Wenn alte Schwachschichten wieder aktiv werden

Im Frühjahr kommt es regelmäßig vor, dass alte, längst vergessene, bodennahe Schwachschichten in der Schneedecke wieder aktiv werden und somit zu einem Ansteigen der Lawinengefahr führen.

Meist passiert das, wenn die Durchfeuchtung von oben die Schwachschicht erreicht. Diese Situation führt regelmäßig zu unerwarteten Lawinenabgängen.

Das wieder auferstandene Altschneeproblem

 

Da ist zum einen das klassische, meist zentralalpine Altschneeproblem. Irgendwann nimmt auch hier die Bereitschaft zur Bruchfortpflanzung ab und es stellen sich sichere Verhältnisse ein. Bis im Frühjahr die Durchfeuchtung von oben die alte Schwachschicht erreicht. Dieses Phänomen habe ich mit diesem Blogbeitrag behandelt:

https://freieberge.wordpress.com/2015/05/12/altschnee-gefahrlich-bis-zum-schluss/

 

Gleitschnee auf Eisschichten

 

Mit einem weiteren Problem haben wir es offensichtlich heuer wieder zu tun. Die Rede ist von Gleitschnee auf Eisschichten. Ein Problem, dass so gar nicht von den fünf lehrbuchmäßigen Lawinenproblemen (Neuschnee- Triebschnee- Altschnee-Gleitschnee- und Nassschnee) erfasst wird.

Am ehesten kann man dieses Phänomen in die Kategorie „Frühjahrssituation“ aus den 10 Gefahrenmustern stecken.

Was ist passiert? Irgendwann, nachdem sich im Frühwinter bereits eine geschlossene Schneedecke gebildet hat, folgt hoch hinaufreichendes Tauwetter mit Regen und Wind. Bei kurzen Tagen, tiefem Sonnenstand bildet sich in der Folge oft einer mehr oder weniger mächtige Eisschicht an der Schneeoberfläche. War das Tauwetter massiv, so kann so eine Eisschicht oft mehrere Zentimeter dick sein. Sie löst sich dann meist im Laufe des Winters nicht mehr auf. Schneit es drauf, so bildet eine solche tragfähige!! Eisschicht nicht den besten, aber auch nicht den schlechtesten Untergrund. Nicht den schlechtesten deshalb, weil eine tragfähige Eisschicht kaum dazu geeignet ist, Bruchfortpflanzungen in der Schneedecke zu ermöglichen. Anders hingegen, eine dünne, brüchige Eislamelle.

Im Frühjahr, wenn Schmelzwasser von oben kommend, diese tragfähige Eisschicht erreicht, kann das Schmelzwasser diese nicht durchdringen. Es bildet sich auf der Eisschicht ein Schmierfilm, eine Wasserschicht, auf der die darüber liegende Schneedecke abgleiten kann.

Die Auslösung funktioniert ähnlich wie Gleitschnee, nur dass der „Gleitschnee“ eben nicht auf dem Boden, sondern innerhalb der Schneedecke abgleitet.

Die Wahrscheinlichkeit so einer Lawinen zum Opfer zu fallen, sehe ich als relativ gering an. Durch die Größe, Umfang und Beschaffenheit der Lawine wird die Überlebenswahrscheinlichkeit bei nahezu „null“ liegen, wenn es denn passiert.

So richtig bewusst, dass wir es heuer wieder mit so einem Problem zu tun haben, wurde mir beim Durchlesen eines Blogbeitrages vom Tiroler Lawinenwarndienstes. Hier wurde u.a. ein großes Schneebrett an der Greitjochspitze abgebildet.

2019-04-24 Untere Gamswaid [Florian Kerber] (1)
Foto  aus dem Blogbeitrag vom Tiroler LWD mit freundlicher Genehmigung von Florian Kerber, bzw. LWD Tirol (24.4.2019)
Am 27.4.2019 konnte ich im Güntle unterhalb des Pontens ebenfalls in der Schneedecke abgegangene „Gleitschneebretter“ feststellen und tatsächlich: An einer Stelle mit nur mehr wenig Schnee entdeckte ich die vermutete Eisschicht vom Frühwinter.

 

Wir haben es also mit einer ähnlichen Situation wie 2015 zu tun, die ich hier beschrieben habe.

https://freieberge.wordpress.com/2015/05/16/uberraschende-riesenlawine-am-schneck/

Anrisskante Lawine Schneck 16.5.2015
Mai 2015 am Schneck, Allgäuer Alpen. Eine ähnliche Situation ist in der Region aktuell auch anzutreffen.

im aktuellen Winter 2018/-19 hat im Allgäu und im Außerfern am 23.12.2019 bis über 2.300 hinauf begleitet von kräftigem Wind geregnet. Es folgte ein Temperatursturz am Heilig Abend.

Schneeprofil Daumen am 25.12.2019
Schneeprofil am 25.12.2018 am Gr. Daumen, Allgäu

Schneeporifl Daumen 25.12.2018.jpg

Schneeprofil Gümple
Schneeprofil ca. ein Kilometer östlich der Greitjochspitze vom 3.1.2019

Es bildete sich in Folge auf der Schneeoberfläche eine harte, tragfähige Eisschicht, die es nach und nach überschneit hat. Die großen Schneemengen die folgen sollten und das Auf und Ab der Schneefallgrenze haben die darüber liegende Schneedecke hart und kompakt werden lassen. Spätestens als die Schneedecke überall in der Region die 2-Meter marke überschritten hat, hat sich kaum noch einer die Mühe gemacht, durch bleistift- bzw. messerharten Schnee bis zum Boden oder wenigstens bis zur Eisschicht zu graben. Warum auch. Diese war für die Auslösung von Schneebrettern eh nicht mehr relevant. Nicht relevant so lange, bis die Durchfeuchtung von oben eben diese Schicht erreicht hat.

 

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