstung:   Helm, zwei Seile von mindestens 50 m Länge (Abseilen am Krummen Turm),  Bandschlingen. Wird der Krumme Turm umgangen, reicht ein Einfachseil.

Höhenunterschied: in Summe über 2000 m ab Parkplatz Renksteg

Schwierigkeit: im Fels Stellen bis IV, anhaltend II-III und exponiert, Zustieg zum Fürschießersattel:  leichtes Wandergelände auf markierten Pfaden. T3 nach SAC Wanderskala

Zustieg über den Krummen Stein und den Fürschießer:  Steilgras und steiler, erdiger Wald. Feste Bergschuhe dringend anzuraten.

T5 nach SAC Wanderskala

Geeignet für wen? Routinierte Kletterer,  für die der Klettergenuß und die Schwierigkeit nicht an erster Stelle stehen, denen das alpine Gesamterlebnis wichtig ist.  Stellen bis III sollten aus Zeitgründen seilfrei beherrscht werden.

 

Links:

Weitere schöne Bilder von Martin gibt es hier zu betrachten

Historische Informationen auf „Oberstdorf Online“

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu “Krottenspitzen – Der längste Allgäuer Grat”

  1. Servus Kristian,
    hab mich gerade auf Deiner Seite festgefressen … auch, weil ich mich (als eher „klassisch sozialisierter Bergsportler“) bei Deinen Positionen wohltuend oft wiederfinde. Dein Bericht zum Krottenspitzgrat (oder zum Hochvogel-Ostgrat) ist klasse – schön dass es immer noch Leute gibt die sowas klettern wollen. Super Bilder, auch vom Allgaeuer … habe in Erinnerungen geschwelgt!
    Bin das Ding im Juni 2014 mal solo gegangen (über Traufbachalp und Krummenstein), den Gipfelaufbau direkt (da könnst` auch noch ein bisschen bohren) und danach noch über Öfner- und Hornbachspitze auf den Krottenkopf. Ein Wahnsinnstag im schönen Allgäu …
    Grüße
    Thomas

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